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Kriegsgott oder kleinlicher Autokrat?

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Napoleon in einer biographischen Skizze von Volker Ullrich

Von WOLFGANG KRUSE

Mehr als 80 000 Bücher sind inzwischen über Napoleon Bonaparte geschrieben worden. Nun hat der Historiker und Zeit-Redakteur Volker Ullrich der schier endlosen Reihe eine weitere Studie hinzugefügt. Herausgekommen ist dabei eine knappe, aber instruktive biographische Skizze, ausgestattet mit anschaulichen Illustrationen, informativ ergänzt durch eine Zeittafel, eine einführende Auswahlbibliographie und eine Zusammenstellung einschlägiger Urteile von Zeitgenossen und Historikern über den Kaiser der Franzosen und Beherrscher Europas.

Wieder einmal erweist sich Ullrich als Meister der zusammenfassenden Formulierkunst, infomativ und anschaulich zugleich. Trotz der gedrängten Form unterlaufen ihm nur wenige Verzeichnungen, so etwa wenn er die nach dem Sturz Robespierres in der französischen Republik herrschenden Thermidorianer allzu einseitig als "Gruppe skrupelloser Parvenüs und Geschäftemacher" abqualifiziert. Doch in der Regel versteht es Ullrich, die gesellschaftlichen Bedingungen für Aufstieg, Herrschaft und Sturz Napoleons in knapper, aber treffender Weise zu charakterisieren.

Die Möglichkeiten der Revolution

Der Schwerpunkt allerdings liegt auf der Persönlichkeit Napoleons und seiner außergewöhnlichen Karriere. Ullrich arbeitet überzeugend den Außenseiterstatus des jungen Korsen heraus, der von früher Kindheit an in dem Bewusstsein lebte, etwas Besonderes zu sein. Bonaparte stand dem revolutionären Aufstand der Massen durchaus ablehnend gegenüber. Die Möglichkeiten aber, die einem fähigen jungen Mann in der Revolution geboten wurden, versuchte er mit beiden Händen zu ergreifen. Zuerst ging es noch um Korsika. Doch als seine Familie 1793 nach politischen Konflikten von der Insel verbannt wurde, machte er die französische Armee endgültig zu seinem Karrierefeld.

Bonaparte reüssierte als Jakobiner, der sich besonders hervortat, als er - zusammen mit Augustin Robespierre, dem jüngeren Bruder des großen Maximilien - die Beschießung des abtrünnigen Toulon leitete. Nach dem Sturz der Jakobinerdiktatur fiel der junge General dagegen in Ungnade, wurde kurzzeitig inhaftiert und schließlich aus der Liste der aktiven Offiziere gestrichen. Doch im Oktober 1795 bekam er eine zweite Chance, als der Konventsabgeordnete Paul Barras ihm die Aufgabe übertrug, einen royalistischen Aufstand niederzuschlagen.

Von nun an firmierte Bonaparte unter der Protektion von Barras. Von ihm übernahm er eine abgelegte Mätresse, Josephine de Beauharnais, die er schon bald heiratete. Und Barras übertrug ihm 1796 auch das Kommando an der Spitze der Italienarmee, das die Basis zum Aufstieg an die Macht wurde. Bonaparte führte seine Truppen von einem Erfolg zum nächsten, revolutionierte Italien und zwang die Habsburger zu einem Siegfriedensschluss, dessen Ausgestaltung nicht die Pariser Politiker, sondern der General diktierte.

Ein Kriegsgott war geboren, dem das Metier des Krieges bald nicht mehr ausreichte. Als Frankreich 1799 gegen die zweite antifranzösische Koalition der europäischen Mächte überall ins Hintertreffen geriet, war seine Stunde gekommen. Im Brumaire 1799 gelangte General Bonaparte mit einem Militärputsch an die Macht. Es gelang ihm schnell, Frieden zu schließen und seine Herrschaft durch die Akklamation des Volkes zu legitimieren. In Volksabstimmungen ließ er sich 1802 zum Konsul auf Lebenszeit, 1804 zum Kaiser der Franzosen wählen.

Anschließend trat wieder der Krieg in den Mittelpunkt. Napoleon I. besiegte in den Jahren 1805 - 1807 alle europäischen Mächte mit Ausnahme Englands und etablierte die Vorherrschaft Frankreichs auf dem Kontinent. Europa wurde unter Napoleon neu geordnet, insbesondere Deutschland erhielt nach der Auflösung des alten Reiches ein ganz neues, moderneres Gesicht. Von dauerhafter Stabilität aber war seine Herrschaft nicht. Schon bald erwies er sich als "kleinlicher Autokrat, der sich der Legitimität seiner Herrschaft nicht sicher war". Ohne den Krieg, das arbeitet Ullrich klar heraus, konnte der Imperator nicht, seine ganze politische Existenz basierte vielmehr auf der Fähigkeit, militärische Siege zu erringen.

1812 zog die Große Armee mit 675 000 Soldaten gegen Russland. Nur 18 000 kehrten ein halbes Jahr später zurück, die große Mehrheit war im russischen Winter gefallen, erfroren, desertiert oder in Gefangenschaft geraten. Die Russen hatten sich nicht zum Kampf gestellt, die Taktik der verbrannten Erde gewählt und die Tiefe des russischen Raumes genutzt. Für Napoleon war es ein Desaster, und es sollte noch schlimmer kommen. Denn die Niederlage gab den Anstoß zur Erhebung der Völker Europas gegen seine Herrschaft.

Niederlage und Verbannung

Im Frühjahr 1814 war Zapfenstreich, Napoleon musste zurücktreten und wurde nach Elba verbannt, die Bourbonen kehrten an die Macht zurück. Doch noch einmal flog der Adler, als er Anfang 1815 nach Frankreich zurückkehrte und, getragen von der Unterstützung breiter, die Restauration der alten Ordnung befürchtender Bevölkerungsschichten, erneut die Kaiserkrone ergriff. Eine echte Chance aber hatte er, wie Ullrich urteilt, nicht. Denn die europäischen Mächte reagierten mit Entschiedenheit, und Napoleon musste schließlich bei Waterloo seine letzte Niederlage hinnehmen. Noch sechs Jahre lebte er in der Verbannung auf Sankt Helena und arbeitete an seiner Legende, die in Frankreich noch Jahrzehnte von direkter politischer Wirkungsmacht war und 1851 seinen Enkel, Napoleon III. an die Macht brachte.

Doch trotz der dichten Beschreibung dieser Karriere gewinnt man beim Lesen manchmal den Eindruck, dass etwas fehlt. Ullrich entwickelt keine eigene Deutung des großen, das Schicksal Europas bestimmenden Mannes. Sicher, er betont das Parvenuehafte des Imperators, den er treffend als einen Getriebenen schildert, der seine militärischen Erfolge immer wieder überbieten musste, um seine angemasste Herrschaft zu legitimieren. Doch vertieft wird dies nicht. Aber vielleicht ist das auch zuviel verlangt für knappe, aber ebenso informative wie unterhaltsame 150 Seiten.

Volker Ullrich: Napoleon. Eine Biographie. Rowohlt Verlag, , Reinbek 2004, 180 Seiten, 17,90 Euro.

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