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Die Öffentlichkeit nimmt es achselzuckend zur Kenntnis: Feuerwehrübung auf dem Gelände des weiterhin unfertigen Großflughafens BER, hier im April 2016 (!).

"Lettre International"

Wer kontrolliert die Controller?

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Die Zeitschrift "Lettre International" ist dreißig Jahre alt geworden. Ein kleiner Hinweis auf fünf der einunddreißig Texte in der prächtigen Jubiläumsausgabe.

Am 26. Mai 1988 legte Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) in Bonn den Verfassungsschutzbericht vor. Eine wichtige Erkenntnis: Es gab im vergangenen Jahr einen erheblichen Mitgliederzuwachs bei rechtsextremen Organisationen.

Am gleichen Tag bekamen die Abonnenten der Berliner „Tageszeitung“ (taz), die neun Jahre zuvor gegründet worden war, ein dickes Geschenk. Die erste deutsche Ausgabe der vierteljährlich erscheinenden „Lettre International“ lag ihrer Tageszeitung kostenlos bei. Eine erhebliche logistische und finanzielle Anstrengung für die taz. Aber das Engagement lohnte sich. Die deutsche Ausgabe der internationalen Kulturzeitschrift „Lettre International“ feiert in diesem Jahr ihren dreißigsten Geburtstag. Das Jubiläumsheft liegt seit Donnerstag in den Kiosken. 

Antonín Liehm, geboren 1924 in Prag, machte mit ein paar Mitstreitern Anfang der 60er Jahre die Prager Literaturzeitschrift „Literární noviny“ zu einer Vorreiterin des Prager Frühlings und führte sie zu einer Auflage von 130.000 Exemplaren. Als die russischen Panzer den Versuch eines „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ im August 1968 niederwalzten, floh Liehm nach Paris. 1984 gründete er dort „Lettre International“ auf französisch. Noch im selben Jahr erschien auch eine italienische Ausgabe. „Lettre international“ gab es bald in mehr als einem halben Dutzend Sprachen. Bis heute überlebt haben – so steht es im Impressum – außer der deutschen eine italienische, eine rumänische und eine spanische Ausgabe.

Die Bilder stehen bei „Lettre“ für sich

Frank Berberich, geboren 1949 in Wiesbaden, leitet seit dreißig Jahren „Lettre International“, Berlin, und hat aus ihr die wohl erfolgreichste deutsche Kulturzeitschrift gemacht. Ganz ohne Verlag, ohne fettes Geld im Hintergrund. Zwanzig- bis dreißigtausend Auflage nur mit Texten, die ihre Intelligenz, ihr Wissen nicht verstecken. „Lettre“ geht davon aus, dass die Menge der Leser eher intelligenter als der einzelne Autor ist. Schon das macht die Zeitschrift zu etwas ganz Besonderem. Und natürlich die zweite Schiene: die Bilder. Sie illustrieren nicht die Texte. Sie stehen für sich. Jedes Heft hat einen Künstler, der entweder aus seinen Vorräten etwas ins Blatt tut oder auch neue Arbeiten macht, die sich mit den Themen des Heftes auseinandersetzen. Aber es geht nicht um das Zusammenspiel von Bild und Text, sondern um beider Autonomie. Es geht darum, zu begreifen, dass beide ihre eigenen Sprachen haben, eigene Wege der Wahrheitsfindung gehen.

Bei dieser Jubiläumsausgabe ist es anders. Wenn ich richtig gezählt habe, steuern diesmal 51 Künstler 51 Fotos, Zeichnungen, Gemälde bei. Das Papier ist teurer als sonst, auch die zartesten Blätter kommen auf ihm zur Wirkung – zum Beispiel das Gespinst einer abblätternden Fassade von „Cataract“ des chinesischen Künstlers Shang Yang. Er lebt in Berlin. 

Wie auch der berühmteste lebende chinesische Künstler Ai Weiwei und der große Lyriker Yang Lian. Letztere haben ein Gespräch geführt für „Lettre International“. Yang Lian sagt Ai Weiwei, sein Film über die Flüchtlinge „Human Flow“ sei kein düsterer Film, wie man das bei dem Thema erwarte. Ai Weiweis Antwort ist: „Weil ich eine anmutige Seele besitze. Das geziemt dem Nachfahren eines Dichters, eine anmutige Seele kann durch kein Leid ausgelöscht werden.“ 

Und schon erzählt Ai Weiwei von seinem Vater, der in Frankreich Kunst studiert und Gedichte geschrieben habe, dann aber, zurückgekehrt nach China, zum Rechtsabweichler erklärt worden sei und während der Kulturrevolution abkommandiert wurde, um die Aborte von 13 Bauernfamilien zu reinigen. Auch das habe er voller Anmut gemacht. Ich kann kein Chinesisch, aber ein wenig musste ich doch lachen, als ich las, wie weit Ai Weiwei die Idee einer „düsteren“ Kunst von sich wies. Yiang Lan ist einer der berühmtesten Vertreter jener in den späten 70er Jahren aufkommenden chinesischen Dichtung, die „obskure Lyrik“ genannt wurde. Ob die beiden sich da ein wenig gekabbelt haben? Keine Ahnung.

Warum verwendet er in seinem Film keinen Gedanken an die Ursachen von Flucht und Vertreibung, fragt Yiang Lian. Ai Weiweis Antwort ist: „Flüchtlinge sind ein ewiges Thema, auch wenn es historisch unterschiedliche Gründe für die Flucht gab: Krieg zwischen Völkern, religiöse Unterschiede, Bürgerkriege ... Sieh dir diesen Menschen an, was auch immer sein Hintergrund sein mag, wenn du ihm eine Sekunde lang zuschaust, merkst du: Ich kenne diesen Menschen. Er gleicht meinem Großvater oder jemandem aus meinem Dorf ...“ Ai Weiwei erinnert an den Begründer der chinesischen Dichtkunst, an Qu Yuan (340-278 v. u. Z.). Wikipedia schreibt über ihn: „Aufgrund seiner politischen Meinung soll er seines Amtes enthoben worden sein und soll sich nach jahrelangem Umherirren im Exil im Fluss Miluo ertränkt haben“. Das Gedicht „Lisao“ („Trauer nach der Trennung“) ist die Elegie eines Exilanten. Sie steht am Anfang der chinesischen Literatur. Yang Lian und Ai Weiwei sehen sich in einer großen Tradition. 

Im Heft sind noch Interviews mit dem französischen Soziologen und Philosophen Edgar Morin und mit Karl Heinz Bohrer, dem langjährigen Herausgeber der im Verlag Klett-Cotta erscheinenden monatlichen Kulturzeitschrift „Merkur“. „Lettre International“ entsteht nicht im und sie predigt auch nicht den Elfenbeinturm. „Lettre“ liebt auch Zahlen und Statistik. Stephen Eric Bronner ist Director of Global Relations am Center for the Study of Genocide, Conflict Resolution and Human Rights an der Rutgers Universität in New Jersey. Er hat einen kleinen Artikel über „Gangsterpolitik“ beigesteuert, in dem er schreibt: „Rund 83 Prozent der Gewinne aus der Steuerreform 2017 fließen in die Portfolios des oberen ein Prozent, und der Steuersatz für Unternehmen sinkt von 35 auf 21 Prozent .... Trumps Familie wird durch dessen Steuergesetzgebung ‚zig Millionen Dollar‘ aufwärts verdienen.“ Nun, sagen sie, „zig Millionen“ sei doch etwas vage. Das stimmt. Aber es erinnert daran, worum es Trump geht.

Pankaj Mishra über die „Schwanzprahlerei“

Der indische Autor Pankaj Mishra, dessen neuestes Buch „Das Zeitalter des Zorns“ vergangenes Jahr beim S. Fischer Verlag erschien, wirft einen Blick auf die wieder in Mode gekommene „Schwanzprahlerei“, mit der Politiker in den USA, in Indien, Russland und anderswo klarmachen wollen, dass sie richtige Kerle sind und sich von den Frauen nicht fertigmachen lassen werden. „Es geht um die zum Scheitern verurteilte Suche nach einer stabilen und geordneten Welt, eine Suche, die den Krieg gegen die unabdingbare Pluralität menschlicher Existenz voraussetzt... Vielleicht lässt das Gefühl, dass man zu kurz kommt, dass einem etwas vorenthalten wird, das Ressentiment, das entsteht, wenn der gewohnte Anspruch auf Macht und Privilegien sich nicht mehr einlösen lässt, nach wie vor viele Männer auf solche billigen Trödler der Pseudomännlichkeit wie Trump oder Modi hereinfallen.“

Und noch zwei Artikel, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen darf: Falk Jaegers „Großprojekte in Deutschland“ und Marco d’Eramos „Journalismus – Aufstieg und Niedergang einer Profession“. Der Architekturkritiker Falk Jaeger fasst in einem Artikel, der etwa den vierfachen Umfang dieses Beitrags hat, zusammen, warum aus dem neuen Flughafen Schönefeld bisher nichts wurde. Und warum uns das inzwischen nicht mehr verblüfft: „Beim BER ist ein ähnlicher Effekt zu beobachten wie bei Präsident Trump. Die Öffentlichkeit hat sich an groteske Ungeheuerlichkeiten gewöhnt und nimmt sie achselzuckend zur Kenntnis. Eine Reihe aufeinanderfolgender Ungeheuerlichkeiten, von denen früher einmal jede einzelne gereicht hätte, den Protagonisten aus dem Amt zu fegen.“

Solange wir nicht begreifen, dass Bauprojekte durchgeführt werden müssen wie sie geplant wurden, werden wir weiter scheitern. Wer versucht, sie nachträglich billiger zu machen, macht sie teurer. Alle Einzelabschnitte basieren aufeinander. Man kann nur mit größtem Aufwand Planänderungen mit allen Konsequenzen neu durchchecken. Jaeger schreibt: „Das einzige, was beim Flughafen BER fliegt, sind Manager. Vorstandsvorsitzende, Vorstände, Technikchefs und Projektsteuerung wurden ausgewechselt, planende Architekten in die Wüste geschickt. Nur das von Anbeginn für die Misere verantwortliche Controllingunternehmen darf nach wie vor weiterwursteln. Wie erklärt sich das?“ Die Frage der Fragen an das Projekt Aufklärung war: Wer erzieht die Erzieher. Heute müsste es heißen: Wer kontrolliert die Controller?

Marco d’Eramos neues Buch „Die Welt im Selfir – Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters“ ist gerade im Suhrkamp-Verlag erschienen. Er malt ein düsteres Bild, was die Zukunft der Information angeht. Die Zeitungen werden sterben. Weiter sterben – muss man sagen. 2016 erreichten Tageszeitungen in den USA weniger als ein Drittel der Leser, die sie noch 1950 hatten.

Hinzu kommt: Noch im Jahr 2006 nahmen US-amerikanische Tageszeitungen 60 Milliarden Dollar ein. Vier Fünftel davon kamen aus der Werbung. 2016 waren die Einnahmen insgesamt auf weniger als die Hälfte geschrumpft. Die Werbeeinnahmen betrugen noch 18 Milliarden Dollar, rund ein Drittel weniger als zehn Jahre zuvor. D’Eramo sieht, wenn man weiter kein neues Geschäftsmodell für Tageszeitungen findet, eine Situation auf uns zukommen, in der vernünftige, überprüfbare Informationen teurer sein werden als jemals seit der Erfindung der Druckerpresse. Sie werden wieder Sache einer zahlungsfähigen Elite sein. In einer solchen Zukunft gäbe es dann keinen Platz für Demokratie. Die winzige Hoffnung ist, dass so etwas in einer Zeitschrift steht, die gedruckt und gekauft wird: 186 Seiten für 17 Euro.

Aber muss es nicht heute auch wieder heißen: Es gab im vergangenen Jahr einen erheblichen Mitgliederzuwachs bei rechtsextremen Organisationen?

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