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Monika Maron in diesen Tagen vor ihrem 75. Geburtstag.

Monika Maron "Krähengekrächz"

Die Krähe schlechthin und jederzeit

Zum 75. Geburtstag der Schriftstellerin Monika Maron, die sich mit Neugier und Ausdauer unter die Rabenvögel begeben hat.

Von Jürgen Verdofsky

Die Krähen fliegen zur gewohnten Zeit. Sie leben in Kunst und Literatur wie jeder Mythos von der Ausgestaltung ihrer Geschichten. Ihre Legenden sind so eingeführt, dass sie nur berührt werden müssen, um einen Kontext aufzurufen. In dieser von Nebenwirkungen zerrissenen Welt braucht auch die Recherche für einen Roman keine größere Ordnung als die eines Krähenschwarms. Es bleibt eine schwankende Stufe der Unbestimmbarkeit, eine tiefe Verbindung von Generations- und Gattungswissen, die nicht formuliert werden muss.

Die Kulturgeschichte des Menschen stand unter begleitender Beobachtung der Krähen. Sie kamen so nah, weil sie von seinen Leichenfeldern lebten. Den Ruf als Toten- und Galgenvögel werden sie nicht los. Ein Rest, der sich dem Verstande nicht beugt, zieht ins Magische. Was daraus entstehen kann, hat Marcel Beyer in seinem imposanten Roman „Kaltenburg“ gezeigt.

Von den Krähen, diesen klugen Vorteils-Aktivisten, völlig anwesend an ihrem Platz auf der Welt, wird auch Monika Maron angezogen. Fasziniert von einer Intelligenz, die der von Schimpansen nahekommt: Rabenvögel erkennen menschliche Gesichter und sich selbst im Spiegel, lassen Nüsse von fahrenden Autos knacken, nutzen das archimedische Prinzip. Hinzu kommt das Rabenwissen vom Umgang mit dem Menschen. Maron sieht einen neuen Protagonisten. Die Krähe werde für ein nächstes Buch „zu einer historischen und moralischen Instanz“. Vielleicht wie der herrenlos zugelaufene Hund in ihrem letzten Roman „Zwischenspiel“. Denn die Rabenvögel sollen nicht bedrohlich eingefärbter Mythos bleiben, sie werden real. Alles Beobachten bleibt nicht Wahrnehmung, sie steigert sich zur Kommunikation, setzt ein mitwirkendes Erkennen voraus.

Auf einer Gefühlsfährte

Die eingeschlagene Gefühlsfährte wird angereichert um erste Erkenntnisse: „Nicht ich kann mich mit einer Krähe befreunden, sondern nur eine Krähe mit mir.“ Leises Dauergelächter der Krähen, vielleicht sind in ihrem Gekrächz auch Lachwehlaute. Alles spontane Befreunden scheitert schon am einseitigen Erkennen, die Krähen nehmen den einzelnen Menschen in seinen Eigenheiten wahr. Schwarz gekleidete Frau führt immer zur gleichen Zeit einen Hund in einem bestimmten Revier aus. Der zugeneigten Rabenfreundin ist das Unterscheiden der einzelnen Krähen aber versagt. Doch die Krähen werden lebendig, auch wenn sie keinem literarischen Plan der Autorin folgen müssen.

Alles bleibt zugeneigte Beobachtung, belebt durch kalkulierte Futtergaben. Walnüsse und Geflügelwurst, für das Schwarmverhalten bewährt sich Hundefutter. Alles beginnt auf dem Balkon. Das Angebot wird schnell bemerkt, von Tag zu Tag ein größerer Anflug. Aber nicht zuerkennen, ob Stammgäste oder andere Revierkrähen. Man kommt sich nicht näher, wochenlang. Auch nicht, als die Futterspur vom Balkon in die Wohnung führt. Mutige Vortänzer wagen sich zwar in die Innenräume, bleiben aber namenlose Rabenvögel aus dem Schwarm. Als die Beobachterin zur Straßenfütterung übergeht, steigert sich die Lebhaftigkeit der Bilder, aber nicht die Vertrautheit. Berlin-Schöneberg, das Revier um den Bayerischen Platz wird eine temperamentvolle Rabenlandschaft. Nach längerer Abwesenheit wird die Frau mit Hund von den ganzjährig geselligen Krähen begrüßt: „Krähen liefen wie eine Schulklasse hinter mir her.“

Aber bei aller Verführungskraft des Episodischen und dem Bemühen, nichts außer Acht zu lassen, bleibt doch die Ernüchterung: „Über die Krähen … erfuhr ich mehr aus Büchern als bei meinem täglichen Werben um sie, das eher der Selbsterkenntnis diente.“ Maron ist auf der Höhe gegenwärtiger Rabenkunde, Riechelmanns „Krähen“ und Reichholfs „Rabenschwarze Intelligenz“ werden als Lesefrüchte benannt. Und doch tritt sie immer wieder aus dem Weltwissen der Ornithologen.

Beim Aufruf der großen Raben-Gedichte von Edgar Allan Poe, Droste-Hülshoff und Fontane, oder in Bewunderung des Romans „Der menschliche Makel“ von Philip Roth zeigt sie sich als Künstlerin, sie ist es auch als Krähen-Beobachterin. Nichts wird ausformuliert bis auf den Grund, alles bleibt zugeneigte Beobachtung, immer zählt der Augenschein. Das ist keine Recherche als Versuch, die Krähen zum späteren Auskosten für die Literatur zurechtzumachen.

„Krähengekrächz“ erhebt sich als ein kleiner autonomer Text mit offenen Deutungsräumen. Raffiniert ohne Vorsatz, alles hinter sich lassend, was Absicht sein kann, hat sich dieses kleine Buch verselbständigt. Ganz anders als die Frankfurter Poetik-Vorlesung, die Vorarbeit zum Roman „Ach Glück“. Der Zugewinn liegt auf der Hand: Es ist einfacher, von Krähen abhängig zu sein, als von den Menschen. “… Krähen seien inzwischen (außer dem Hund) meine verlässlichste Freude am Tag. Na ja, sagte Michael, das ist dein Weg zurück ins Paradies.“

In dieser Form eine Neuigkeit, aber ein Glücks-Geschenk von Kleist’scher Façon zum 75. Geburtstag, den Monika Maron heute feiert: „…vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen.“ Ach, Glück. Der Himmel ist nicht leer.

Monika Maron: Krähengekrächz. Nachwort von Elke Gilson. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016. 63 Seiten, 12 Euro.

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