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Krawall im Gedärm

Eine Ode an die norddeutsche Öde: Svenja Leiber legt mit dem Erzählungenband "Büchsenlicht" ein beeindruckendes Debüt vor

Von FRIEDHELM RATHJEN

Das Landleben in Norddeutschland ist träge, gemächlich, langweilig. Ist es so? Wenn es so ist, dann beweist Svenja Leiber mit den Erzählungen ihres Debüts Büchsenlicht jedenfalls, dass man zupackend, rasant und schroff darüber schreiben kann. Den Ton setzen gleich die ersten Zeilen der ersten Geschichte: "Landregen. Lehmschwere Stiefel an lehmschweren Bauern, Gurgelndes am Straßenrand und Schleimspuren auf dem Asphalt. Die Metallgartenpforte, ein Kiesplattenweg." Die besten Sätze Svenja Leibers sind eigentlich gar keine Sätze, es sind Setzungen, denen das Verb fehlt. "Kreischendes Gelächter am Rand des Tanzbodens, mehrdeutiges Brummen in der Mitte, klirrende Gläser." Und mittendrin wir, die Leser. "Langes umgesunkenes Gras rundum, mit eingetretenen Pfaden. Obstbäume, und außen ein verrottender Zaun." Um uns herum eine irre Welt. "Draußen das ewige Jaulen."

Aber natürlich versteht sich Svenja Leiber auch auf Verben; wenn sie verblos kurz und bündig ihre Szenerien entworfen hat, geschieht nämlich allerlei. "Gräser plinkerten an den Speichen": da fängt es an, das Geschehen. "Eine Taube flapperte unbeholfen im Geäst einer Linde, und Tom ging durch das Unterholz voran": Unbeholfener als die Tauben benehmen sich die Menschen, ob sie nun einen Bock schießen wollen oder mit Alltäglichkeiten hantieren. Manche hantieren auch "aneinander herum", nicht immer sind es Jugendliche, wer alt geworden ist, hackt "zwischen den Placken" und redet mit den Blumen, weil die Vergangenheit vergangen ist und die paar Menschen, die's wert waren, mitgenommen hat. Zum Beispiel "den Knecht Friedhelm", den Greta seinerzeit "nahm" und der dann "abgestorben" ist, weswegen Greta jetzt nur noch dem Tag "beim Schreiten" zusehen kann.

Der Tag, er "schreitet" tatsächlich in Svenja Leibers Prosa, manche Figur ist "einem Überdruss verfallen", ein gewisser Benjamin gestaltet sogar "sein Leben zu einem Biosphärenreservat mit philosophischen Einsprengseln". Solche überhöhten Formulierungen wirken einigermaßen fehl am Platz in dieser Welt, in der sonst eher von "Mitschnackern" oder einem "zugewachsenen Redder" oder vom "Kaffe" die Rede ist, der "schwarz und fettig" sein soll "wie das Leben selbst". Das Vokabular passt nicht recht und passt gerade deshalb ganz ausgezeichnet, denn hier wird sprachlich überzeugend eine Welt angepackt, in der alles und jeder irgendwie fehl am Platze ist. Manches, was die Figuren tun oder lassen, ist "angenehm peinlich"; eine vage Bedrohung birgt das Behindertenheim "jenseits vom Wald", wer Glück hat und in Behandlung kommt, erlebt eine "tiefe chemische Weltentrückung".

Wer der Welt, um die es Svenja Leiber geht, mit Stil und sprachlicher Eleganz beikommen will, hat schon verloren, denn Eleganz ist dieser Welt ebenso fremd wie eigentlich die Sprache. "Das alles geschah beinahe wortlos. Es knurrte, dann murmelte es." Die Figuren reden verquer, wenn sie überhaupt etwas sagen; manch einer schweigt lieber und träumt verquer. "Zwischen diesen Träumen gab es nur kalte und leere Lücken in ihm." Die Lücken, die Leere, die Kälte: all das fängt Svenja Leiber mit ihrer raffiniert ungekünstelten und ungelenken Sprache ein, die so direkt ist wie das Beil, das ein jähzorniger Familienvater in den Küchentisch haut - voller Bedauern, statt des Tisches nicht seinen Schwager erwischt zu haben. Es lauert Gewalt in all diesen Erzählungen, bisweilen bricht sie an die Oberfläche, am wirksamsten ist sie aber, wo sie knapp darunter bleibt. "Ich träumte von einem Wolf mit Brille, der mich in ein Kornfeld lockte und mir mit einer Säge drei unblutige Rillen in den Bauch sägte": das bleibt ein Traum und bleibt es doch nicht, weil diese Prosa die Träume in den Text sägt.

Für Handlungsfetischisten sind diese Erzählungen denkbar ungeeignet. Zwar geschieht mancherlei, ein Hof brennt ab und Frauen heiraten falsche Männer und Kinder werden geprügelt und Alte sterben, doch bestimmt wird die Existenz der Figuren mehr von dem, was eben nicht geschieht. Mädchen sehnen sich nach einem "absolut problemfreien Gesicht", junge Männer wünschen sich ein "Grundrecht auf einen erträglichen Körper", die Erwachsenen verstecken ihren Hass aufeinander hinter "Buttercremetorte, Aufgusscappuccino und Eierlikör". Herausgelassen wird gar nichts, notfalls kann man sich ins Draußen flüchten, ins Wetter. "Sprühregen. Angenehm im Gesicht, wenn man sich darauf einließ."

Einer der Tricks in Svenja Leibers Prosa besteht darin, das Draußen wie ein Drinnen zu behandeln und das Drinnen wie ein Draußen. "Draußen die Welt, das Wilde und die Freiheit und drinnen das Tagein und Tagaus, fremdbestimmt und ermüdend."

Bisweilen wird das ein bisschen arg deutlich formuliert, bisweilen folgt auf einen zielgenauen Satz ("Sie beneidete die anderen darum, dass sie die anderen waren") einer, der das Ziel zu sehr preisgibt ("Sie wäre selbst gerne eine andere gewesen"), doch je genauer wir diese schroffe Prosa lesen, desto schärfer wird sie. Unter der scheinbar naturalistischen Oberfläche stecken sprachlich-semantische Ordnungen, die wie Fallgruben funktionieren: je geradliniger der Weg ist, den unsere Lektüre nimmt, desto sicherer tappen wir hinein.

Diese Erzählungen sehen die Welt von innen und außen zugleich. Innen lauert der "Kohl als Krawall im Gedärm." Und außen? "Draußen Landregen, dauernd, immer, endlos. Alles vollgesogen. Wiesen, Häuser, Menschen, alle, bis oben hin, bis unters Dach vollgesogen." Diese norddeutsche Welt ist mehr als Welt, sie ist wie ein Schwamm, aus dem Svenja Leibers Krawallprosa mehr herausdrückt, als wir darin vermutet hätten.

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