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Rolf Lappert, mit "Über den Winter" auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015.
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Rolf Lappert, mit "Über den Winter" auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015.

Buchpreis Shortlist

Künstler mit Familie

Der Schweizer Rolf Lappert entwirft in seinem neuen Roman „Über den Winter“ ein gegenwärtiges Tableau, mit dem er zu wenig anfangen kann. Trotzdem kann man sich vorstellen, warum er damit für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde.

Rolf Lappert erzählt von einem privaten Wendepunkt: Konzeptkünstler Lennard Salm, in New York nicht ohne Erfolge, begegnet dem Tod in zweifacher Gestalt. Er findet bei der Suche nach interessantem Treibgut am Mittelmeer die Leiche eines Flüchtlingsbabys. Und er erfährt, dass seine Schwester gestorben ist. Lennard reist heim nach Hamburg-Wilhelmsburg.

Hier geht ihm auf, dass sein Vater mittlerweile alt und krank ist. Er lernt im Mietshaus eine Frau und ihren Sohn kennen, die vorübergehend nebenan bei der verstorbenen Schwiegermutter leben. Den Todesfall hat sie dem Vermieter, der oben im Haus seinen Vater pflegt und quält, verschwiegen, um bleiben zu können. Lennard schaut auch nach einer einsamen alten Nachbarin sowie nach dem klapprigen Pferd, das auf einer nahen Wiese ausgesetzt worden ist. Um den Vater, Albert, kümmert sich die naseweise, kompetente Polin Bascha. Seine Möbel sind bereits weitgehend verkauft, um sie, die Miete, den Lebensunterhalt zu bezahlen.

Ein Familiengeheimnis

Albert ist einst nach Lateinamerika gegangen, um das Leben der Vulkane zu erforschen. Dann fällt sein Vater unglücklich, und er kehrt zurück, um die Mutter nicht mit der Pflege allein zu lassen. Albert heiratet eine stark unterkühlte Frau, weil sie von ihm schwanger ist. Damit es klar wird: Der Sturz des Vaters „hatte nicht nur die Träume seines Sohnes zerstört, sondern dessen ganzes Leben“.

Der Schweizer Lappert, Jahrgang 1958, schildert also eine, sagen wir mal: mit Blick auf die Statistiken rare, aber selbstverständlich mögliche Linie pflegender und mehr oder weniger freiwillig aufopferungsvoller Männer. Lennards Mutter wohnt inzwischen in Amerika (Schlimmes hat sie dem Vater angetan, ein böses Familiengeheimnis). Seine Schwester kifft, jobbt am Theater, weiß selbst nicht recht. Die einzige Frau, die effizient hilft, ist eine Bezahlkraft.

Nun wird es an Lennard sein, sich für die Familie zu entscheiden. Damit es noch einmal klar wird: „Salm wusste, dass ihn Aufgaben erwarteten, falls er bei den beiden einziehen würde. Seit er angekommen war und gesehen hatte, wie schlecht es seinem Vater gesundheitlich ging, spielte er die wahrscheinlichen Folgen einer Rückkehr nach Wilhelmsburg in Gedanken immer wieder durch, mit dem Resultat, dass er hin- und hergerissen war zwischen der Liebe zu seinem Vater und dem eigennützigen Wunsch, sein altes Leben weiterzuführen, zwischen Pflichtgefühl und etwas, das er mit schlechtem Gewissen Unabhängigkeit nannte.“

Lappert macht es ihm leichter, sein Koffer ist auf der Reise verloren gegangen – Socken aus dem Tchibo tun es auch –, sein New Yorker Atelier wird vom Hausbesitzer abgewickelt. Es ist aber trotzdem nicht so sehr der Hang zur Überdeutlichkeit, der „Über den Winter“ zu einem unerwartet schwachen Kandidaten unter den sechs Nominierten für den Deutschen Buchpreis macht. Im Gegenteil entspricht das plausibel der Welt des Konzeptkünstlers, der schon von Berufs wegen Zeichen registriert, wo immer er hinschaut, auch buchstäblich: dumme und schlaue Sprüche an den Wänden flankieren die Handlung, eine Kommentierung, die Lappert lässig nebenbei mitlaufen lässt. Kaum ist Lennards Atelier weg, steht dort schon „Nur das Nötigste“.

Es ist vielmehr die behauptete Entwicklung des Künstlers zum Familienmenschen, überhaupt die Entwicklung Lennards, mit der der Roman technisch nicht fertig wird. Der lapidare, dem Seelenleben der Figuren gegenüber auch diskrete Erzählton kann nicht transportieren, was der Roman offenbar transportieren soll. Ruckelnd holt er das dann nach, lässt alle Verschwiegenheit fahren. Im Großen, wenn Lennards Zwiespalt brav zusammengefasst wird, im Kleinen, wenn es angesichts eines Kindes mit Messer heißt: „Der Junge löste ein ungutes Gefühl in ihm aus.“

An sich ist „Über den Winter“ ein Tableau von heute. Der kaum mehr zu bewältigende Pflegebedarf, mit dem die mittlere Generation gefordert ist; ein prekäres Durchwurschteln als Lebensweise; dabei hat die Welt andere Probleme. Vielleicht lockte das die Juroren. Ein winterliches Tableau fürwahr. Statt es auszubauen und uns um die Ohren zu hauen, bietet Lappert aber, weiter am Entwickeln, ein herziges Happyend für Mittfünfziger, die als Kinder gerne geradelt sind. Hoffentlich ist das nicht Lapperts Ernst, aber dafür gibt es keinen Hinweis.

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