Kugelgestalt & Co.

Mit "Im Weltinnenraum des Kapitals" gibt Peter Sloterdijk all jenen noch eine Chance, denen die Sphären-Trilogie zu umfänglich war

Von MARIO SCALLA

Wie oft wurde nicht schon gesagt, dass die Epoche der großen Intellektuellen und ihrer anmaßenden, weltumfassenden Systeme vorüber sei. Originalität gebe es heute nur noch in der kleinen Münze einer Meinung zu diesem oder jenem politischen oder kulturellen Ereignis, und der Intellektuelle sei zu einer Randfigur degradiert, die neben allerlei Prominenz um mediale Aufmerksamkeit buhlt. - Nun, Peter Sloterdijk betreibt dieses Geschäft recht erfolgreich. Er ist selten um eine marktgängige These zu wichtigen Themen verlegen und kann sie mittlerweile sogar via Fernsehen verbreiten. Folgerichtig steht er bei seinen Kritikern im Verdacht, dem Zeitgeist zu dienen und gefällige Stichworte zu allerlei modischen Diskussionen zu liefern.

Sein neuestes Buch Im Weltinnenraum des Kapitals nährt zunächst diese Vermutung. Die Doppelstrategie ist offensichtlich. Zum einen sind Kapital und Kapitalismus wieder en vogue; vermutlich wird dies eine lange Weile so bleiben und dieses Thema periodisch ins Licht der großen Öffentlichkeit zurückkehren. Zum anderen hat Peter Sloterdijk erst vor kurzem die dicken Bände seiner Sphären-Trilogie vorgelegt. Die knapp dreitausend Seiten sind ein verdammt harter Stoff, auch wenn Sloterdijks Methode einer erzählenden Philosophie den Lesern entgegenkommt.

Wie plausibel erscheint es da, das Ganze einzudampfen, und an ein aktuelles Thema anzuhängen? Tatsächlich sind die Überschneidungen zwischen der Trilogie und dieser neuen Veröffentlichung beträchtlich. Der Autor spricht dezent und mit viel Understatement von einem "Seitenflügel" der Sphären-Trilogie. Um im Bild zu bleiben: Dieser Flügel ist arg gerümpelig, aber da alle Wege in den Haupttrakt führen, ist das zu verschmerzen.

Auch Phileas Fogg ist wieder dabei

In seiner Trilogie hatte Sloterdijk die originelle Idee, das Phänomen der Globalisierung von der Kugelgestalt der Erde her aufzurollen. Alles, was rund, ei- oder wabenförmig war, fand sein Interesse und führte zu einer umfassenden Formenkunde des Runden. Vor allem zum zweiten Band Globen weist im neuen Buch so manche gut sichtbare Fährte. Erzählt wird in Im Weltinnenraum des Kapitals die Geschichte der Globen und der Weltkarten; Jules Vernes Reisender Phileas Fogg erscheint in beiden Büchern als erster, den Globus sportlich abwickelnder Tourist, Moby Dick taucht auf, und die Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts werden hinlänglich gewürdigt. Das liest sich interessant und instruktiv. In den letzten Jahren sind zwar einige Bücher über die Geschichte der Kartographie veröffentlicht worden, aber keiner erzählt mit dem philosophischen Hintergrund und der ornamentalen Materialfülle wie Sloterdijk.

Er stürzt sich auf die Geschichte der "Globonauten" Magellan und Kolumbus, berichtet vom aufkommenden Versicherungswesen, das sich den zunehmend als riskant empfundenen Seeabenteuern verdankt, oder von den Problemen mit dem Wasser. Europäische Kartographen mussten überrascht, ja sogar schockiert zur Kenntnis nehmen, dass die Oberfläche des Globus vorwiegend flüssig ist und vor allem ihr alter Kontinent nun gar nicht mehr so großartig ausschaut.

Wichtig war auch die Ersetzung der Globen durch zweidimensionale Karten, eine Umstellung, die beträchtlichen Einfluss hatte auf die Fahrten der Entdecker, Abenteurer und Wissenschaftler. Insofern geht die Rechnung auf und Sloterdijks neues Buch fungiert als Appetizer, dem bitte das Hauptmenü nachfolgen möge. Warum auch nicht - schließlich hat auch Niklas Luhmann eine Einführung in die Systemtheorie geschrieben, die noch heute als die beste auf dem Markt befindliche angesehen wird.

Dann trifft Rilke auf Marx

Aber Sloterdijk hat im Titel mehr als eine Einführung in sein Sphären-Projekt versprochen, und damit beginnen die Probleme. "Weltinnenraum" und "Kapital" sind die beiden Stichworte; das eine stammt vom Lyriker Rilke, das andere bekanntlich von Karl Marx. Ersterer spielt tatsächlich im Buch eine Hauptrolle, der Autor des Kapital aber musste so gut wie draußen bleiben. Mit Kapital und Kapitalismus kann Sloterdijk offensichtlich überhaupt nichts anfangen. Allenfalls Hardt und Negri haben einen Blitzauftritt mit ihrem Bestseller Empire, um schnell abgewatscht zu werden und in der Versenkung zu verschwinden.

Stattdessen kommt vom islamischen Terrorismus, dem Unilateralismus der USA und der Wohlstandsgesellschaft bis zum Posthistoire alles vor, was in denn letzten Jahren mediale Aufmerksamkeit erhielt. So wird Sloterdijk zum omnipräsenten Meinungsbesitzer und Philosophendarsteller.

Seine Wandlungsfähigkeit ist beachtlich. Nachdem er sich mit dem "Einbruch der neuen Medien in die Komfortsphäre" und den fossilen Energieträgern beschäftigt hat, mutiert er zum Tierschützer. Das Hauptgewicht der Ausbeutung nämlich, so der Autor, habe sich von den Menschen zu den Nutztieren verlagert. Diese völlig überraschende Wendung hätte sich der Theoretiker des Kapitals nun wirklich nicht träumen lassen.

Vor allem im hinteren, zweiten Teil zerfasert Sloterdijks Buch beträchtlich. Beide Teile jedoch eint eine kokette Misanthropie: Es geht mies zu in der Welt, aber solange ich darüber rede, ist es auszuhalten. Solange diese Haltung von einer theoretischen Neugier auf das historische Material im Zaum gehalten wird, wie in den Abschnitten über die Globonauten und seekundigen frühen Globalisierer, ist Sloterdijk ein inspirierender Autor. Wenn das aber nicht der Fall ist, nervt die Attitüde des Groß-Intellektuellen und das damit einhergehende hochtrabende Schwafeln.

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