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Der Küsser von Caputh

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Es könnte der letzte Sommer sein.
Es könnte der letzte Sommer sein. © © epd-bild / Bernhard Grimm

Jörg Aufenanger hat einen herrlich vergnüglichen kleinen Liebes- und Sommerroman geschrieben.

Von Sabine Vogel

Natürlich ist er das nicht. Dieser närrische Alte, der sich da von einer Dame in auch nicht mehr jugendlicher Frische auf der Fähre am Schwielowsee in Brandenburg abschleppen lässt, sie gleich bei der ersten Verabredung in aller Öffentlichkeit küsst und es zum Äußersten, nun ja dem Versuch dazu, kommen lässt, nein, das ist keinesfalls der uns bekannte Autor seriöser Sachbücher und historischer Biografien sowie der Übersetzer des französischen Nobelpreisträgers Patrick Modiano.

Obgleich die biografischen Ähnlichkeiten nicht zu übersehen sind. Wie Anton Henze, der Held seines kleinen Liebesromans, verbringt auch Jörg Aufenanger die Sommer in seinem Häuschen in Caputh, wie jener ist er ein Westberliner aus der Literaturszene, der genug „langweilige Lesungen im Buchhändlerkeller“ erlebt hat. Bestimmt genießt auch er gerne den märkischen Sonnenuntergang bei einem Glas Frascati in einem der Restaurants an der Promenade, das Rentenalter kommt auch in etwa hin, und ein Charmeur ist der Herr allemal.

Ganz undenkbar wäre es also nicht, dass der heiter abgeklärte Flaneur sich in solch eine Amour fou stürzen würde. Und genau da beginnt die Kunst: Indem sie das Mögliche in die Wirklichkeit einer Geschichte überführt, feiert sie die Macht der literarischen Erfindung. Jörg Aufenanger feiert sie höchst vergnüglich, indem er sein unmögliches Alter Ego voll spöttischer Lust noch einmal die Fülle aller Peinlichkeiten des Verliebtseins auskosten lässt.

Henze, der unentwegt und zusehends unglaubwürdig das melancholische Glück seines triebabholden Alleinseins beschwört, ergibt sich willenlos den Übergriffen der sinnesfreudigen Draufgängerin. Zur Affäre mit der Ostlerin – „Aber küssen kannste wirklich super!“ – flirtet und knutscht der alte Geck auch noch schamlos mit der jungen Kellnerin Babette. Die Abba-Revival-Band spielt „My Waterloo“ für ihn, und bei der Dessous-Party spannt plötzlich der gestreifte Slip noch einmal über dem alten Heini. Dem Helden dieser herrlich komischen Liebesgeschichte ist keine Lächerlichkeit mehr fremd, kein Aufwallen des faltigen Körpers zu töricht: Es könnte der letzte Sommer sein.

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