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Künstler in Sachen Diplomatie

Weltmacht Vatikan seit 1970: Ludwig Ring-Eifel über den Wiederaufstieg der Päpste in der Politik

Von MARKUS BRAUCK

Es gibt diesen kleinen ironischen Dialog über die Vergeblichkeit, sich mit Gott an zulegen. "Gott ist tot. Nietzsche." - "Nietzsche ist tot. Gott." Ähnliches könnte man für den Vatikan stricken. Reiche kommen und gehen, und die Päpste treiben weiter Politik. "Wie viele Divisionen hat der Papst? Stalin." - "Wie alt wurde die Sowjetunion? Johannes Paul II."

Der jetzige Papst verdankt seine Größe außenpolitischen Erfolgen, vor allem seinem Eintreten für die polnische Opposition, die den Zusammenbruch des Ostblocks einleitete. Dieses Wirken von Karol Wojtyla ist oft beschrieben worden. Ludwig Ring-Eifel unternimmt in seinem Buch Weltmacht Vatikan einen weiter gefassten Versuch. Er beschreibt den Wiederaufstieg der Päpste in der Weltpolitik seit der vatikanischen Stunde Null, dem 20. September 1970. Italienische Truppen besetzten Rom, die letzte Bastion des Papstes, den kleinen Rest vom Kirchenstaat. Der Papst als weltlicher Herrscher, der er seit dem 8. Jahrhundert gewesen war, hatte aufgehört zu existieren. Papst Pius IX. lebte wie ein Gefangener im Vatikan. Die weltpolitische Bühne, auf der die Päpste Jahrhunderte immerzu nach der Hauptrolle gestrebt hatten, strich den Papst von der Besetzungsliste. Er war nur noch ein religiöses Oberhaupt. Doch nicht für lange.

Der Verlust des Staatsgebietes, der völkerrechtswidrig zustande gekommen war, erwies sich für das zunächst erschütterte Papsttum als Glücksfall. Ohne die Last der Verwaltung und Regierung eines weltlichen Staates konnte sich der Vatikan, nachdem er sich mit der Situation arrangiert hatte, ganz der Spitzendiplomatie widmen, kurz, dem, was die Päpste seit Jahrhunderten am liebsten getrieben haben: Weltpolitik.

Doppelrolle in Staat und Religion

Ring-Eifel zeigt diesen Hintergrund, der zum Verständnis des Vatikans unerlässlich ist. Der Papst spielt eine Doppelrolle, ist Staatsoberhaupt und religiöser Führer zugleich. Er kann die Rolle wechseln, wie es passt. Einerseits hat er das Recht, als Staatsoberhaupt mit allen protokollarischen Ehren empfangen zu werden, können vatikanische Diplomaten bei der Uno mitmischen. Andererseits kann er, wo die Diplomatie nicht weit reicht, auch in seiner anderen Rolle auftreten, als Oberhaupt der katholischen Kirche. Was Johannes Paul II. sich etwa zunutze macht, wenn er Länder bereist, zu denen der Vatikan keine diplomatischen Beziehungen pflegt. Die Kritik am Irakkrieg konnte der Papst auf diplomatischen Wegen ventilieren und zugleich als Religionsführer moralisch verurteilen.

Die Stärke des Buches von Ludwig Ring-Eifel besteht darin, dass er detailliert aufzeigt, wie sehr Johannes Paul II. von der Aufbauarbeit seiner Vorgänger profitiert. Alle wollten zurück auf die Weltbühne. Dazu gingen sie auch auf fragwürdige Nähe zu Mussolini und Hitler, riskierten währen des Kalten Krieges, von den Weltmächten USA und Sowjetunion vor den Karren gespannt zu werden. Oberstes Ziel der Diplomatie war es dabei, von allen Mächten unabhängig, gewissermaßen blockfrei zu bleiben, um als moralische Instanz nicht unterzugehen.

Diesen Schein musste auch Johannes Paul II. wahren, als er die ganze Macht seines Amtes nutzte, um die polnischen Gewerkschafter gegen die sozialistischen Machthaber zu unterstützen. Dabei wagte er sich im Geheimen in gefährliche Nähe zu US-Präsident Ronald Reagan. Doch für den Vatikan gibt es nur Zweckbündnisse auf Zeit. Schon unter Clinton, dessen Eintreten für sexuelle Selbstbestimmung im Vatikan auf schroffe Ablehnung stieß, kühlte das Verhältnis spürbar ab.

Bei der Kairoer Konferenz der vereinten Nationen über Bevölkerung und Entwicklung schmiedeten vatikanische Diplomaten dann ein Bündnis, das Clinton eine empfindliche Niederlage einbrachte. Ring-Eifel beschreibt etwa diese Auseinandersetzung sehr sachlich, vermeidet es aber zu sehr, die Verquickung religiöser Wertvorstellungen mit diplomatischer Macht kritisch zu reflektieren, und lässt sich stellenweise zu sehr vom oft nur vermuteten Einfluss des Vatikans blenden.

Paradoxerweise verdankt der Papst seine mächtige Stellung letztlich dem Verzicht auf den Absolutheitsanspruch, allein Vertreter der Wahrheit zu sein. Der Verzicht auf die im engeren Sinn weltliche Macht 1870 war noch von außen diktiert. Doch bedeutend für die diplomatische Macht war auch die Anerkennung der Vereinten Nationen als Schiedsrichter zwischen den Staaten - eine Rolle, die der Vatikan seit Jahrhunderten für sich in Anspruch genommen hatte - durch Johannes XXIII., womit der Vatikan sich zum ersten Mal in eine Institution einordnete.

Menschenrechte und Dialog

Johannes Paul II. setzte diesen Weg geschickt fort, indem er die Menschenrechte unabhängig von der christlichen Lehre als verbindlich akzeptierte und auf diese Weise eine Dialogmöglichkeit mit laizistischen oder kirchenfeindlichen Staaten eröffnete. Nicht ohne Eigennutz. Der Vatikan dringt stets darauf, dass die Anerkennung der Menschenrechte auch die freie Religionsausübung einschließt und damit auch die Nichteinmischung des Staates in kirchliche Angelegenheiten. Das war auch Hauptaugenmerk der päpstlichen Diplomatie bei der Erarbeitung der Europäischen Verfassung.

Ring-Eifel stellt diesen Grundzug der vatikanischen Diplomatie, einerseits moralische Instanz zu sein und andererseits - völlig legitim - für eigene Interessen zu arbeiten, sehr sachlich dar. Auf diese Weise entsteht nebenbei ein überraschend ausgeglichenes Porträt des jetzigen Papstes. Ring-Eifel ist kein Gegner dieses Papstes. Er geht aber auch nicht - wie manche Biografen - dem Mythos Johannes Paul II. auf dem Leim. So wird der politische Mut dieses Papstes und mancher seiner Vorgänger plastisch, vor allem aber sieht der Leser, wie nah die "Weltmacht Vatikan", die in der Tat keine Divisionen hat, immer wieder am Rand der Ohnmacht vorbeischrammt.

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