Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auch der Zwang zum Wachstum lässt sich nicht ohne weiteres stoppen.
+
Auch der Zwang zum Wachstum lässt sich nicht ohne weiteres stoppen.

Nietzsche

Auf Kosten der Zukunft

  • Dirk Pilz
    VonDirk Pilz
    schließen

Geschichte ohne Vergangenheit? Karsten Maria Thiel deutet Nietzsches „Genealogie der Moral“ für die Gegenwart.

Alles hat Geschichte. Das scheint eine banale Behauptung zu sein. Denn was das Leben im Großen wie im Kleinen ausmacht, ist von Geschichte bestimmt, die Natur genauso wie alles Kulturelle. Man hat deshalb von der Geschichte als einem absoluten Begriff gesprochen: Wenn nichts außerhalb von ihr steht, verliert der Begriff seine Differenzierungskraft. Das ist die Theorie. In der Praxis aber wird die Vergangenheit anders behandelt und empfunden: Gerade moralische Werte, von den Menschenrechten bis zum Gerechtigkeitsempfinden, gelten als unveränderbar. Sind sie das?

Damit ist man bei Nietzsche – und bei einem erhellenden Buch des Münchner Philosophen Karsten M. Thiel. Nietzsche hatte in seiner „Genealogie der Moral“, erschienen 1887, ja den Punkt aufgegriffen, dass besonders moralische Werte nicht nur als überhistorisch und allgemeingültig genommen werden, sondern „das Gute“ dabei als „höherwertig“ gilt. Wie aber, so fragte Nietzsche, wenn im Guten ein Gift läge, „ein Narkotikum, durch das etwa die Gegenwart auf Kosten der Zukunft lebte“? So kann nur fragen, wer moralische Werte selbst als etwas ansieht, das immer wieder „neu in Beschlag genommen, zu einem Neuen umgebildet und umgerichtet wird“. Genau das geschieht in der Geschichte, so Nietzsches wirkmächtige These.

Deshalb spricht er von Genealogie, deshalb auch der Titel des Buches von Thiel „Geschichte ohne Vergangenheit“. Denn in ihm wird deutlich, dass Nietzsches berüchtigte Moralkritik aus der Kritik an der Moralgeschichtsschreibung entsteht, nicht umgekehrt. Wie Geschichte und moralische Werten erzählt werden, ist folglich der Schlüssel, die Geltung und Genealogie dieser Werte zu entschlüsseln. Thiel unterstreicht in seinem schnörkellosen Buch entsprechend, dass Geschichtsschreibung zu betreiben bedeutet, davon zu erzählen, wie Sinn und moralische Werte vergehen, indem sie überschrieben werden.

Nietzsche buchstabiert das an historischen Brüchen durch, etwa an der Ablösung einer „Herrenmoral“ durch die „Sklavenmoral“ und der Wandlung des Moralischen zum „schlechten Gewissen“, das dann wiederum zum „asketischen Ideal“ uminterpretiert wird. Vor allem hier wird Thiels Nietzsche-Interpretation hochaktuell. Denn in diesem asketischen Ideal sieht Nietzsche nicht etwa (nur) eine religiöse Praxis des Verzichts und der Selbstopferung, sondern die „Grundtatsache des menschlichen Willens“ ausgedrückt: Der Mensch „braucht ein Ziel – und eher will er noch das Nichts wollen, als nicht wollen“.

Es ist diese Logik, die im Kapitalismus zur Entfaltung kommt: Asketische Ideale sind auf ein Ziel gerichtet, das sich nicht erreichen lässt, das aber auch nicht aufgegeben werden kann. In der Religion ist dieses Ziel Gottesnähe oder Gottgefälligkeit, im Kapitalismus Glück und Zufriedenheit durch Mehrwertproduktion. Aber so wenig wie der Mensch zum Gott werden kann, so wenig lässt sich der Zwang zu mehr Wachstum stoppen. Wer das ändern und kritisieren will, hat zu lernen, dass beides Geschichte hat – und „umgerichtet“ werden muss, um Zukunft zu gewinnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare