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Vom Krieg geschaffen

"Kontinent der Gewalt": James Sheehans schlüssige Darstellung von Europas langem Weg zum Frieden

Von RALF ALTENHOF

Das Spektrum dieses Bandes reicht von der Kriegsbegeisterung in Europa nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zu den Anti-Kriegs-Demonstrationen im Februar 2003 gegen den drohenden Irak-Krieg. Auf "Europas langem Weg zum Frieden" hat sich James Sheehan zufolge ein Bewusstseinswandel vollzogen. Der Professor für Geschichte an der Stanford University konstatiert in seiner nüchternen Darstellung, dass nach 1945 in Europa eine neue Art von Staat entstanden sei: der zivile Staat. Galt traditionell die Bereitschaft und die Fähigkeit, Krieg zu führen, als Kern souveräner Staatlichkeit, könne davon heute keine Rede mehr sein. Allerdings hält der Autor die damit verbundene Überwindung des Krieges für ein europäisches, nicht für ein globales Phänomen.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert führte Heinrich von Treitschke den Ursprung und die Existenz der Staaten noch auf den Krieg zurück. Das fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts darin seinen Ausdruck, dass viele europäische Staaten Massenarmeen aufbauten. Das Ideal des Militärdienstes als Schule der Bürgererziehung setzte sich durch. Aber neben militaristischen Tendenzen gab es zugleich, wie Sheehan darlegt, pazifistische. Deren Vertreter hofften, dass die Gesellschaft den Krieg überwunden habe, denn sie befürchteten, ein Krieg mit moderner Militärtechnik würde die Strukturen der Zivilisation zerstören. Immerhin erlebte Europa von 1871 an die bis dato längste Friedensepoche, die 1914 mit dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand jäh endete.

Die Zeit bis 1945 firmiert denn auch bei Sheehan als eine "vom Krieg geschaffene Welt". Der Erste Weltkrieg zeigte, dass sich die Art und Weise, wie Krieg geführt wurde, verändert hatte. Etwa 70 Prozent der Opfer starben nach Artilleriebeschuss, weniger als ein Prozent durch Säbel öder Bajonette. Das Töten war gesichtslos geworden. Der Krieg brachte zudem die Umstände hervor, die nationalsozialistische, faschistische und kommunistische Bewegungen gedeihen ließen. Das Ergebnis war der Zweite Weltkrieg mit mehr als 50 Millionen Toten.

"Die Deutschen unten halten"

Den Kalten Krieg führt der amerikanische Historiker zu Recht auf den Antagonismus zwischen westlichen Demokratien und östlichem Totalitarismus zurück. Die Nato, deren Zweck der britische Diplomat Lord Ismay darin sah, "die Russen draußen, die Amerikaner drinnen und die Deutschen unten zu halten", sollte Abhilfe schaffen. Nur im Rahmen dieser internationalen Nachkriegsordnung, betont Sheehan, konnte Europa das tun, was ihm besonders am Herzen lag: sich um Wirtschaftswachstum, technischen Fortschritt und soziale Modernisierung zu kümmern. Damit einher ging das Ende des Kolonialismus - zwischen 1940 und 1980 wurden immerhin mehr als 80 europäische Überseebesitzungen mit über 40 Prozent der Weltbevölkerung unabhängig -, und zwar nicht nur aus moralischen Gründen, sondern vor allem, weil sich die Kolonien nicht mehr rechneten: Europa hatte seine Lektion gelernt. Die Wirtschaft stand ganz oben auf der Prioritätenliste, während das Militär an Bedeutung verlor, was sich nicht zuletzt an den sinkenden Verteidigungsausgaben ablesen lässt.

Insofern beschreibt Sheehan Europa treffend als friedliche Macht in einer friedlosen Welt. Dies ist auch der Grund, weshalb er in Europa keine potentielle Supermacht sieht. Denn von den Balkankriegen bis zu den Auseinandersetzungen im Nahen Osten wurden Europa stets seine Grenzen vor Augen geführt. Um ein unabhängiges Sicherheitssystem aufzubauen, müsste es über 50 Milliarden Euro in Militärtechnologie investieren, was sehr unwahrscheinlich sein dürfte. Dem stehen die zivilen Ziele der europäischen Staaten entgegen. Da sich Europa aber von der Außenwelt nicht abschotten kann, lautet das Fazit des Verfassers, wird die atlantische Partnerschaft auf absehbare Zeit unentbehrlich sein.

James Sheehan hat eine schlüssige Abhandlung vorgelegt, die in ihrer klugen Argumentation überzeugt. Allerdings hätte es sich der (europäische) Leser gewünscht, die Kapitel über die Epoche von 1900 bis 1945 zu raffen. Der Autor wäre gut beraten gewesen, statt auf eine weitgehend konventionelle historische Darstellung stärker auf die Form des Essays zu setzen, um seine Thesen zu pointieren.

James Sheehan: Kontinent der Gewalt. Europas langer Weg zum Frieden. A. d. Engl. von Martin Richter, C.H. Beck 2008, 315 S., 24,90 Euro.

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