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Überfall auf die Sowjetunion: Feindbilder gehörten 1941 „zum geistigen Marschgepäck der Wehrmacht“.

Wolfgang Benz über Vorurteil & Gewalt

Konstruierte Fremdheit

  • vonMatthias Arning
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Der Historiker Wolfgang Benz über Vorurteile und Ressentiments als Wurzeln von Gewalt.

Hanau und Halle: Terrorattacken gegen Muslime und Juden, Gewalttaten, die später als Werk sogenannter Einzeltäter bezeichnet werden. Angehörige der Opfer verzweifeln, die Mehrheit aber spricht schon bald kein Wort mehr darüber, was in Hanau und auch in Halle passiert ist. Wolfgang Benz will das nicht hinnehmen. Er legt die Wurzeln der Gewalt frei und weist ideologische Stimmungsmacher aus: „Unerlässlich als Handlungsantrieb sind Überzeugungen, die sich aus Ressentiments speisen, die stimuliert sind durch den Hass und die Hetze von Vordenkern.“ Damit sei „der Weg vom Vorurteil zur Gewalt beschritten“, ein Weg, den der Historiker in seinem neuen Buch nachzeichnet.

Benz geht darin der Frage nach, wie Vorurteile genutzt werden, „um unsere Abneigung gegen Fremdes“ zu begründen. Vorurteile gehören zu den Triebkräften jeder Gesellschaft, erklärt Benz. Ressentiments gebe es in allen Kulturen. Stets seien sie „der Kitt nationalen, religiösen und zivilisatorischen Selbstbewusstseins“.

Eindringliche Belege für den Übergang vom Vorurteil zur Gewalt finden sich in der deutschen Geschichte. Benz hebt „die paradigmatische Funktion des Holocaust für die Erklärung des mörderischen Zusammenhangs von Vorurteilen mit Ideologie und Gewalt“ hervor. Schließlich habe der Mord an den europäischen Juden „ein singuläres Ausmaß“ gehabt. An diesem Beispiel versteht man nachdrücklich, warum Vorurteile und Ressentiments zu Hass und schließlich Gewalt führen können. Erst über die Auseinandersetzung mit Vorurteilen lässt sich begreifen, warum es Gewalt gibt.

Mit diesem Zusammenhang hat sich der Historiker Benz jahrzehntelang beschäftigt. Jetzt bündelt er diese Forschungen in dem neuen Buch „Vom Vorurteil zur Gewalt“. Das große Thema, das ihn in seinem Forscherleben bis heute begleitet, ist der Antisemitismus. Benz leitete bis 2011 über zwei Jahrzehnte hinweg das in Berlin ansässige Zentrum für Antisemitismusforschung. In dieser Zeit schaltete er sich immer wieder in öffentliche, vor allem geschichtspolitische Debatten ein. Er wirkt bis heute als engagierter Historiker wie als öffentlicher Aufklärer. Die eine Rolle ist für ihn von der anderen nicht zu trennen: Benz meldet sich immer wieder öffentlich zu Wort, wenn er die demokratischen Ressourcen der Republik in Gefahr sieht. Etwa, wenn Parteigänger der rechtspopulistischen AfD den Anschlag auf die Synagoge in Halle schlicht als „Sachbeschädigung“ abtun.

Das Buch:

Wolfgang Benz: Vom Vorurteil zur Gewalt. Politische und soziale Feindbilder in Geschichte und Gegenwart. Herder 2020. 479 S., 26 Euro.

Wolfgang Benz arbeitet hartnäckig daran, Facetten von Ausgrenzung zu erschließen. Gewalt beginnt nicht erst beim Pogrom. Sie setzt dann ein, wenn sich das Ressentiment zum Feindbild steigert, um eigenes Selbstbewusstsein zu stärken. Damit delegiert die Mehrheit, das ist Benz’ These, „das Böse“ an eine vermeintlich feindliche Minderheit.

Die zwölf Kapitel des neuen Buches werden zusammengehalten über „die Konstruktion der Fremdheit“, also das Schaffen „des Eigenen“ wie „des Anderen“. Damit nimmt Benz akribisch unter die Lupe, wie sich das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit sozial, anthropologisch und psychologisch gestaltet.

Vorurteile gehören zum Alltag, privat wie öffentlich. Dann übernehmen sie „die Rolle von Katalysatoren“ von Ängsten und Aggressionen. Oft genug bemüht, werden sie zu Feindbildern, die sich Ideologen für ihre Ziele und Zwecke zunutze machen. Als Zeithistoriker wählt Benz das Beispiel vom Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs: 1941 gehörten die Feindbilder „zum geistigen Marschgepäck der Wehrmacht“. Gemeint sind Feindbilder von „Untermenschen“, denen deutsche Soldaten mit brutaler Gewalt in der Sowjetunion begegnen sollten. Ein Krieg, der sich auch gegen die Zivilbevölkerung richtete: Die jüdische Bevölkerung sollte ermordet, die nichtjüdische durch Hunger und Zwangsarbeit allmählich dezimiert werden. Es dauerte bis zum 50. Jahrestag des Kriegsendes, bis die Debatte über Verbrechen der Wehrmacht während ihrer Feldzüge einen Platz in der öffentlichen Debatte fand.

Erst spät erfährt die bundesrepublikanische Öffentlichkeit auch, was „NSU“ bedeutet, was der „nationalsozialistische Untergrund“ an Verbrechen begangen hat, und „dass so eine kleine Mörderbande Gehilfen, Unterstützer, Sympathisanten und hämisch grinsende Mitwisser“ hatte. Auf eine Spurensuche im rechtsextremen Milieu hatten staatliche Stellen Ende der 90er Jahren „keine Energie“ verwendet, kritisiert Benz. Die Täter hatten sich in ihrem Hass gegen Muslime vielmehr „im Einklang mit einem Teil der Gesellschaft“ gesehen. So sei der rechtsextreme Terror von „mangelnder Sensibilität gegenüber den Opfern“ begleitet worden.

Für „mangelnde Sensibilität“ steht an anderer Stelle „verbreiteter Alltagsrassismus“. Aber lässt sich zwischen den Verbrechen der NSU, den fremdenfeindlichen Aktionen in Hoyerswerda Anfang der 90er Jahre und dem Pogrom gegen Juden im November 1938, dem Beginn der gewalttätigen Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten, eine klare Parallele ziehen, lassen sich Gemeinsamkeiten herausstellen? Benz weist ausdrücklich auf „die Unterschiede zwischen der staatlich angeordneten und inszenierten öffentlichen Demütigung der Juden und den NSU-Morden aus dem Hinterhalt“ hin. Im November 1938 habe es „das Treiben vieler zum Pöbel mutierter Bürger“ gegeben. Sie ließen sich von Hass zu Gewalt leiten, „die auf Vorurteilen basiert und sich gegen Minderheiten richtet“.

So gesehen wirbt Benz in seiner lesenswerten Bilanz dafür, sich in der Gegenwart die Motive für Ausgrenzung und Gewalttaten genau anzusehen. Der Mörder von Halle sei zweifellos Antisemit gewesen, gleichzeitig allerdings auch „ein Feind des Islam“. Insofern darf man mit Benz darauf gespannt sein, was der Bundesinnenminister in einem Bericht zur „Bedrohungslage durch Rechtsextremisten“ über „Schnittmengen mit antisemitischen Haltungen“ zutage fördern wird.

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