Alliierte Bomber über Kiel, fotografiert aus einer "Fliegenden Festung", wie die Boeing B-29 genannt wurde.
+
Alliierte Bomber über Kiel, fotografiert aus einer "Fliegenden Festung", wie die Boeing B-29 genannt wurde.

"Der Gott des Sommers"

Der Krieg ist ein Hauptwort

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
    schließen

Ralf Rothmanns "Der Gott des Sommers" erzählt erneut erschütternd über die letzten Kriegswochen 1945.

Weiterhin ist Krieg. Im Winter 45 gehört er zu den Dingen, die man zu fühlen bekommt, auch wenn man ihn nicht ununterbrochen sehen kann in Norddeutschland. Flaches Land. Wenn der Krieg sich zeigt, ducken sich die Einheimischen unter den Tieffliegern. Auch gelten die Flüche der Einheimischen den Flüchtlingen, und die Verwünschungen der Truppenversorgung, die es „vom Lebendigen nimmt“. Das Land ist Weideland, Land der Tiere, Nutzviehland.

Wie schon in seinem Roman „Im Frühling sterben“ erzählt der besondere Realist Ralf Rothmann auch in seinem neuen Roman aus der Zeit der letzten Kriegswochen. Wie schon in dem Vorgängerroman bekommt es der Leser auch in „Der Gott jenes Sommers“ mit dem Schrecken zu tun. Vielleicht nicht direkt dadurch, wenn der Lehrer den Kindern einpaukt, alle Dinge, die man sehen und anfassen könne, müssten groß geschrieben werden. Aber doch dadurch, dass an erster Stelle der Endsieg groß geschrieben wird. 

Dieser große Krieg hat die zwölfjährige Luisa auf ein Gut in Schleswig-Holstein verschlagen, dessen Gegenwart steht am Horizont, denn Kiel brennt. Der Standort der Kriegsmarine brennt nur noch. Aus der Stadt ist die Zwölfjährige geflüchtet, zusammen mit ihrer Mutter und Schwester bekam sie auf dem Gut ein Dach über dem Kopf, ein Zimmer. 

Bereits die ersten Seiten des Romans mit seinen Perspektivverschiebungen sind großes Kino. Wie die Lesende im Bett liegt und wie das überblendet wird, die Vorstellungen des Kindes, das „überschneite Land mit dem Kanal“ mit den Augen der Piloten zu sehen; wie auf Details fokussiert wird, bis hin zum Halm auf dem Haspelrad, was für einen Piloten dann allerdings nicht zu sehen wäre; wie aus der Gegenwart in die Geschichte zurückgeblendet wird, ganz kurz, und wie, beim Vermessen von Raum und Zeit, das Gut keine Autostunde entfernt von Kiel verortet wird: Da bereits findet sich der Rothmannleser wieder in einem Rothmannkosmos, gemacht aus einem Realismus, in dem das „wirre Geäst“ alter Eichen „nach einem eigensinnigen Grimm aussah“. 

Rothmanns eigensinniger, eichenalter Grimm ist so poetisch wie schonungslos. Denn hart wird Luisa auf ihren Streifzügen mit einer grauenvollen Realität konfrontiert, im Lazarett mit einem vor Schmerzen umkommenden Soldaten, dem die Beine amputiert wurden. Immer weiter lässt der Rothmannkosmos die 12-Jährige ihre Kreise um das Gut ziehen, schließlich, auf einer unschuldigen Kastaniensuche, erspäht sie zusammen mit Ole, einem Klassenkameraden, das Lager von Gefangenen, Strafgefangenen, wie sie genannt werden, abgestraft werden. Denn viele von den Torfstechern haben doch wohl nichts getan, wie Luisas Vater einwendet. Er ist ein Hallodri, zweifellos, und doch um Gerechtigkeit bemüht. 

Immer schon hat Rothmanns schonungsloser Realismus Erbarmen mit einer besonderen Kreatur gezeigt – hier in der so ausführlichen wie eindringlichen Schilderung der Geburt eines Kalbes, einer Rettung des Lebens trotz schwieriger Umstände, daran beteiligt Walter, den der Rothmannleser aus dem Vorgängerroman kennt. Darin wurde der Krieg für Walter zu einem fürchterlichen Erpresser – hier nun steht ihm, der die 12-Jährige schwer beeindruckt, beunruhigt, irritiert, die Zwangsrekrutierung noch bevor. 

Die Menschen haben sich eingerichtet in einem Krieg, zumeist ist es ein Leben weit vom Schuss. Seinen Schrecken zeigt der Krieg, wenn Bomber im Tiefflug über die Felder jagen, und Luisa Norff nicht weiß, wie ihr ist, als im Graben, in den sie sich retten kann, „irgendetwas Großes, Schweres sie mit Wucht im Bauch traf“. Der Luftdruck infolge der Bomben zerreißt ihr nicht die Lungen. Doch der Schrecken des Krieges zeigt sich erneut, als das überlebende Besatzungsmitglied eines englischen Bombers, der abgeschossen wird, von Vinzent, dem Schwager, wie beiläufig beiseite genommen wird und hinter dem Rumpf des Flugzeugs exekutiert wird – ermordet wird. Vinzent ist als SS-Offizier ein Herrenmensch über Leben und Tod. 

Was ist das für eine Kindheit zwischen Leben und Tod, was für ein Leben zwischen Wirklichkeit und Traum? Das Gut, sein Park, seine Ställe, die Felder, die Wälder bieten einen Raum ahnungsloser Erkundung. Einen Freiraum unbehelligter Selbstständigkeit gar, wobei die Neugierde des Mädchens eine doppelte Welterkundung bedeutet. Eine, die es in die Weltliteratur führt, und dafür, dass es sich in die Bücher vertieft ist es ebenso bekannt wie für seine roten Haare. 

Rote Haare, auch so ein Klischee, so sehen doch wohl Jüdinnen aus! Der Judenhass ist ein immer wieder aufflackernde Aggression, auch bei Luisas Mutter, einer erbittert unzufriedenen, einer bösartig hartherzigen Frau, die den jüdischen Arzt verflucht, um dann doch die Rettung der typhuskranken Tochter durch das Können des alten Juden zu begrüßen, erleichtert. 
Dass die Geburtstagsfeier des SS-Offiziers buchstäblich auf einem Raub-Gut stattfindet, zeigt der an einem Detail des Hauses entfernte Davidstern. Inszeniert wird ein infam pompöses Fest, aufgeheizt wird es durch die Erwartung eines Ehrengastes, des Admirals Dönitz. Doch dessen Erscheinen, immer wieder beschworen, ist ein Trugschluss. Lebenslüge wie die vom Endsieg. 

Groß ist die Gier, die sexuelle an erster Stelle. Man will nichts verpassen, nichts auslassen lautet die Devise der letzten Kriegstage. Billie, die ältere Schwester Sibylle, erwirbt sich, von der Mutter zum munteren Reigen mit ihren Verehrern animiert, mit Nahtstrümpfen und Persianerkragen einen Ruf, der ihr recht ist, sehr, sehr recht. Eine Tragödie dennoch. Erst recht der böse Zank zwischen einer von Ranküne und Ressentiments beherrschten Frau und ihrem Mann, einem so leichtsinnigen Frauenhelden wie leutseligen Vater und scheinbar lässigen Papa, dem der Lebensmut immer wieder schwindet. Einmal bereits hat die Frau seinen Kopf aus dem Gasofen gezogen. Als er sich, weil womöglich ein SS-Mann seine Lebenslüge durchschaute, erhängt hat, stößt sie dem Kind vor den Kopf: „Na, dann lass ihn noch ’n Weilchen hängen, würd ich sagen. Damit er auch richtig tot ist.“ 

Kein Pardon, geschweige denn Erbarmen, nicht einmal mit den Nächsten. Kaum etwas, was in den Zeiten der Gnadenlosigkeit verschwiegen würde, auch nicht vor Kindern. Die Raffgier sagen sie Luisa ins Gesicht, die Geilheit, die zur Raffgier zählt. Der Krieg legitimiert zum Raub, der Schwager sieht sich als SS-Mann legitimiert zum Mord und zur Vergewaltigung Luisas. 
Von der „Schändung“ der Frauen wie überhaupt den entsetzlichsten Verbrechen erzählen sechs in den Roman eingeblendete Passagen. Es sind die Niederschriften eines Augenzeugen des 30-jährigen Krieges. Die Aufzeichnungen halten den Schrecken eines verheerenden Krieges fest, eines Bodenkrieges. Der Hunger ließ Gras hinunterwürgen, die Niedergestochenen wurden auf den Schlachtfeldern bei noch lebendem Leibe gefleddert. Es wurde den Leichen die Leber herausgerissen und der Gerber ging voran, um unter Haut und Knochen Beute zu machen. Nein, Rothmanns fiktiver Chronist, Bredelix Merxheim, lässt nichts aus, weil er den Gedanken an Rettung aber doch nicht fahren lassen will, lässt er ein Boot für eine Kapelle bauen, auf dessen Altar eine Nonne vergewaltigt wurde. 

Das ist eine wahrhaftig barocke Allegorie in einem auch diesmal metaphysisch getönten Hyperrealismus, zumal das einschiffige Kirchlein über Wasser gezogen werden soll, in einem Schiffchen, an ein rettendes Ufer. Dagegen zum Profanen gehören Markennamen wie Odol oder Horch, Juno und Handelsgold oder Pelikan. Es ist das Griffige jener Jahre, das in den Händen der Nutzer groß geschrieben wurde. Durch die Hände einer Perückenmacherin, einer braven Frau, aber gleiten die Haare, Haare von wem? 

Rothmann lässt Pneus hören, die Finger einer Kellnerin in leeren Schnapsgläsern („Pinnchen“!) größer werden – oder die Fühlhaare an einer Pferdeunterlippe zittern sehen. Denn wie so oft gilt auch hier, wo ein Butterhund noch das Butterschwungrad bewegen muss, eine besondere Ehrfurcht des Erzählers den Tieren gegenüber. Eine Kreatur, um die sich Walter und Luisa kümmern, rührend Sorgen machen, ist Brise – dass auch dieses Pferd abgeholt wird, war zu ahnen. 

„Der Gott jenes Sommers“ ist ein gewiss pathetischer Titel für einen Roman, den Gerüche wie Leitmotive durchziehen. Menschliche Ausdünstungen, der Stallgeruch, der Blutgeruch von Tieren, Likör-Geruch und der von Lippenstift. Der faulige Geruch amputierter Beine, der Geruch von verbranntem Fleisch ebenso wie das Aroma von Birkenwasser in den Haaren oder von Schminke, so dass Luisa, die eine intensive Erinnerung an die Muttermilch haben will (was eine Täuschung ist, denn sie wurde mit der Flasche aufgezogen), sich von dem „Aroma einer Reinheit“ angezogen fühlt, „die kaum etwas mit Seife zu tun hatte“, dem Aroma einer Nonne. 

Gerüchte beherrschen den Gang der Handlung. Rothmanns Vorgängerroman „Im Frühling sterben“ war eine Kriegerzählung, die vom Zufall bestimmt wurde. Der schreckliche Zufall verhängte über die Figuren ein unerbittliches Schicksal. Hier nun waltet das Verhängnis der Vorherbestimmung, angefangen mit der Vergewaltigung. Von Anfang an steht sie im Raum, und nicht nur als Gräuelpropaganda. Dass Luisa nicht das Opfer eines Rotarmisten, sondern ihres SS-Schwagers wird, ist alles andere als die Pointe in einem Romanverlauf. Die Vergewaltigung wird zum Sinnbild in einem totalen Krieg. 

Er liegt in den letzten Zügen. „Ganz Kiel wird von Sträflingen und Zwangsarbeitern aufgeräumt.“ Ralf Rothmann, 1953 in Schleswig geboren, lässt Luisa durch eine ausgebrannte Stadt nach der Schwester suchen, vergeblich. Wenn Rothmanns Roman am Ende auf recht rasche Art eine verblüffende Wendung bekommt, dann hat das damit zu tun, dass das Mädchen Nonne werden möchte. Rothmanns Realismus ist seit langem schon metaphysisch beseelt. Ist er es jetzt, wie bereits „In Frühling sterben“, auch christlich inspiriert? 

Die Nonne, der Luisa zuhört, sagt, sie sei mal „ein Feger“ gewesen. Aus der Zigarettenschachtel fischt sie eine „Chesterfield“, während beide englischen Soldaten bei der Arbeit zusehen, bei der Bergung von Opfer, ermordeten Torfstechern.

Es war ein nicht nur gewöhnlicher Krieg, es war ein Vernichtungskrieg. „Einige ihrer Kameraden, Tücher vor den Gesichtern, standen bis zu den Schultern in großen Gruben und bargen die Skelette der Toten, die man dort verscharrt hatte. An den Rändern lagen die sortierten Knochen, Haufen von Becken, Ellen, Wadenbeinen; an manchen Schädeln klebte noch Haar.“ Rothmanns metaphysischer Hyperrealismus ist beseelt von Scham.
 
Am kommenden Dienstag, d. 5. Juni liest Ralf Rothmann um 19.30 Uhr im Literaturhaus Frankfurt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare