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London feiert auf dem Piccadilly Circus in das neue Jahr 1948 hinein.

"Kriegslicht"

Aus den Kriegen nach dem großen Krieg

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Michael Ondaatjes Roman "Kriegslicht" ist Abenteuergeschichte und Elegie. Darin sucht er Extremsituationen auf, um dem Leser zu zeigen, wer er ist.

Die Eltern des Erzählers verlassen ihn und seine Schwester. Geschäftliche Gründe, heißt es. In Wahrheit arbeiten sie für den britischen Geheimdienst. Die Mutter ist eine der wichtigsten Agentinnen der Nachkriegszeit. Sie ist weltweit unterwegs. Ihre Kinder haben keine Ahnung davon. Sie werden nicht in einer Familie untergebracht. Als sie ihre Internate verlassen, kümmern sich Bekannte ihrer Eltern um sie. Schmuggler und Spieler.

Erst viele, viele Jahre später entdeckt der Erzähler, wer seine Mutter war, wer die Menschen waren, die ihn und seine Schwester attackierten. Eine Abenteuergeschichte, die nichts zu tun hat mit dem Leben des Lesers, die er vielleicht deshalb auf zwei Bahnfahrten hingerissen verschlang.
Michael Ondaatje erzählt auch von einem Jungen aus einer Dachdeckerfamilie, der als Kind von einer Bö vom Dach geweht wurde, später Freeclimber wird und nachts Londoner Häuserfassaden erklimmt. Auf diesen Ausflügen trifft er andere Kletterer über, unter, neben sich auf denselben Gebäuden. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so klar gesehen zu haben, wie wir Menschen einander begegnen.

Ondaatje sucht Extremsituationen auf

Michael Ondaatje sucht Extremsituationen auf, um uns so zu zeigen, wie wir sind. In Wahrheit habe ich das Buch nicht verschlungen, weil es eine Abenteuergeschichte ist, sondern weil es meine Geschichte ist. Meine Eltern waren nicht im Geheimdienst. Sie haben keine Doppelleben geführt, keine Codenamen benutzt. Meine Mutter war – fast – immer da. Dennoch weiß ich nichts über sie. Wir wachsen alle wie Kuckuckseier auf. Alles ist fremd. Nichts das, was es scheint.

Langsam, ganz langsam erst erkennen wir unsere Umgebung und so dann vielleicht doch noch – mit beängstigender Verzögerung – uns selbst. Ondaatjes Erzähler kommt Jahre später erst dahinter, dass die Schmuggelfahrten seines „Betreuers“ die Strecke wiederholen, wie er während des Krieges im Dienste des Vaterlandes Nitroglyzerin über die nächtliche Themse kutschierte. An einer Bevölkerung vorbei, die nicht wusste, in welcher Gefahr sie sich befand.

„Kriegslicht“ ist der Titel des Romans. Ich hatte das Wort noch nie gehört. Beim Nachschlagen im Internet stoße ich auf den Roman von Ondaatje und sonst nichts. Doch da ist noch etwas: 1915 bekam eine Leuchte diesen Namen, bei der nicht das kriegswichtige Petroleum, sondern Spiritus verbrannt wurde. Auch wenn ich nach „Warlight“ schaue, gibt es neben Ondaatjes Roman nur noch ein Computerspiel „Warlight“. Bei dem heißt es: „Stelle dir eine Armee zusammen und greife deine Nachbarländer an.“ Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Ondaatje nicht dieses Spiel kannte, als er seinen Roman schrieb.

„Kriegslicht“ ist eine Elegie

Der Titel freilich meint den verordneten Blackout oder besser gesagt die Notbeleuchtung, in der Großbritannien versank. Wobei zum „Warlight“ natürlich auch die plötzlich aufflammenden Abwehrfeuer oder die von den Bomben ausgelösten Brände gehörten. Im „Kriegslicht“ gehören Finsternis und plötzliche, schmerzhafte Aufklärung zusammen.

Das hört sich alles dramatisch, aufregend an. Das ist es auch. Aber gleichzeitig und alle Ereignisse in jedem Moment durchdringend ist „Kriegslicht“ eine Elegie. Ein Gedicht, das davon lebt, dass immer wieder die gleichen Motive in immer neuen Gestalten auftreten, dass jedem Allegro ein „schwer“ folgen wird. „Schwer“, so erklärt dem Erzähler einer seiner Betreuer, habe Gustav Mahler erklärend seinen Noten oft hinzugefügt. Man müsse stets darauf vorbereitet sein, dass, wenn man ein Blatt wende, wieder ein „schwer“ auftauche. 

„Schwer“ ist „Kriegslicht“ keine Sekunde. Aber es will langsam gelesen sein. „Haben Sie es nicht verschlungen?“, höre ich den kritisch-aufmerksamen Leser fragen. Oh, Sie müssen Ondaatje lesen. Wenn Sie lesen, dass Herr Malakite „von jedem Rosmarinstrauch, an dem er vorbeikam, ein Zweiglein abbrach, daran roch und es in der Tasche seiner Jacke aufhob“, dann werden Sie sich daran erinnern, wie der Erzähler, ein Zweiglein Rosmarin abzupfte, es zwischen den Fingern zerrieb, den Geruch einatmete und es in die Tasche seines Hemdes steckte. Und Sie werden im Nachhinein verstehen, warum Herrn Malakites Witwe dem Erzähler dabei „zuschaute, als versuchte sie sich an etwas zu erinnern.“

So erzählt Michael Ondaatje und je länger Sie ihn lesen, desto langsamer, nein desto aufmerksamer, wacher werden Sie es tun. Es sind so viele Schönheiten in diesen Text eingewoben, so viele Bezüge und Rückbezüge, die der Leser erlebt wie Themen und Motive in einer Komposition. Ein Glücksgefühl. Es hat nichts mit den Inhalten zu tun. Federico García Lorcas von Ondaatje immer wieder zitiertes „Sevilla para herir, Córdoba para morir“ („Sevilla zum Verletzen, Córdoba zum Sterben“) zum Beispiel hat ja so gar nichts Aufmunterndes, aber dass es einen Grundakkord bildet, einen Klang, der uns vertraut wird im Lauf der Erzählung und unseres Lebens, das scheint ein größeres Glück als zum Beispiel der Jubel über ein Kriegsende, wenn man doch erfahren hat, dass es niemals zu Ende ist mit den Kriegen. Vielleicht ist Ondaatjes „Warlight“ auch zu lesen als ein fernes Echo auf Arnold Schönbergs „sehr langsam“ anhebendes Streichsextett „Verklärte Nacht“ aus dem Jahre 1899. Ein Jahrhundert und viele Kriege danach.

Aber noch einmal zurück zum Buch Ondaatjes. Es gibt Stellen darin, die werden Sie nicht vergessen. Zum Beispiel die Geschichte von einer Premiere von Bellinis Oper „Norma“ in der Pariser Oper. Am 21. Oktober 1858. Damals besiegte der in New Orleans geborene Paul Morphy während der Vorstellung in einer Loge fast in Greifnähe zur Bühne zwei andere berühmte Schachspieler. Morphy war ein begeisterter Opernfan. Er hatte „Norma“ noch nie gehört. Er wollte keine Note versäumen. Er musste siegen. Die Geschichte ist ein Beispiel für Konzentrationsfähigkeit. Einerseits. Andererseits aber belegt sie, wie sehr Konzentration davon lebt, dass sie der Ablenkung abgezwungen wird. Ohne „Norma“, ohne sein Interesse an „Norma“ hätte Morphy so gut nicht spielen können. 

Es kommt bei der Konzentration nicht darauf an, die Welt rings herum zu vergessen. Es kommt darauf an, dass man weiß, wofür man sich interessiert. Man erkennt sich selbst besser, wenn man sich für andere und anderes interessiert. Wenn alles nur zum Spiegel der eigenen Weltsicht wird, wird man dumm. Ondaatjes Erzähler folgt der Spur seiner Mutter,  und so entdeckt er sich selbst. Wie wir Leser den Spuren Ondaatjes folgen.

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