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New Yorkerin Elvia Wilk, die auch Berlin sehr gut kennt.
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New Yorkerin Elvia Wilk, die auch Berlin sehr gut kennt.

Elvia Wilk

Krakenartig kapitalistisch

  • vonStefan Michalzik
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Elvia Wilks Berlin-Roman „Oval“ führt in ein Milieu, in dem der Wohnungsmarkt grün tut.

Das Jahr, in dem dieser Roman spielt, wird an keiner Stelle genannt. Es liegt in der Zukunft, eine besonders ferne ist es offenkundig nicht. „Oval“ liest sich vielmehr wie eine Science-Fiction-Geschichte auf unsere Gegenwart, die im Buch bestens wiederzuerkennen ist.

Die New Yorker Journalistin Elvia Wilk, Jahrgang 1989, hat einen Berlin-Roman geschrieben. Fast jeder, den sie in New York kenne, habe schon einmal einen Sommer dort verbracht, sagte sie in einem Interview, sie selbst gar sieben Jahre. Kolorit meidet sie klug, die Gestimmtheit in einer Szene der Stadt trifft sie grandios. Es gibt satirische Überspitzungen, aber „Oval“ ist mehr als das.

„Hier geht’s innovationsmäßig voll ab.“ Das bekommt Anja, Biologin und Tochter aus begüterten Verhältnissen, von ihrem Freund Louis zu hören, als er über seine Arbeit spricht. Das Paar lebt in einem Haus in der sozio-ökologischen Mustersiedlung „The Berg“ auf dem Tempelhofer Feld. Ein Projekt, das die Proteste gegen eine Bebauung verstummen machte. Das smarte Haus soll den Müll schlucken und verwerten; das funktioniert desaströs schlecht, weshalb die, die hier wohnen, ihren Müll schon mal andernorts verschwinden lassen, besonders wenn sie das eng limitierte Maß überschritten haben. Tatsächlich hat der Architekt Jakob Tigges die Idee vom künstlichen Berg mit tausend Metern Höhe auf dem Gelände des einstigen Flughafens Tempelhof vor gut zehn Jahren in die Welt gesetzt; in der Netzwelt kursiert sie noch immer.

Öko-Begriffe als Knüppel

Das grüne Projekt wird im Roman nun als ein erzkapitalistisches und sozial unverträgliches geschildert. Hinter allem steht Fin-Start, ein einen „Ansatz der unbegrenzten Forschung“ vertretender innovativer Konzern von bedrohlicher Omnipräsenz. Er betreibt Zellforschung und ist Anjas Arbeitgeber, vor allem aber umschlingt er krakenartig ein Wohnhaus nach dem anderen und rüstet es ökologisch auf. Nachhaltigkeit ist der Knüppel, mit dem die minder zahlungskräftigen Mietparteien aus ihren Wohnungen vertrieben werden.

Es ist die Kreativ- und Beraterszene, in der sich der Roman bewegt. Man trinkt Smoothies, treibt sich in hippen Clubs und Bars herum und konsumiert Drogen. Wer früher Kunst gemacht hat, verdingt sich nun in den Unternehmen der neuen Ökonomie. Diese stellen sie in unklar definierter Rolle ein, weil sie sie am Puls der Zeit wähnen, wovon sich die Firmen Marktvorteile versprechen.

Das Politische verwebt Wilk eng mit dem Persönlichen. Die Erzählung konzentriert sich auf die Empfindungen Anjas. In deren involvierter wie zugleich die Verhältnisse analytisch durchschauender Sichtweise zeigt sich die Brillanz der Autorin am deutlichsten. Die Trauer über den plötzlichen Tod seiner Mutter macht Louis klischeegetreu mit sich selber aus. Mit Blick auf das egomane Projekt des zutiefst geliebten Mannes tut sich für Anja ein Abgrund auf.

Üppig honorierte Erlösung

Zwecks vermeintlicher Weltrettung und Erlösung von dem Übel „Survival of the Richest“ hat Louis – als üppig honorierter Berater für die NGO Basquiatt tätig – die Entwicklung einer neuartigen Partydroge namens Oval angestoßen. Die Pille schaltet vorübergehend den im Gehirn als Potenzial durchaus angelegten Altruismus frei. Freigiebigkeit als neuer Partykick anstelle einer Auseinandersetzung mit den strukturellen Ungerechtigkeiten, die die Welt in Consultants und Wohnsitzlose scheiden. Das alternative Wohltätigkeitssystem scheitert im Feldversuch so verheerend wie grotesk.

Erzählt ist das im besten Sinne konventionell, in einer klaren Sprache, mit den entsprechenden zeitgeistigen Zitaten; die Übersetzerin Julia Wolf trifft den Ton ideal. Zwar bleibt der anständige dystopische Knall am Ende nicht aus, doch werden eher Verhältnisse skizziert, als dass Elvia Wilk mit dramatischen Sensationen aufwarten würde. Das mag gelegentlich eine Spur zu detailliert ausfallen, langweilig wird es nicht.

Beim Lesen ist mir das Wort vom „Milieukampf“ in den Sinn gekommen, das der Würzburger Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Andreas Herteux (FR vom 23. November) auf unsere Gesellschaft geprägt hat. Das Mehrheitsmilieu der „normalen“, „einfachen“, arbeitenden Leute, das es in der hier skizzierten nahen Zukunft ja weiterhin geben dürfte, ist derart fern, dass es praktisch keine Berührungen gibt mit der Welt, die in „Oval“ so triftig pointiert geschildert wird.

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