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Die konstruierte Wirklichkeit

Der französische Wissenschaftler Alain Desrosières über Bevölkerung, Demographie - und die moderne Statistik

Von MARTIN HARTMANN

Wir kennen die Daten: Im Jahr 2050 wird die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland älter als 48 Jahre und ein Drittel der Bevölkerung wird sogar 60 oder drüber sein. Und wir kennen die Drohkulissen, die unter Bezug auf diese Daten aufgebaut werden. Von einer "demographischen Katastrophe" ist die Rede, von der "Überalterung der Gesellschaft". Schließlich ist uns auch bewusst, welche Aufforderungen damit verbunden sind: "Wir brauchen wieder mehr Kinder", rufen die einen, während die anderen die Überalterung der Gesellschaft für unausweichlich halten und eher einer Entstigmatisierung des Alters das Wort reden.

Die Dringlichkeit solcher Forderungen und die sie stützenden düsteren Zukunftsszenarien lassen schnell vergessen, was im Hintergrund all dieses öffentlich vernehmbaren Lärms steht: Statistik. Es sind die vermeintlich objektiven Daten der Statistik, die überhaupt erst die Bezugspunkte zur Verfügung stellen, die dann zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen führen. Angesichts dieser zentralen Funktion der Statistik kann es nur erfreuen, dass der Springer-Verlag nun ein Buch publiziert, das erstmals 1993 auf französisch erschienen ist: Alain Desrosières Die Politik der großen Zahlen. Eine Geschichte der statistischen Denkweise.

Desrosières ist Forscher am Institut National de la Statistique et des Études Économiques in Paris, ein Institut, das nicht nur Aufgaben erfüllt, die denen des hiesigen Statistischen Bundesamtes ähnlich sind, sondern auch über Forschungseinrichtungen verfügt, die die statistische Praxis wissenschaftshistorisch und -soziologisch reflektieren. Die Fragen, die Die Politik der großen Zahlen prägen, lauten: Wie ist die moderne Statistik entstanden? Welche kognitiven und welche institutionellen Aspekte haben ihr Entstehen gefördert? Was sind statistische Daten oder, philosophisch gewendet, welchen ontologischen Status haben sie?

Die soziale Welt in Zahlen

Am Anfang der Überlegungen steht dabei zunächst die Beschreibung zweier "Autoritätsformen". Gemeint ist einerseits die administrativ-politische Autoritätsform, sprich: der moderne zentralisierte Staat, in dessen Rahmen seit dem 18. Jahrhundert Statistiken erstellt werden, um verschiedene Aspekte der sozialen Welt zu erfassen, etwa Sterblichkeits- und Geburtenraten. Andererseits gibt es die wissenschaftliche oder kognitive Autoritätsform, die zunächst in Auseinandersetzung mit wahrscheinlichkeitstheoretischen Ideen mathematische Werkzeuge erarbeitet, mit deren Hilfe sich "eine für unbeherrschbar gehaltene Diversität" zusammenfassen lässt.

Im Anschluss an die Trennung dieser zwei Autoritätsformen finden sich in Die Politik der großen Zahlen Kapitel, in denen die institutionelle Entwicklung statistischer Ämter in Frankreich, den USA, Großbritannien und Deutschland rekonstruiert wird; andere - ungleich mühseliger zu lesende - Kapitel beschäftigen sich dagegen eher mit den wissenschaftsinternen Etappen, die die Entwicklung einer mathematischen Statistik möglichen gemacht haben. Obgleich Desrosières behauptet, diese beiden Autoritätsformen seien erst Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem "robusten Konstrukt" geworden, sollte man nicht übersehen, dass sein eigentliches Interesse dem Zusammenhang von Politik und Wissenschaft gilt, der von Anfang an für die Statistik kennzeichnend ist. Dafür finden sich zahlreiche Beispiele in seinem Buch. Mitte des 19. Jahrhunderts etwa mussten sich Nord- und Südstaaten in den USA darauf einigen, wie viele Anteile eines freien Mannes ein Sklave haben sollte. Die Lösung war die "Drei-Fünftel-Regel", nach der ein Sklave 60 Prozent eines freien Mannes zählte.

Im nachrevolutionären Frankreich kann die Zusammensetzung der sozialen Gruppen nicht mehr am Schema der Ständegesellschaft entlang geführt werden; die Präfekten der einzelnen Departements werden nun aufgefordert, das Eigentum und die Einkommensquellen zu den maßgeblichen Kriterien zu machen. Die Bevölkerung wird also nicht mehr in Adel, Klerus und dritten Stand unterteilt, sondern in Grundstückseigentümer, staatlich angestellte Personen, Personen, die von gewerblicher Arbeit leben, ungelernte Arbeiter, Bettler etc.

Hilfe für staatliche Entscheidungen

Deutlich wird damit, wie sehr statistische Kategorien bei allem Objektivitätsanspruch "konstruierte" Kategorien sind; auch der von Desrosières immer wieder hervorgehobene Zusammenhang zwischen "es gibt" und "wir müssen", zwischen Beschreiben und Entscheiden muss mit Blick auf die politisch-administrative Nutzung der Statistik gesehen werden. Trotzdem: Handlungsanleitend kann Statistik erst in dem Augenblick werden, in dem es ihr gelingt, "dauerhafte Objekte" und "konsistente" Zusammenhänge zu schaffen, auf die sich dann staatliche Entscheidungsträger stützen können.

Diese Objekte und diese Konsistenzen sind nicht, daran lässt Desrosières keinen Zweifel, "im Voraus gegeben", sie werden vielmehr durch Statistik geschaffen. Sind sie aber erst einmal geschaffen, dann geht von ihnen eine ungeheure Wirkung aus. Statistik beschreibt in diesem Sinne die Welt und konstruiert sie, genauer: sie beschreibt eine Welt, die sie selbst konstruiert, und verändert damit die Welt, die wir kennen.

Was das heißt, kann man sich leicht am Diskurs über die "Überalterung" der Gesellschaft veranschaulichen. Was immer dieser Diskurs sonst ist, er ist immer auch ein Diskurs, den die Statistik möglich macht. Nicht zuletzt deshalb ist die Überalterung, die die Statistik doch erst ankündigt, für uns schon ein Ding, das existiert.

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