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Kristine Bilkau: „Nebenan“ – Wie man Ertrinkende retten könnte

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Von: Judith von Sternburg

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Kristine Bilkau, mit „Nebenan“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. F
Kristine Bilkau, mit „Nebenan“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Foto: Thorsten Kirves © Thorsten Kirves

Der sanfte Graus der Welt: Der Dorf- und Städtchenroman „Nebenan“ von Kristine Bilkau, nominiert für den Deutschen Buchpreis.

Das Unheimliche, das das bürgerliche Leben aufstört und bedroht, wird in Kristine Bilkaus Dorf- und Städtchenroman „Nebenan“ vielfach variiert. Vom Horror ermordeter Haustiere auf dem Spielplatz bis zur alten Frau in der Badewanne, die womöglich keines natürlichen Todes gestorben ist. Von der veruntreuten und verstreuten Post bis zum Plastikstückchen-Skandal im Fluss. Die Innenstadt ist marode, der Umgangston härter geworden. Böse Worte werden anonym verbreitet – aus dem Fenster gerufen, in Briefumschläge gesteckt, hier im Ort schon eher analog jedenfalls (wobei Bilkau zugleich einen realitätsnahen Blick auf Internetsuchterscheinungen bei nicht mehr so jungen Menschen hat).

Eine Nachbarsfamilie ist verschwunden, was zunächst nicht weiter auffällt, und als es auffällt, fühlt sich die Polizei noch lange nicht zuständig. Eine Frau hat sich mit ihren Kindern im Wald versteckt. Auch da kann die Polizei nicht viel machen.

Das bürgerliche Leben erweist sich bei alledem gleichwohl als vorerst widerstandsfähig. In „Nebenan“ gibt es stabile Ehen – wie lange noch? –, Menschen, die ihren Beruf lieben – wie lange noch? – es gibt Freundschaften – ja? – und spontane Sympathien. Auf spontane Sympathien kann man sich verlassen. Es gibt – wenn auch nur in einem Kinderspiel – spektakuläre Rettungsvorschläge. Zum Beispiel: Man ertrinkt nicht, wenn der andere rechtzeitig das gesamte Wasser herunterschluckt. Es gibt gelegentlich – wenn „Nebenan“ in diesem Moment auch eher klingt wie ein älterer Krimi von Ingrid Noll – rabiate Lösungen.

Es wird zwar nicht immer gelingen, aber man kann zumindest versuchen, das Richtige zu tun. Trotzdem die Polizei rufen. Bei der Bürgerversammlung rassistischen Zwischenrufen widersprechen.

Bilkau erzählt davon ohne moralischen Impetus und ohne trauten Optimismus, ein lakonischer, aber (auf norddeutsche Art?) gedrosselt warmer Ton herrscht vor. Aber auch das nicht so krasse Ausformulieren der Zustände will erst einmal schriftstellerisch bewerkstelligt sein und gelingt hier ausgezeichnet. Also denkt die Ärztin: „Den Kreis, den manche Familien um sich ziehen, ist undurchdringlich. Wie oft hat sie das bei Hausbesuchen erlebt. Eine Wohnung, in der die Probleme oder das Leid förmlich in der Luft lagen. Wo die Überforderung greifbar war. Wo das Wohl der Verletzbarsten am seidenen Faden hing. Wie oft konnte sie nur eine Visitenkarte oder einen dezenten Hinweis auf eine Notfallnummer hinterlassen. Ein Anruf beim Jugendamt, wenn es um Kinder ging.“

Das Buch

Kristine Bilkau: Nebenan. Roman. Luchterhand, München 2022. 288 Seiten, 22 Euro.

Der Blick für das Besondere – und wenn es die Containerschiffe sind, die an den Häusern vorübergleiten, weil „Nebenan“ am Nord-Ostseekanal spielt – wie auch für das Individuelle ist sorgfältig und in seiner Offenheit berührend. Bilkau kann darauf setzen, dass ihre höchst eigenständig wirkenden Figuren dann und wann selbst einen Punkt machen werden, sich aufregen, nachforschen, sich kümmern. Nicht dass sie den Lauf der Dinge dadurch ändern könnten.

Gebaut ist der Roman um zwei Frauen, die Perspektive wechselt meist von Kapitel zu Kapitel. Astrid ist die Ärztin Anfang 60, die zu Beginn den Totenschein für die Frau in der Badewanne nicht ausstellt. Ihr Mann Andreas war Lehrer und ist jetzt Rentner, die Kinder sind längst erwachsen, das Paar lebt friedlich, aber nicht idyllisch. Die Kunstgeschichtlerin Julia ist Ende 30, mit ihrem Mann, dem Biologen Chris, zugezogen und nun Inhaberin eines kleinen Keramikladens. Ihr unerfüllter Kinderwunsch – dessen ausführliche Schilderung erschütternd und lehrreich ist – hat überwältigende Dimensionen angenommen. In der Klinik registriert Julia, dass die vielen Mutter-Kind-Bilder an den Wänden eine Aggression gegen die kinderlosen Frauen sind. Chris registriert (und pariert) die Unverschämtheit, mit der der Arzt Julia junge glatte und alte schrumpelige Eizellen zeigt. Bilkaus Figuren haben ein Sensorium für die Grobheiten, Manipulationen, Erpressungen, die unter Menschen üblich sind. Und sind auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Familie befasst – dies bei gleichzeitiger Abwesenheit von klassischem Familienleben. Es gelingt Bilkau, von Einsamkeit und Verschrobenheiten nicht in Floskeln zu erzählen. Also denkt Julia: „Sie wünscht sich, Mutter zu sein, doch traut sich nicht zu, mit einer Gruppe Teenager zu töpfern. Sie hat Sehnsucht nach ihren Freundinnen, hat Sorge, dass sich durch den Umzug die Verbindungen auflösen, doch wenn das Telefon klingelt, schiebt sie es vor Schreck ein Stück von sich weg, statt ranzugehen.“

Die Frage, woher am Ende Hilfe kommen kann, beantwortet sich in „Nebenan“, einem auch unerwartet spannenden Buch, nicht eindeutig. Wobei das eine eindeutige Antwort ist.

Wäre das nicht so beiläufig erzählt, wäre es zu viel von allem: vor allem zu viel Virtuosität im Aufbau und in den Spiegelungen, womöglich sogar zu viel Menschenliebe. Wie die Dinge liegen und Astrids und Julias Wege sich nur kurz kreuzen, bleibt alles lose genug. „Nebenan“ auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis zu heben, war eine aparte Entscheidung für feinen Realismus in einer romantischen – gefährlichen, engen und trotzdem unübersichtlichen – Welt.

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