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True-Crime-Romane von Florence Aubenas und Christa von Bernuth - Die Entgleisten

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Von: Sylvia Staude

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Die Ereignisse lassen auch die Polizei nicht mehr los.
Die Ereignisse lassen auch die Polizei nicht mehr los. © imago

Florence Aubenas und Christa von Bernuth schaffen Literatur aus zwei realen Verbrechensfällen.

Noch immer erscheint, wenn man Catherine Burgod googelt, auch gleich der Name Gérald Thomassin. Und zu Gérald Thomassin Fotos eines Jungen mit Fliege, Erdbeerlippen, Mecki-Haarschnitt, der ein Metallteil in der Hand hält – es ist der französische Filmpreis César –, außerdem Fotos eines trotzig, betont cool blickenden jungen Mannes, die Fluppe im Mundwinkel. Thomassin, geboren 1974, hatte das, was biografische Internet-Einträge summarisch eine „schwierige Kindheit“ nennen, wurde mit 16 von Filmregisseur Jacques Doillon entdeckt, für, ausgerechnet, seinen Film „Le Petit Criminel“, der kleine Kriminelle. In der Folge spielte er dies und das, hatte Alkohol- und Drogenprobleme.

Thomassin lebte, abgebrannt, im kleinen Ort Montréal-la-Cluse, als dort an Weihnachten 2008 die Postangestellte Catherine Burgod an ihrer Arbeitsstelle mit 28 Messerstichen getötet wurde. Der Gelegenheitsschauspieler geriet erst Jahre später in Verdacht, wurde 2013 festgenommen, musste 2016 freigelassen werden, weil das französische Gesetz nicht mehr als drei Jahre Untersuchungshaft erlaubt. Stets beteuerte er seine Unschuld. Seit dem 29. August 2019 ist er spurlos verschwunden. Er könnte irgendwo sein, er könnte tot sein.

Die französische Journalistin Florence Aubenas, 2005 im Irak von Islamisten entführt und nach fünf Monaten freigekommen, vielfach für ihre Reportagen ausgezeichnet, hat sich hineingebohrt in die Geschichte des Gérald Thomassin, aber auch der jungen Postangestellten Bourgod und des Arbeiterstädtchens. „Plastics Vallée“ heißt die Region, die Menschen leben von der Kunststoffindustrie, alle arbeiten in einem der rund 600 Betriebe. Jedoch nicht Gérald Thomassin, der lebt 2008 in einer Einzimmerwohnung im „Haus der Katastrophen“, dort wohnen die Sozialfälle. Und direkt gegenüber befindet sich die kleine Post.

„True Crime“, so wird das Genre genannt, das zum „Trend“ geworden, das nachgefragt ist in jeder Form, von der Zeitschrift bis zum TV-Film und zur Serie. Ein Serienmörder gefällig, der auch noch Kannibale ist und den es wirklich gab? Netflix feiert mit „Dahmer“ unglaubliche Erfolge.

Florence Aubenas’ „Er ist keiner von uns“ und das zweite Buch, das hier besprochen werden soll, Christa von Bernuths Roman „Spur 33“, aber beruhen einerseits auf wahren Ereignissen, sind andererseits literarische, stilistisch sorgfältige Verarbeitungen dieser Ereignisse. Und, in beiden Fällen, eindringliche Porträts junger Männer, die aus unterschiedlichen Gründen nie in einer Normalität angekommen sind. Thomassin wird zwar von der französischen Filmwelt hofiert, da ist er gerade mal volljährig, aber er ist ein Getriebener und wird es bleiben. Vielen Leuten macht er Angst. So wie Leon Rheinfeld, die zentrale Figur in Bernuths Roman. Zwar wächst er durchaus behütet und geliebt auf, ist aber Asperger-Autist und hat wirre Gewaltfantasien. Ausgerechnet Büchsenmacher möchte er lernen, Waffen faszinieren ihn.

„Er ist keiner von uns“ und „Spur 33“ haben ähnliche erzählerische Qualitäten, auch wenn Aubenas eher eine romanlange Reportage geschrieben hat und von Bernuth einen Roman um den Kern einer realen Bluttat mit drei Toten 2020 in Starnberg: Ein 21-Jähriger, Bernuth nennt ihn Leon, soll seine Eltern und dann sich selbst erschossen haben. Nach zwei Wochen meldeten die Medien freilich eine „spektakuläre Wende“.

Das reicht allemal, um sich intrikate Ermittlungen vorzustellen. Aber weit mehr als das wohldosierte Herausrücken mit Erkenntnissen beeindruckt, wie Christa von Bernuth die Beteiligten zeichnet. Von der älteren Schwester, die nebenher lief, während die Eltern alle Energie für Leon brauchten, über dessen ebenfalls ziemlich verkorkste Kumpels, Ben und Martin, bis zu den Eltern, Mutter und Stiefvater. Sie ist zu allem Überfluss Therapeutin und kann ihrem Sohn doch nicht helfen; er findet, sie gibt Leon immer nur nach. Der junge Mann wiederum weiß, was mit ihm los ist. Er weiß auch, dass wahrscheinlich keine Behandlung der Welt ihm helfen wird – bis zu seinem Tod. Es ist zum Verzweifeln. Aber auch Morden?

Die Bücher

Florence Aubenas: Er ist keiner von uns. Ein Dorf sucht einen Mörder. A. d. Franz. v. André Hansen. dtv. 254 S., 15,95 Euro.

Christa von Bernuth: Spur 33. Kriminalroman. Goldmann. 448 S., 17 Euro.

Beide Autorinnen haben Verständnis und Mitgefühl für die Subjekte ihrer Recherchen. Sie erfinden dies und das, anders geht es besonders bei Bernuth nicht, sie lassen ihren Figuren aber auch ein paar Geheimnisse. Florence Aubenas erzählt in einem Prolog, wie sie im August 2019 vor dem Gericht in Lyon auf Gérald Thomassin wartet, der den Abschluss seines langen Verfahrens kaum erwarten kann. Aber er kommt nicht und bleibt verschwunden, bis heute. Christa von Bernuth betont, dass sie ein „Werk der Fantasie“ geschrieben habe, dass sie zuspitzt und akzentuiert. Aber eben nicht so stark, dass man „Spur 33“ in erster Linie als fiktiv wahrnimmt.

In alle Richtungen überschreitet die sogenannte Spannungsliteratur die Genregrenzen, hier auf ganz unterschiedliche Art ein Stück in Richtung True Crime. Aber das Wort „Kriminalroman“ auf dem Cover, wie bei „Spur 33“, schenkt eben auch eine Freiheit, die der literarischen Qualität dienen kann. Und „Er ist keiner von uns“ vermeidet jede Zuschreibung, jede Schublade, will kein Sachbuch, keine Reportage, schon gar kein Roman sein. Man bekommt ein Gefühl dafür, mit welcher Sorgsamkeit und Mühe Aubenas die Details recherchiert haben muss. Doch sie trägt das nicht vor sich her, nimmt sich zurück, überlässt die Bühne Thomassin, seinen Unterschicht-Freunden, der jungen Catherine Burgod, ihrem Vater, der Jahr um Jahr hofft, dass der Täter endlich gefunden wird.

Wie leben die Betroffenen, wie leben Angehörige, Freunde, beste Freundinnen, zu Unrecht Verdächtigte damit, von solchen Taten berührt und verstört worden zu sein: Auch davon handeln diese beiden Bücher. Die neumodische Frage, die gar nicht so dumm ist, wie sie im ersten Augenblick klingt, lautet: Was macht das mit einem? Gérald Thomassin findet nach seiner langen Untersuchungshaft gar nicht mehr zurück in ein Schauspielerleben. Bei Christa von Bernuth sind es auch die Polizisten, die der Anblick von drei Erschossenen in einem Haus in einem gerade noch so friedlichen Städtchen nicht mehr loslässt.

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