„Einfach, aber gut“ mag es Gudrun Minervudottir.
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„Einfach, aber gut“ mag es Gudrun Minervudottir.

Eröffnung der Buchmesse

Kritik auf leisen Sohlen

Die isländische Autorin Gudrun Minervudottir eröffnet heute die Buchmesse. Sie fühlt sich einer neuen Autorengeneration zugehörig - und schämt sich für ihre Landsleute.

Von Marten Hahn

Die isländische Autorin Gudrun Minervudottir eröffnet heute die Buchmesse. Sie fühlt sich einer neuen Autorengeneration zugehörig - und schämt sich für ihre Landsleute.

Fast schüchtern sitzt sie da, rührt in der Zuckerdose. Immer wieder schlägt der Löffel gegen das Porzellan und wird ein kling-klang auf dem Aufnahmegerät hinterlassen. Dabei sollte Gudrun Eva Minervudottir es gewohnt sein, besucht zu werden und über ihre Bücher zu sprechen.

Die junge Frau mit den dunklen Locken und dem freundlichen Gesicht gehört zu den bekanntesten jungen Stimmen der isländischen Literaturszene. Seit ihrem vierten Roman Yosoy (2005) wird sie zu Hause gefeiert und im Ausland wohlwollend besprochen. So ist es kaum überraschend, dass sie auserkoren wurde, gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem Bestseller-Autor Arnaldur Indridason, dieses Jahr die Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse zu halten. Island ist Ehrengast des diesjährigen Treffens.

Lässt man während des Gesprächs den Blick durchs Wohnzimmer schweifen, stellt man fest: Gudrun Eva Minervudottir hat kein richtiges Bücherregal – ungewöhnlich für jemanden, der von und für Literatur lebt. Stattdessen liegen Bücher überall in der Wohnung der jungen Frau verteilt – darunter einige Werke ihres liebsten „factory writers“ Stephen King. Hinter einer Zimmerpflanze lehnt ein Fernrohr. In der Ecke steht eine alte Stehlampe mit Fransen. Zerschlissene Ledersessel. Ein gemütliches Chaos.

Die Welt verändern

Minervudottir, geboren 1976, begann nach ihrem Philosophie-Studium zu schreiben: Kurzgeschichten, Lyrik, Romane. Natürlich mit keinem geringeren Anspruch, als die Welt zu verändern, wie sie Grapevine, dem hippen, englischsprachigen Stadtmagazin Reykjaviks einmal in einem Interview verriet. Typisch isländische Texte zu verfassen, interessiert sie dabei nicht. „Ich will meine Bücher nicht in Souvenirläden verkaufen, sondern ein Teil der Welt sein“, erklärt sie.

Die Isländerin fühlt sich einer neuen Autoren-Generation zugehörig. Einer Generation, die fließend Englisch spricht und im Ausland gelebt hat. Auf die Frage, welcher ihr Lieblingsbuchladen in Reykjavik sei, schüttelt sie nur den Kopf und sagt: „Ich bestelle meine Bücher meistens im Netz.“

Doch so ganz kann sie sich dem Einfluss ihrer Heimat nicht entziehen. Durch ihr Wohnzimmerfenster ist die Bucht von Reykjavik zu sehen, der Blick reicht bis zu den schneebedeckten Bergen auf der anderen Seite. Diese Bilder findet man in Minervudottirs Sprache. Sie ist gefärbt von Islands Natur und dem Meer, das die karge Insel am Polarkreis umspült. Da ist Angst wie „schleimiger, kalter Seetang“, da gibt es Menschen, die „gemeiner als ein Ozeanbrecher“ sind und Wind, der den „Sonnenschein erzittern“ lässt.

Ihr fünfter Roman, der im August unter dem Titel „Der Schöpfer“ auch in Deutschland erschien, dreht sich um einen Junggesellen, der nahezu lebensechte Sexpuppen herstellt. Um eine magersüchtige Tochter und ihre Mutter. Um die Angst vor Intimität.

Wer bei diesem Thema, zumal präsentiert von einer jungen Frau, feministisches Klagen gegen die Verdinglichung der Frau erwartet, liegt nicht ganz falsch. Nur im Buch schlägt sich das kaum nieder. Moral interessiere sie nicht, sagt Gudrun Eva Minervudottir. „Ich mag es auch nicht, wenn Leute mir sagen, was ich denken soll.“

Minervudottirs Gesellschaftskritik kommt auf leisen Sohlen daher. So wie die Anekdoten, die sie erzählt. Einmal habe sich ihr Lektor beschwert, dass ihre männlichen Protagonisten zu weiblich seien. Also habe sie alle Textstellen, in denen die Charaktere Selbstzweifel äußerten, gelöscht und deren entschuldigende Art zu sprechen geändert. Daraufhin war der Lektor zufrieden.

Pasta mit Trüffel

Dass sich die sanftmütige Autorin zeitweise auch durchaus aufregen kann, beweist Minervudottir einige Monate später. Es ist ein schwül-heißer Sommerabend in Berlin. Man trifft sich zum gemeinsamen Abendessen in Kreuzberg. Sie möge einfache Gerichte, sagt sie und bestellt sich Pasta mit Trüffel. „Einfach, aber gut“, wiederholt sie und lacht. Doch dann macht sie sich mit einem Mal Luft. Sie echauffiert sich über den Porno-Schick, den sexualisierten Lebensstil, den Körperkult der jungen Städter – vor allem in Reykjavik. „Skinka“ – Schinken – nennen die Isländer die solariumgebräunten Mädchen in kürzesten Röcken, aufreizenden Strümpfen und zu viel Make-up. Das männliche Pendant heißt „Hnakki“ – Nacken. Wer sich durchs alkoholgetränkte Nachtleben der isländischen Hauptstadt bewegt, kommt sich in Jeans und T-Shirt neben derlei Partyvolk zumindest underdressed vor.

Minervudottir schämt sich auch für das präpotente Auftreten mancher ihrer intellektuellen Landsleute. Deren lautes „Schaut her, wir haben Kultur“ entspringt ihrer Meinung nach einem isländischen Minderwertigkeitsgefühl. Lange Zeit hatten die Isländer nichts, außer ihre Geschichten. Aber ist Island tatsächlich noch ein Buchland? Daran zweifelt sie mittlerweile. Die allseits gepriesenen Sagas – die mittelalterlichen Erzählungen Islands – hält sie zwar für eine großartige Sache, die heute allerdings niemand mehr freiwillig lese.

Es regt sie auch auf, dass alle so ein Bohei um Kinder machen. Schließlich sollten Kinder doch etwas Normales sein. Für ihren Roman „Der Schöpfer“ musste sie sich noch an Freunden orientieren, um sich in eine Eltern-Kind-Beziehung hineinzudenken. Jetzt wölbt sich ihr eigener Babybauch. Zur Zeit ihrer Eröffnungsrede auf der Buchmesse wird sie hochschwanger sein. „Meine Verleger waren entsetzt, als sie davon hörten“, freut sie sich.

Ihre Rede vor dem Frankfurter Büchervolk wird sie dennoch halten. Sie werde versuchen, sich kurz zu fassen und unterhaltsam zu sein, sagt sie. Einfach, eben, aber gut.

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