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Kukuruz und Hieb

Im ersten Teil der Romantrilogie "Die Zugereisten" erzählt Lojze Kovacic von seiner eigenen Heimatlosigkeit

Von ROLF WÖRSDÖRFER

Anfang Mai 2004 starb in Ljubljana im Alter von 75 Jahren Lojze Kovacic. In Vilenica war er 2001 als einer der bedeutendsten Romanciers Sloweniens geehrt worden. Die Tatsache, dass er in Basel geboren wurde und diese Stadt 1938 zusammen mit seinen Eltern verlassen musste, bildet den Hintergrund für eine Romantrilogie, deren erster Band jetzt in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

Die Narration beginnt an jenem Sommertag, an dem der Vater, die Mutter und zwei ihrer Kinder - darunter der Ich-Erzähler - mit ihren Habseligkeiten den Zug besteigen, um nach Ljubljana zu reisen. Der Vater ist ein slowenischer Kürschner und Schneider mit jugoslawischem Pass, der es in der Schweiz versäumt hat, sich rechtzeitig um seine Einbürgerung zu bemühen. Die Mutter, aus einer zweisprachigen saarländisch-lothringischen Unternehmerfamilie stammend, ist nicht glücklich verheiratet. Ein Mann, den sie tatsächlich liebte, starb vorzeitig. Dann gab sie dem Drängen ihres Vaters nach und ging die Ehe mit dem für seinen Fleiß bekannten, sonst aber unattraktiven Kürschner ein.

Anfänglich lebt die Erzählung vor allem von einem Spannungsverhältnis: Der Erzähler, ein bei der Ausreise zehn Jahre alter Junge namens Samson, hat von seinem Vater viel über Slowenien gehört, ist aber offenbar nie dort gewesen. Die in der kindlichen Phantasie ausgeschmückten väterlichen Erinnerungen und Berichte werden nun von der Realität zurechtgerückt. Der Erzähler beginnt, Dinge miteinander zu vergleichen, die sich nur schwer vergleichen lassen: den Rhein bei Basel mit dem Flüsschen Krka in Unterkrain, die slowenische Sprache mit dem Schwyzerdütschen.

Solche Inkongruenzen ziehen sich durch den ganzen Roman, doch stehen sie in einer Verbindung zu dessen Thema: dem sozialen Abstieg und der Entwurzelung von Menschen, die es in den zwanziger Jahren zu etwas gebracht haben, denen dann aber die Weltwirtschaftskrise und das fremdenfeindliche Ausweisungsdekret zum Verhängnis werden. Sehr plastisch stellt Kovacic dar, wie die soziale und die private Dimension des Unglücks ineinander verschränkt sind.

Sozialer Abstieg und Entwurzelung

Die Zugereisten bleiben nicht in Ljubljana, sondern sie finden bei Verwandten Unterschlupf, die im Tal der Krka eine Landwirtschaft betreiben. Im bitter armen Umland der Kleinstadt Novo mesto schießt nicht nur der Kukuruz hoch, um den Kindern vielfältige Versteckmöglichkeiten zu bieten. Es prallen auch die Gegensätze zwischen den städtisch sozialisierten, kaum des Slowenischen mächtigen Rückwanderern und den im Dorf verbliebenen Verwandten aufeinander. Samson lernt in der Schule eifrig, behält aber eine sehr fremd klingende Aussprache; seine slowenischen Sätze sind voller Fehler. Der Konflikt mit den Onkeln und deren Familienangehörigen spitzt sich zu. Ausgleichend könnte nur noch der in Slowenien geborene Vater wirken. Doch der muss Arbeit suchen und kann die ganze Woche über nicht bei seiner Familie sein.

Die Verwandten, denen die Rückkehr der "Schweizer" oder "Deutschen" an die Krka lästig ist, lassen keine Gelegenheit aus, die Neuankömmlinge zu schikanieren. Der Satz "Geht doch dorthin zurück, wo ihr hergekommen seid" wird zum neuen Leitmotiv des Romans. Als die Mutter und ihre Kinder am Ende beschließen, dem Vater zu folgen und an die nördliche Peripherie Ljubljanas zu ziehen, tritt keine wirkliche Besserung ihrer Lage ein. Die Familie ist gezwungen, in einem einzigen Zimmer zu leben, das dem Kürschner zeitweise auch noch als Werkstatt dient. Der pubertierende Ich-Erzähler, der mit seinen ausufernden sexuellen Phantasien an manche Romanfiguren Pier Paolo Pasolinis erinnert, erhält regelmäßig Hiebe mit dem Stock. So etwa, weil er den Eltern verheimlicht hat, dass er ein Schuljahr wiederholen muss. Katastrophe folgt auf Katastrophe. Der Vater erkrankt an Tuberkulose. Die Familie leidet Hunger. Die ältere Schwester - sie ist erst Monate später nach Slowenien gekommen - prostituiert sich, um den Zimmerwirt von einer Kündigung des Mietvertrags abzuhalten.

Germanophile Anbiederung

Anfangs kaum merklich, gegen Ende dann umso deutlicher, ist die Familiengeschichte von einem politischen Diskurs durchsetzt, dessen Kernthema der Expansionsdrang Deutschlands und Italiens im slowenischsprachigen Raum ist. Die Remigranten müssen die von Nachbarn und Verwandten vorgetragene Schmähung, sie seien "Deutsche" und "Hitler-Anhänger", ebenso verkraften, wie die germanophilen Anbiederungsversuche von Slowenen, die ahnen, dass das "Großdeutsche Reich" bald auch ihr Land oder Teile desselben okkupieren wird.

Die territorialen Ambitionen der zweiten Achsenmacht sind nur angedeutet: Zum Bekanntenkreis der Zugereisten in Ljubljana zählt eine antifaschistische Emigrantenfamilie aus Julisch Venetien. Der Sohn, ein Spielkamerad Samsons, kennt alle Schiffstypen des Hafens von Triest, einer Art Basel an der Adria - so muss es dem Jungen scheinen. In der aufgeheizten Atmosphäre bleiben Samson alle dauerhaft weiterführenden interkulturellen Erfahrungen versagt. Am ehesten findet er Verständnis bei Soldaten aus dem Süden Jugoslawiens, die ebenso schlecht Slowenisch sprechen wie er selbst. Kurze Zeit später zieht Samson mit seinen Eltern ins Stadtzentrum um. Unter seinen neuen Freunden rekrutiert er eine eigene "Armee", um Kämpfe gegen Jungen aus anderen Stadtteilen führen zu können. Die militärische Taktik entlehnt er dem reichlich vorhandenen Wochenschau- und Illustriertenmaterial über die Feldzüge im Osten und Norden Europas (Deutsche gegen Polen, Russen gegen Finnen).

Der erste Teil des Romans endet mit der Besetzung Ljubljanas durch italienische Truppen im April 1941. Erfreulich wäre es, wenn auch die weiteren Bände bald in deutscher Sprache erscheinen würden

Lojze Kovacic: Die Zugereisten. Eine Chronik. Erstes Buch. Aus dem Slowenischen übersetzt von Klaus Detlef Olof, Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec 2004, 320 Seiten, 23 Euro.

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