Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Schriftsteller Hermann Kant, Präsident desDDR-Schriftstellerverbandes, Günter Görlich, Uwe Berger, Peter Edel,Widerstandskämpfer gegen den Faschismus, Stephan Hermlin und DieterNoll  (von links nach rechts) bei einer Lesung für Frieden und Sozialismus am 31.03.1982 in der Kongresshalle am Alexanderplatz in Berlin.
+
Die Schriftsteller Hermann Kant, Präsident desDDR-Schriftstellerverbandes, Günter Görlich, Uwe Berger, Peter Edel,Widerstandskämpfer gegen den Faschismus, Stephan Hermlin und DieterNoll (von links nach rechts) bei einer Lesung für Frieden und Sozialismus am 31.03.1982 in der Kongresshalle am Alexanderplatz in Berlin.

DDR-Literatur

Die Kritik auf den Prüfstand

Die ideologische Brille ist längst beschlagen, setzt sie endlich ab: Weshalb die Frage "Was bleibt von der Literatur der DDR?" den Punkt nicht trifft. Von Insa Wilke

Von INSA WILKE

Die Geschichte der Literatur aber ist eine Geschichte der Verweigerung." Ein doppeldeutiger Satz. Als Wolfgang Hilbig ihn 1995 in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen sagte, klang beides mit: die Verweigerung der Dichtung, sich Erwartungen und Vorgaben unterzuordnen, und die Weigerung, Widerspenstige wie Hilbig in die Hallen des literarischen Kanons einzulassen, durch die einsam Thomas Mann west.

Für die sogenannte DDR-Literatur sind die Tore zu diesen Hallen seit 1989 verschlossen. Einst als literarisch vitalisierende Blutzufuhr im Westen begrüßt, gilt nun für "DDR-Autoren" (quasi postum): politisch feige und realitätsfern, ästhetisch wertlos. Dahinter steckt, dass die Literaturgeschichtsschreibung bis heute nicht von ihrem Ost-West-, also Links-Rechts-Schema lassen mag. Jüngst konnte man in der Literarischen Welt einem Spiegelgefecht zuschauen, das getreulicher denn je in den Stellungen des Kalten Kriegs verharrt: "Was bleibt von der Literatur der DDR?", fragten sich Uwe Wittstock und Tilman Krause, riefen die Schriftsteller vor den Richter und bezogen Position in Pro und Contra.

"Natürlich", schrieb Wittstock, habe es unter den Autoren der DDR wie überall Opportunisten gegeben. Mut sei "bekanntlich" in jedem Berufsstand die Ausnahme. Das ist der Gestus, in dem diese Debatte alle Jahre wieder geführt wird; Selbstgewissheit temperiert den Tonfall. Fraglos schaut man auf ein abgeschlossenes Kapitel der Literaturgeschichte zurück. Selbstverständlich muss der "nicht-sozialistisch interessierte Leser" rasend enttäuscht sein ob der mangelnden "Potenz", wenn er die einstigen Lieblinge der Westleser aufblättert und in die auffliegenden Staubwolken hustet.

"Wahrheit" und "Mut" markieren die Messlatte für DDR-Autoren. Der moralische Maßstab verschwistert sich mit dem Widerspiegelungspostulat: "Gute DDR-Literatur" erschüttere durch einzigartige Beschreibung des diktatorischen Unterdrückungsapparates. Logisch folgt die Frage: Arme DDR-Autoren, an welchen Mauern wollt ihr euch nach 1989 "die Stirnen wund stoßen"? Wie die stumpfsinnig kollabierende Konsumgesellschaft, die verzwickten Zusammenhänge von globalisierter Wirtschafts-, Politik- und Medienmacht ähnlich ergreifend abbilden? "Unverständlich" wird euer ganzer Text, ihr könnt nur noch "Geschichten aus einem versunkenen Land" erzählen, ihr seid abgeschlossen!

Ja, die Funktion von Literatur in der öffentlichen Kommunikation hat sich 1989 geändert - und zwar in Ost und West. Aber kann Literatur jemals abgeschlossen sein? Sie lebt doch durch Leser. Wenn zum 20-jährigen Jubiläum der "friedlichen Revolution" (und 19 Jahre nach dem sogenannten "deutsch-deutschen Literaturstreit") nun die alten Debatten mit bewährter Rhetorik angestoßen werden, dann möchte man dagegen setzen: Zeit für weitere Blicke. Müssten nicht endlich die Lektüreweisen auf den Prüfstand?

Was ist das überhaupt: "DDR-Literatur"? Diese Debatte ist alt. Schon 1982 forderte der Literaturwissenschaftler Bernhard Greiner, sie zu beenden und stattdessen die literarischen Texte in ihrer Zeit, aber unabhängig von politischer Schematisierung zu untersuchen. Das traut man sich bis heute selten.

"DDR-Literatur" wird häufig immer noch in den Kategorien des Kalten Kriegs abgewehrt

Mit "DDR-Literatur" ist meist die geographisch-politische oder die literatursoziologische Kategorie gemeint. Als DDR-Autoren gelten solche, die in den Grenzen des "ehemaligen" deutschen Staates geboren und/oder sozialisiert wurden. Dieses Verständnis legt auch das Lexikon der DDR-Literatur zugrunde, das im Herbst im Metzler Verlag erscheinen wird.

Ähnlich begründet Wolfgang Emmerich in seinem Standardwerk "Kleine Geschichte der DDR-Literatur" die Notwendigkeit des Begriffs: mit dem spezifischen "Literatursystem", den kulturpolitischen Bedingungen, unter denen Autoren im Osten geschrieben haben (Zensur, Bitterfelder Weg, Ersatzöffentlichkeit). Dabei benennt er selbst sein Dilemma: Durch die Engführung von Literatur und kulturpolitischer Entwicklung bleiben die individuellen Schreibweisen der Autoren unterbelichtet.

Eine Konsequenz dieser dominierenden Perspektive ist, dass die Etikettierung "DDR-Literatur" inzwischen einer Abwertung gleichkommt. Ihre Autoren wirken unmündig wie Pawlows Hunde, ihr Schreiben abhängig von den Eingaben der Politik, sie selbst nur auf ein einziges Thema geeicht, ob sie nun Brigitte Reimann, Günter Kunert, Irmtraud Morgner oder Volker Braun heißen: Vater Staat. Ein Beispiel: "Vor den Vätern sterben die Söhne" (1977), Thomas Braschs gefeiertes Debüt im Westen, wurde sprichwörtlich. Für ihn fatal.

Denn von der Kritik einseitig als Dissidenten-Literatur gelesen, legte das die Wahrnehmung aller folgenden Werke fest und band den Schriftsteller an die Sohnesrolle. Seine spezifischen Schreibweisen, die harte Arbeit an der Form, geriet aus dem Blick. Im Nachwort zur Neuausgabe zeigt Katja Lange-Müller allein durch eine genaue Lektüre des Titels die Fehlleistung der Rezeption auf. Auch das ist vielsagend: Eine Autorin muss den professionellen Lesern die Augen für den Poeten öffnen.

Was also tun? Vielleicht einmal probehalber auf die Festlegung "DDR-Literatur" verzichten. Brasch und Brinkmann, Wolf und Weiss, Hilbig und Hildesheimer, Jirgl und Jandl als die lesen, die sie auch und vor allem sind: Schriftsteller, Sprachspieler. Ihr Material ist die deutsche Sprache, sie verbindet der Versuch, diese aus der Floskel zu befreien - in unterschiedlichsten Formen und vor dem Hintergrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Fragt man danach, wie Schriftsteller nach 1945 biographische, historische und politische Ereignisse in Schreibweisen überführt haben, zeigt sich ihre Literatur unabhängig von der Existenz eines Staates. Ein solcher Blickwinkel hebelt auch die törichte Suche nach "reiner Ästhetik" aus. Die unstrittige Qualität von Jurek Beckers Roman "Jakob der Lügner" oder Christa Wolfs Erzählung "Kein Ort. Nirgend" gründet nicht darin, dass sie außerhalb ihrer Zeit stehen.

Gerade diese beiden Texte, die stets als leuchtende Ausnahmen der trüben Literaturlandschaft "drüben" angeführt werden, sind auf das Engste mit ihrer Zeit verbunden. Aber nicht, indem Becker und Wolf "über" sie berichten, sondern weil sie in ihrem Bewusstsein schreiben. Weil die Bedingungen ihrer Entstehungszeit - das Schweigen über den Holocaust, die Repressionen gegen die Schriftsteller 1979 - ins Schreiben eingegangen sind und als Fragen ("Vielleicht hast du schlecht erzählt?"; "Wer spricht?") ins Heute reichen.

Warum die Literatur nicht als "Konstellation" in einem größeren Raum betrachten?

Grenzübergreifend haben sich Autoren schon immer dem Prinzip von Nationalliteraturen widersetzt, fanden in der Weltliteratur Wahlverwandte, ihre Texte zeugen davon. Warum Literaturgeschichte also nicht auch im Sinne David Wellberys ( "Eine Neue Geschichte der deutschen Literatur", Berlin University Press 2007) als "Konstellation" in einem größeren Raum, einer weiteren Zeit denken, anstatt mit postideologisch-ideologischen Scheuklappen nur in eine Richtung zu traben? Dann könnte man darüber nachdenken, in welchen Traditionen Jürgen Fuchs schreibt. Wieso man sich dem Sog seiner "Vernehmungsprotokolle" (der Jaron Verlag legt sie im April neu auf) nicht entziehen kann, auch ohne Fixierung auf die Stasi. Man könnte sich erinnern, dass die "Hamlet-Maschine" Heiner Müllers auch auf die Selbstmorde in Stammheim antwortet. Dass Wolfgang Hilbig sein "schreiendes Amt" von Dichtern übernahm, die ihn, den Vorzeige-Proletenpoeten, dem "ästhetischen Anspruch des fin de siècle" (Uwe Kolbe) näher zeigen als dem einer "Dissidenten"-Literatur. Dann wäre möglich, die "Stille Post" (hrsg. v. Roland Berbig, Ch. Links Verlag 2005) zu lesen, die zum Beispiel zwischen Nicolas Born und Günter Kunert hin und her ging und von der Borns Briefwechsel erzählt.

DDR-Literatur nicht zwangsläufig als "die andere" Literatur zu begreifen und von oben herab über sie zu richten, bedeutet einen Gewinn: den einer reichen deutschen Literatur, die Wissen über Brüche und Brüchigkeit unserer Zeit formuliert. Eine solche Perspektivverschiebung setzt allerdings den Willen voraus, den "Zwirnsfaden der Geschichte" (Peter Härtling) nicht abreißen zu lassen - um die Brüche unserer Zeit zu durchdenken und zu schreiben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare