Den Erfolg als Superstar gewöhnt: Rudolf Nurejew im Jahr 1964.
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Den Erfolg als Superstar gewöhnt: Rudolf Nurejew im Jahr 1964.

Tanz

Der Künstler als feuriger junger Hund

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Und als vom Tanz Besessener: Julie Kavanaghs Maßstäbe setzende Biografie über den Superstar Rudolf Nurejews und Carlos Acostas muntere Autobiografie.

Auf YouTube, wo man mittlerweile unzählige raubkopierte Filmausschnitte findet, kann man auch eine Aufnahme vom Auftritt Rudolf Nurejews auf einem Polizeirevier in San Francisco sehen. Er war auf einer Party gewesen, bei der es Drogen gab, und verhaftet worden. Scharen von Reportern sind dabei, als er einige Stunden später auf Kaution wieder freigelassen wird.

Die Aufnahme zeigt einen jungen Mann mit strubbeligem Haar, in dunklem Mantel steht er vor einer Art Theke, der Polizist dahinter füllt ein Formular aus. Ehe er unterschreibt, dreht der junge Mann sich ganz ohne Hast zu den Journalisten um. Lehnt lässig, einen Ellbogen aufgestützt. Jetzt zeigt die Kamera sein Gesicht in Nahaufnahme. Eine unglaubliche Mischung aus Hochmut und Amüsement leuchtet aus den Augen, der Mund zuckt gerade so viel, dass man den Hauch eines Lächelns wahrzunehmen meint. Rudolf Nurejew genießt seinen Auftritt (man kann dies nur Auftritt nennen) und versucht nicht einmal, das zu verbergen.

Rudolf Nurejew Superstar. Wäre das Leben des nach Nijinsky wohl berühmtesten Tänzers eine Kerze gewesen, sie hätte drei, vier, fünf Dochte gehabt, und alle hätten gleichzeitig gebrannt, ach was, gelodert. Dass Nurejew unersättlich war in jeder Hinsicht, davon hat sprachmächtig der Schriftsteller Colum McCann in seiner Roman-Biografie "Tänzer" erzählt. Wie er außerdem das klassische, vor allem auf die Primaballerina gerichtete Ballett verändert, wie er dank seines Könnens (und Egos) den männlichen Tänzer wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit katapultiert hat, das macht nun die 1000-Seiten-Biografie Julie Kavanaghs detailreich deutlich.

Es ist nicht die erste Nurejew-Biografie, aber vermutlich die am sorgfältigsten recherchierte - und gut geschrieben dazu. Kavanagh war auf der Royal Ballet School, sie arbeitete für Vanity Fair und den New Yorker. In "Nurejew" bringt sie Kenntnis, Zähigkeit - zehn Jahre arbeitete sie an dem Buch - und journalistisches Handwerk aufs Beste zusammen.

Am 17. März 1938 wird Rudik, wie ihn Familie und Freunde nennen, als Sohn der Tataren Farida und Hamet Nurejew in einem Zug der Transsibirischen Eisenbahn geboren - ein gleichsam symbolischer Geburtsort für einen Ruhelosen, von Bewegung Besessenen. Die Familie ist so arm, dass Hunger, Schmutz, Enge die prägendsten Erfahrungen des Kindes sind. Kavanagh erzählt, wie der todkranke, weltberühmte Nurejew, der sich jede Pflege hätte leisten können, zuletzt wieder damit begann, auf dem Boden zu schlafen und nichts anderes als Kartoffeln zu essen.

Nurejew schlägt einen Ballettmeister K.o.

Rudolf trainiert auch dann Stunde um Stunde, wenn er es mit leerem Magen tun muss. Von Anfang an ist er im Unterricht aufbrausend, selbstbewusst, egozentrisch. Seine Wutanfälle sind berüchtigt und werden es bleiben, noch als Ballettchef in Paris wird er einen Ballettmeister, über den er sich ärgert, K.o. schlagen. Als junger Tänzer will er nicht warten, sich hochdienen in der Ensemble-Hierarchie. Er möchte alles, sofort. Die besten Rollen, den größten Applaus. Da er offensichtlich talentiert ist, fördert ihn die sowjetische Ballettmaschinerie. Aber einer wie er muss sich an ihr den Kopf blutig stoßen.

An dieser Stelle, aber nicht nur hier, hat Kavanaghs Nurejew-Biografie große Ähnlichkeit mit der 35 Jahre später beginnenden Geschichte des kubanischen Tänzers Carlos Acosta. "Kein Weg zurück" hat Acosta, geboren 1973, seine anrührend offene Autobiografie genannt. Zwar wird Carlos zunächst von seinem Vater buchstäblich zum Ballettunterricht geprügelt (lieber möchte der Junge Fußballer werden), aber als er dann Feuer gefangen hat, wird aus ihm ein vom Tanz Besessener.

Wie Nurejew hat er keine künstlerische Zukunft in dem Land, das ihn ausbildet, und auch er ist ein Hitzkopf mit Disziplin. In Kombination mit Talent keine schlechten Charakterzüge, um eine ziemlich elende Kindheit und Jugend hinter sich zu lassen. Acosta erzählt von Hunger, von Obstdiebstahl aus schierer Not, und wie seine Kumpels und er Heftpflaster kauten, wenn sie so tun wollten, als hätten sie Kaugummi. Beim Royal Ballet fand Carlos Acosta 1998 so etwas wie eine Heimat, in England ist er ein Star. Und hofft vermutlich von Jahr zu Jahr, dass sich die politische Situation in seiner Heimat ändert.

Nurejew wusste, dass er nicht warten konnte. Ohnehin wollte das Kirow ihn 1961 seiner Unzuverlässigkeit wegen nicht mitnehmen auf eine Gastspielreise nach Paris; doch die Pariser bestanden darauf, das neue russische Ballettwunder sehen zu können. Am 17. Juni 1961 - man will Nurejew vorzeitig wieder nach Hause schicken - spricht er auf dem Flughafen Le Bourget französische Polizisten an und beantragt Asyl. Der nächste Akt beginnt.

Von Margot Fonteyn und Nurejew erzählt Julie Kavanagh nun. Sie macht höchst anschaulich, wie sich hier zwei große Tanzkünstler gefunden haben. Fonteyn, geboren 1919, hat, so schreiben es die Kritiker, den Zenit ihrer Karriere schon überschritten, als der wilde junge Tatar in ihr Ballerinenleben tritt. Sie zähmt ihn - bis zu einem gewissen Grad -, er facht sie an. Was auf der Bühne zwischen ihnen passiert, die Intensität und Glut ihrer Pas de deux lässt viele glauben, sie seien auch privat ein Paar. Ein One-Night-Stand ist zwar nicht auszuschließen, Nurejew war auch sexuell unersättlich. Aber er sucht sich seine Befriedigung vor allem bei Männern.

Bald hat er noch mehr Auswahl: Time und Newsweek heben ihn gleichzeitig auf den Titel, er ist jetzt ein Popstar, cool und berühmt und schillernd androgyn wie zu der Zeit vielleicht nur noch Mick Jagger. Kavanagh, die nie sensationslüstern ist (doch Nurejew war weiß Gott nicht diskret), berichtet an dieser Stelle nüchtern, dass auch heterosexuelle Jungs mit ihm schlafen, wenn er es nur will.

So muss sie in ihrer Biografie schließlich die Geschichte einer neuen, zunächst mysteriösen Krankheit erzählen, die man heute als Aids kennt. Anfang der Achtziger lässt Nurejew einen Syphilis-Test machen, der negativ ist. Aber als dann diese neue "Seuche" umfänglicher beschrieben wird, spätestens, als er 1985 eine Lungenentzündung bekommt, scheint ihm bewusst geworden zu sein, dass er den Virus hat.

Er tut, was er immer tut: Er arbeitet wie ein Verrückter, er tanzt. Zu seinem 50. Geburtstag schenkt er sich selbst einen Auftritt als Siegfried in "Schwanensee", die Managerin des Wiener Staatsopernballetts nennt den Auftritt laut Kavanagh "eigentlich eine Zumutung". Aber das Publikum jubelt, es fühlt, dass da einer diesen Jubel braucht - und verdient.

Auch die Pariser schenken ihm "Ovationen über Ovationen", als Nurejew sich am 8. Oktober 1992, nach einer von ihm nur noch leicht bearbeiteten und beeinflussten "Bayadère"-Wiederaufnahme, auf die Bühne helfen lässt, um sich zu verbeugen. Seit ein paar Jahren bereits hat er Pläne, Dirigent zu werden. Er übt, er kämpft, er rafft sich Tag um Tag auf. Und verliert schließlich: Am 6. Januar 1993 stirbt Rudolf Nurejew in Frankreich.

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