Flusslandschaft mit Wachturm: Als Mahnmal erhalten in Amt Neuhaus an der Elbe.
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Flusslandschaft mit Wachturm: Als Mahnmal erhalten in Amt Neuhaus an der Elbe.

Roman

Krank vor Erinnerung

Jan Böttchers subtiler Roman über das "Nachglühen" der Geschichte in einem DDR-Grenzort.

Von INA HARTWIG

Der Roman "Nachglühen" des Schriftstellers, Songwriters und Musikers Jan Böttcher muss schon deshalb ein Wagnis genannt werden, weil die Konkurrenz nicht gerade schläft. In seiner Generation sind etwa die beiden Ostdeutschen Antje Rávic Strubel ("Tupolew 134", 2004) und Clemens Meyer ("Als wir träumten", 2006) zu nennen, die mit Romanen zum Thema Wende brillierten. Sie alle drückten noch die Schulbank, als die deutsch-deutsche Grenze fiel. Jan Böttcher allerdings, und das macht seinen neuen Roman umso spannender, befand sich im Westen. "Zonenrandgebiet" nannte man dort das dünn besiedelte Gebiet an der Elbe. Als auf der östlichen Uferseite der eiserne Zaun demontiert wurde, die Minen weggeräumt und die Wachtürme abgerissen wurden, war Jan Böttcher 16 Jahre alt, ein Gymnasiast in Lüneburg.

Für seinen dritten Roman ist der Autor in den Osten aufgebrochen, hat gründlich recherchiert und ein semifiktives Elbdorf geschaffen, wo zwei frühere Freunde sich - nun, gerade nicht wieder begegnen, obwohl sie miteinander schicksalhaft, tragisch verbunden sind.

"Wie kann man hier bloß fehlen?", denkt Jo Brüggemann, als im November 1989 die große Demontage-Party tobt. Der eiserne Zaun des Elbgrenzortes Stolpau ist gefallen, und die Dorfjugend, einschließlich Jo Brüggemann, flippt aus. "Wie kann man hier bloß fehlen", denkt gut 200 Seiten später Jens Lewin, als er im Trafoturm vor Angst zitternd darauf wartet, von den Grenzsoldaten entdeckt zu werden. Man muss kein besonders geübter Leser sein, um zu begreifen, dass die Fragen sich aufeinander beziehen. Warum sie aber so schwer zu beantworten sind, davon, so könnte man behaupten, handelt im Kern der Roman "Nachglühen".

Als Kind des Westens haben Jan Böttcher damals sicherlich ganz andere Fragen beschäftigt als die, warum sich zwei Jungen in einem Dorf östlich der Elbe 1987 zusammentun, um den Wachleuten des sozialistischen Staates einen Streich zu spielen; einen Streich, der nur einen der beiden ins Gefängnis bringt. Dieser eine ist Jens Lewin, und exakt deshalb fehlt er auch bei der großen Party zur Zaun-Demontage im Dorf zwei Jahre später. Nachdem Jens ein paar Tage nach dem Mauerfall aus dem Gefängnis entlassen wird, geht er sofort in den Westen.

Auch Jo Brüggemann geht in den Westen, macht eine Ausbildung als Polizist und Funker, während Jens Lewin als Journalist arbeitet, aber beide kommen wieder nach Stolpau, das Dorf an der breit glitzernden Elbe, die nun schon lange wieder zugänglich ist. 17 Jahre sind vergangen seit dem Ende der DDR; aber kein Tag ist vergangen im Seelenhaushalt der beiden Jungen, die längst Männer sind - und die einander jetzt krampfhaft aus dem Weg gehen. Der eine tut es aus Feigheit und Ungeschick, der andere aus Hass und Scham. So scheint es zumindest, denn so richtig Einblick in ihre Gemüter gestattet der Autor uns nicht. Ihm liegt am Geheimnis.

Jan Böttcher ist aber nicht nur ein Kind des Westens, sondern auch ein Norddeutscher, und so ist "Nachglühen" nicht nur ein Roman über die nicht aufgearbeitete, eben die "nachglühende" sozialistische Diktatur (dass es eine war, daran lässt das Buch keinen Zweifel), sondern auch über einen Menschenschlag, der, wenn er nicht ausgiebig schweigt, was meistens der Fall ist, sich in grummeligem Charme etwa über den Deichkrug äußert: "Hier trinkt man kain Ladde Makjado."

Womit die Innovationsbereitschaft der eingemeindeten Neu-Niedersachsen ausreichend resümiert wäre. Amt Neuhaus, und dort liegt Stolpau, wurde nach der Wende wieder dem Landkreis Lüneburg zugeschlagen; "Lügenburg", wie jene männlichen Kneipengäste witzeln, denen es nichts ausmachen würde, wenn der eiserne Zaun noch existierte.

Jens Lewin ist nach Stolpau zurückgekommen, um seine Eltern bei der Wiedereinweihung des Dorfkrugs zu unterstützen. Die alten Konfliktlinien sind nicht mehr lebensbedrohlich, aber höchst lebendig - und quälend. Jens, das Folteropfer des untergegangen Staates, ist krank vor Erinnerung, so krank, dass er nicht einmal seiner eigenen Frau sein Herz zu öffnen vermag. In einem Anfall von Jähzorn nimmt sich Jens nicht Jo Brüggemann vor, der ihm zwei Jahre Knast eingebrockt hatte; Jens schlägt dessen Vater Hans krankenhausreif, einen eifrigen Helfer der einstigen Grenztruppen. Man kann das verstehen - und dennoch Jens' Einkapselung bedauern, die schließlich sogar seine patente, seelisch ausgehungerte Frau in die Flucht schlägt.

Neben einem ausgeprägten Sinn für die unspektakulär schöne Landschaft, für die traurige Poesie des Nieselregens und der Formationen der Zugvögel, beeindruckt "Nachglühen" durch eine - in der neueren deutschen Literatur wiedererweckte - subtil-realistische Psychologie, die es schafft, Mentalitätsgeschichte - das verstockt Norddeutsche - mit politischer Schuldverstrickung zu verbinden. So reichen sich in Stolpau im Jahre 2006 Charaktere, die bei Fritz Reuter auftreten könnten, als Opfer, Täter und Zuschauer der jüngsten deutschen Diktatur die Hand. Oder eben gerade nicht. Wie gesagt, ganz neu ist das nicht. Aber für einen Wessi seiner Generation stellt Jan Böttcher doch entschieden eine Ausnahme dar.

Jan Böttcher:Nachglühen. Roman. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2008, 239 Seiten, 19,90 Euro.

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