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Robert Menasse 2017 bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises.

Fiktive Hallstein-Zitate

Künstlerische Freiheit des Dichters

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Robert Menasse entschuldigt sich für seine Fiktion über eine Rede Walter Hallsteins in Auschwitz. Seine Erklärungen wirken wenig überzeugend.

Wolf Biermann hat, wenn es um künstlerische Anleihen bei anderen Dichtern wie Heinrich Heine ging, gern und oft sein Vorbild Bertolt Brecht herangezogen mit der Ansicht, dass man es in Fragen des geistigen Eigentums lieber nicht allzu genau nehmen solle. Biermann sagte das auf großer Bühne, im Publikum schmunzelte man dazu. Dichter dürfen, wenn es denn der dichterischen Wahrheit dient, was Vertreter anderer Berufsgruppen lieber lassen sollten: einen schludrigen Umgang mit Zitaten pflegen, verkürzen, aus dem Zusammenhang reißen.

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse beansprucht nun eine ganz ähnliche Haltung wie Biermann, allerdings in einem politisch durchaus heiklen Fall. Ihm wird vorgeworfen, Haltungen des Europapolitikers Walter Hallstein aus dem Jahr 1958 fälschlicherweise in Form von direkten Zitaten ausgegeben zu haben. Die rheinlandpfälzische Landesregierung prüft deswegen, ob Robert Menasse nun, wie geplant, am 18. Januar die Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes verliehen werden könne.

Aussagen Hallsteins komplett erfunden 

Hallstein war der erste Präsident der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG. Menasse zitierte ihn unter anderem mit dem Satz: „Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee.“ Hallstein hat den Satz aber so nie öffentlich gesagt. Falsch ist ebenfalls Menasse Behauptung, dass er auf dem Gelände des ehemaligen NS-Konzentrationslagers Auschwitz gesprochen habe. Diese Ortsangabe findet sich in Menasses Roman „Die Hauptstadt, für die er 2017 mit dem Deutschen Buchpreis der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet worden war.

In der Tageszeitung „Die Welt“ hat sich Menasse - wie berichtet - entschuldigt und gerechtfertigt. „Die Quelle (Römische Rede) ist korrekt. Die Wahrheit ist belegbar. Die These ist fruchtbar. Was fehlt, ist das Geringste: das Wortwörtliche“, wird Menasse in der „Welt“ zitiert. Ein freier Umgang mit Quellen sei für Journalisten und Wissenschaftler tatsächlich nicht zulässig, so Menasse, für Dichter gelte das aber nicht. In einem Beitrag für die Österreichische Zeitung „Die Presse“ hat Menasse seinen Standpunkt präzisiert. Er sei auch keineswegs entlarvt worden. „Ich habe selbst, etwa bei Lesungen oder Buchpräsentationen, auf Fragen nach Zitaten verschiedentlich darauf hingewiesen, dass ich Walter Hallstein nicht wörtlich, sondern sinngemäß wiedergegeben habe.“ 

Damit macht es Menasse sich allerdings ein wenig einfach. In den zuerst vom Historiker August Heinrich Winkler bereits 2017 kritisierten Textstellen geht es keineswegs um Hallstein als literarische Figur. Vielmehr hat Menasse sich wiederholt engagiert in politische Debatten über Europa eingemischt, u.a. in dem Essayband „Der europäische Landbote“ sowie in gemeinsamen Texten mit Europapolitikerin Ulrike Guérot. Diese hat inzwischen eingeräumt, die von Menasse beigesteuerten Zitate nicht überprüft zu haben.

Schwerer als die Hallstein-Zitate wiegt der Vorwurf, Menasse habe mit dem erfundenem Romanschauplatz Auschwitz ein böses Spiel mit der historischen und symbolischen Bedeutung des NS-Vernichtungslagers getrieben. In seiner Replik in „Die Presse“ nimmt Menasse auch dazu Stellung und behauptet darin einmal mehr sein Recht auf dichterische Freiheit. „Dass die historische Figur Hallstein eine Rede in Auschwitz gehalten haben soll, hat mir im Zuge meiner jahrelangen Recherchen in der Kommission tatsächlich jemand erzählt – diese nicht nachgeprüfte Information habe ich in meinem Roman „Die Hauptstadt“ verwendet, denn für Romane gelten andere Regeln als für Doktorarbeiten.“

Der nachfolgende Satz klingt dann aber schon ein wenig einsichtiger. „Falls diese Details als historisches Faktum missverstanden wurden, tut mir das leid. Ich kann, mich selbst kennend, auch nicht ganz ausschließen, dass in den Podiumsgesprächen, die Lesungen üblicherweise folgen, ich selbst zu solchen Missverständnissen beigetragen habe.“

So sprechen Politiker, wenn sie, bei welcher Angelegenheit auch immer, zurückrudern müssen. Bei allem künstlerischen Trotz, den Menasse in den vergangenen Tagen unter Beweis gestellt hat, klingt das denn auch nicht danach, dass die Ortswahl Auschwitz in dem Roman „Die Hauptstadt“ das Ergebnis einer ausgeklügelten dichterischen Strategie war. Zur künstlerischen Freiheit gehört wohl auch die Möglichkeit, sich täuschen zu können. Als Zwischenergebnis gilt auch für das Prüfungsverfahren der rheinland-pfälzischen Landesregierung festzuhalten, dass Menasse sich wohl in seinen verschiedenen Rollen als Schriftsteller, Essayist und politischer Akteur verheddert hat.

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