Kopfüber in den Wasserlauch

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Beten & Rocken: Werner Fritschs Poetikvorlesung

Lässig knüpfte Werner Fritsch zu Beginn seiner Poetikvorlesung in Hörsaal VI. der Frankfurter Goethe-Universität an die aktuelle Wetterlage an: Er sei ein "Gegner der Glattheit" - das gelte auch fürs Schreiben. Dann lieferte er einen sommermunter strudelnden Vortrag ab (Titel: "Der Fluss des wilden Denkens"), eine Mischung aus biografischer Erzählung und persönlicher Poetik. Beides geprägt durch intensive Naturerfahrungen (und -lesungen, Stifter etwa) und eine so katholische wie unerhört strenge (Sprach-)Erziehung.

Zu dieser gehörten Ohrfeigen für jeden Fehler im Schönschreibheft - da raunte es im Publikum -, gehörte aber auch das Auswendiglernen. Der 1960 geborene Fritsch zitierte immer wieder furios und beklagte, dass heute in der Schule keine "Magnetfelder der Mnemotechnik" mehr angelegt würden. Wo, fragte er, ist der Musiker, der nicht wenigstens ein paar Stücke auswendig spielen kann? Und nutzte die Gelegenheit, sich anknüpfend als Rocker zu outen, einst mit blutenden Gitarrenfingern und Refrains wie: "My true love is black earth".

Da war sie wieder, die Erdverbundenheit des auf einem Einödhof aufgewachsenen Schriftstellers. Dass er die Wortkaskaden ebenso liebt wie das Stiftland (so heißt, um so passender, des Stifter-Fans Oberpfälzer Heimat), das machte er in dieser ersten von fünf Vorlesungen mehr als deutlich. Lange, von Naturbildern inspirierte Sätze stürzten einem ins Ohr. Vom Vergehen der Zeit und einem Marc-Aurel-Zitat hechtete Fritsch mitten auf eine schattige Wiese an und dann in den Wasserlauch der Wondreb (der Fluss seiner Kindheit), vom Mäandern kam er auf Gedankenkurven, auf die Notwendigkeit, sich "jenseits der Autobahnen der Ästhetik" zu halten, von dort wiederum auf die Händler im Tempel und die jambischen und daktylischen Verse des Rosenkranzes. Den trug er selbstverständlich vor, den Takt dazu schlagend wie ein Dirigent.

In zwei Schubladen steckte der Prosa-, Theater-, Hörspiel-, Drehbuchautor sein eigenes Schreiben: Die "Actionprosa", das möglichst schnelle Formulieren, und die strenge, langsame Produktion. Von der ihre Zeit brauchende "Sprachkläranlage" fand er zum Umgraben, Wachsenlassen, Jäten, Gießen, zu "schwarzkrumigen Zeilen". Er würdigte den von Kinderlähmung gezeichneten Knecht Wenzel, der ihm das Erzählen beigebracht habe. Und fasste sich zusammen: "Stark und heilig wollte ich werden, schwach und lebendig bin ich." Das kann man, jeweils dienstags um 18 Uhr c.t., noch bis zum 10. Februar in Hörsaal VI. nachprüfen.

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