Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Friederike Mayröcker, hier bei einer Lesung in Darmstadt 2001, wird 90 Jahre alt.
+
Friederike Mayröcker, hier bei einer Lesung in Darmstadt 2001, wird 90 Jahre alt.

Friederike Mayröcker zum 90.

Es kreuzten Hirsche unsern Weg

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
    schließen

Am 20. Dezember feiert die Lyrikerin Friederike Mayröcker ihren 90. Geburtstag. Höchste Zeit, in ihren Gedichten nicht nur großartige Gedichte, sondern auch die Dichterin zu sehen.

Wie geht es der 90-jährigen Friederike Mayröcker? Ich weiß es nicht. Der Leser mag ein Liebender sein. Aber er liebt Texte. Die Autoren nur soweit sie Autoren sind. Er ist glücklich, seit ein paar Wochen ein neues Buch von Friederike Mayröcker zu haben.

Aber er denkt nicht an die alte Frau, denkt nicht daran, ob ihr kalt ist, ob sie Gicht in den Händen hat, ob sie lacht. Selbst wenn er auf der ersten Seite ihres neuesten Buches, „Cahier“ (Suhrkamp) liest: „die einzigartige Emotion während der Penetration“, denkt der Leser nicht an die Dichterin und ihren Leib.

Das ist die Verabredung zwischen ihr und den Lesern. Sie darf, ja soll schreiben, was sie mag. Wir versprechen ihr dafür, sie nicht hinein zu fantasieren in ihren Text. Selbst wenn der Leser ein paar Zeilen später daran erinnert wird, dass die Autorin schon 2005 Schwierigkeiten beim Treppensteigen hatte, glaubt er die Erzählerin, das lyrische Ich zu hören. Blättert er dann um und stößt auf eine Zeichnung, dazu den Text: „Gewidmet beim Kiesertraining: meiner süßen: boxenden mickeymouse!“, legt er weiter großen Wert darauf, den Pfad der hermeneutischen Tugend, die Autonomie des Textes, nicht zu verlassen.

Also fragt er nicht, wie es Friederike Mayröcker geht, sondern grübelt über die ansteigende Frequenz von Doppelpunkten in ihren Texten. Ohne Ergebnis.

Der Leser weiß, dass die Dichterin mischt und zusammenfügt, was sie findet. Er weiß, dass alle, die sie lieben, von ihrer alchemistischen Kunst sprechen, mit der sie Dinge zusammenbringt, die niemand vor ihr zusammengebracht hat. Er glaubt allerdings nicht, dass sie alles verschmilzt und umgießt in etwas Neues. Friederike Mayröcker täuscht gerade nicht über Bruchstellen hinweg. Sie ebnet nicht ein, sondern sie lässt das Gefundene bestehen neben dem Selbstformulierten.

Manchmal entsteht dabei etwas wie eine surrealistische Plastik, also etwas ganz Neues aus nichts als Strandgut. Das ist gerade der Zauber („Sie gehört zu den mächtigsten Sprachzauberinnen, die je gelebt haben“, schrieb Uwe Tellkamp) der Mayröcker, dass nichts verschwindet, sondern alles erhalten bleibt oder doch Spuren davon im gewaltigen Werk ihrer Metamorphosen.

Der Leser hat noch in Erinnerung den Bibliothek Suhrkamp Band von 1998 – „Benachbarte Metalle“ – mit dem schönen Nachwort von Thomas Kling. Aber er findet, die Kunst der Mayröcker besteht und bestand immer darin, weit Entferntes und sehr Unterschiedliches zusammenzubringen. Es geht nicht um Legierungen, sondern um Werke, die an jene hybriden antiken Plastiken erinnern, in denen Marmor, Bronze, Holz, Farben und echtes Haar zusammengefügt werden, um ein Höchstmaß von Realität und Verblüffung zugleich zu erreichen.

Die Dichterin beim Kieser

Die Probleme beim Treppensteigen, das Kiesertraining, das ist das Echthaar in diesem Text. Kein Gedicht, keine Prosa von Friederike Mayröcker kommt ohne das aus. Und es gibt keine zehn Zeilen von ihr, in die nicht fremde Texte eingeschmuggelt oder offiziell zitiert wurden.

Wer irgend kann, der sehe sich den Film an, den Carmen Tartarotti vor sechs Jahren über Friederike Mayröcker drehte. Er heißt „Das Schreiben und das Schweigen“. Ein sehr, sehr eindrücklicher Film. Er ist leider auf DVD nicht zu haben. In ihm sieht man das Arbeitszimmer der Mayröcker: ein großer Raum mit einem riesigen Tisch. Überall Pappschachteln. In ihnen liegen Tausende, wohl fast schon Zehntausende Zettel mit einem Satz, zwei Sätzen, einem Wort. Das sind die berühmten Exzerpte der Friederike Mayröcker. Nirgends auch nur ein freier Quadratzentimeter. Eine „Müllplastik“, schrieb eine Kollegin.

Friederike Mayröcker steht am Fenster, blickt auf das des Mietshauses gegenüber und schreibt so etwas wie: Ein Fenster, ein Vogelkäfig, ein Sessel. Dann dreht sie sich um und greift in eine der Pappschachteln. Sie entnimmt ihr einen Zettel mit einem Satz und fügt ihn hinzu, ohne ihn sich genauer angesehen zu haben. Sie wird die Protokollsätze ihrer Beobachtungen, das Fenster, den Vogelkäfig, den Sessel, durchmischen mit den Elementen des aus der Schachtel gefischten Satzes. Und es wird etwas ganz Neues und doch jedem Mayröcker-Leser Vertrautes daraus entstehen.

Friederike Mayröcker ist in ihren Gedichten. Sie verschwindet nicht, sie zeigt sich darin. Wir sollten anfangen, nicht nur ihre Texte, sondern sie selbst zu lieben. Wir sollten uns erkundigen, ob es ihr gut geht und wie wir ihr danken können für ihre Bücher, für Gedichte.

Wie das, das sie im Oktober 2005 für ihren Kollegen, Freund, Geliebten und Ehemann Ernst Jandl (1925–2000) schrieb: „an EJ im Tonfall von BB / ich hörte wieder deine stimme / auf dem recorder und weinte viel du sagtest / mir die Kosenamen (verbarg im Klee das Angesicht) hallo hallo / wo bleibst du nur so lang und fragtest mich wollen wir heute / zusammenbleiben. Wolken von Schmetterlingen und Pfauen / und in dem Dorn die Vöglein sangen / in tiefer Nacht es kreuzten Hirsche unsern Weg.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare