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Die Konsensmaschine

Mehr Information, mehr Beteiligung: Noam Chomskys medienpolitische Vision

Von Gottfried Oy

Wenn man ihm glaubt, wird alles immer schlimmer: Konzentration der Medien, Niedergang sozialer Bewegungen, Aushöhlung der Demokratie. Und dieser Verfall nahm sogar schon vor gut hundert Jahren seinen Lauf: Lenins Avantgardekonzept verkaufte die Massen mit "Agitprop" für dumm, US-Präsident Wodrow Wilson erfand Propaganda als Öffentlichkeitsarbeit neu, die PR-Industrie begann ihren Höhenflug. Die Bevölkerungen sollen bis heute unmündig gehalten werden, damit die Herrschenden ungestört ihren Regierungsgeschäften nachgehen können.

Noam Chomskys teleologisch anmutende Zeitdiagnostik mag holzschnittartig klingen; und doch ist ihre Evidenz oft nicht von der Hand zu weisen. Auch in seinem neuen Buch Media Control geht es um das immer wiederkehrende Thema der Propaganda im Zeitalter der Mediendemokratie. Seit den 1960er Jahren entwickelt Chomsky, Linguist am Massachusetts Institute of Technology, eine Medienkritik, die sich sowohl auf einen Begriff von Propaganda als auch auf eine Vorstellung von Konsens stützt. Chomsky profilierte sich als radikaler Gesellschaftskritiker während des Vietnamkrieges, seine Medienanalysen werden seitdem breit rezipiert. Bis heute sind seine medienanalytischen und -pädagogischen Konzepte für viele linksalternative Medienprojekte handlungsanleitend.

Der Kern dieser Medientheorie ist schnell zusammengefasst: Im so genannten Propagandamodell werden die Massenmedien als System der Übermittlung von Werten, Glaubenssätzen und Verhaltensregeln, die zum gesellschaftlichen Zusammenhalt notwendig seien, definiert. Im Gegensatz zur Propaganda in totalitären Staaten habe sich innerhalb der bürgerlich-demokratischen Medienlandschaft eine ganze Palette von Machtmitteln entwickelt, die letztlich dafür sorgt, dass aus der Fülle von Geschehnissen auf der Welt nur die herausgegriffen werden, die in die eigene Wirklichkeitskonstruktion hinein passen.

Zudem seien die Analysen, Reportagen und Kommentare der TV-Anstalten, Zeitschriften und Magazine so verfasst, dass sie bestehende Herrschaftsstrukturen nicht substanziell angreifen. Dreh- und Angelpunkt eines sich kritisch verstehenden Journalismus bleibe die Aufdeckung von Skandalen, selten allerdings werde die Normalität selbst zum Skandal erklärt. Ökonomische Abhängigkeiten der Medien ließen zudem jeden Unabhängigkeitsanspruch zur Farce werden.

Die Medien sind für Chomsky ein Ort der "Fabrikation von Konsens": Rezipienten bekommen das vorgesetzt, was sie angeblich hören wollen, und Medienmacher gefallen sich darin, Nachrichten zielgruppengerecht zu produzieren. Chomskys Medienpädagogik soll allerdings das Blatt wenden: Das Propagandamodell sei keineswegs so lückenlos, wie es vorgibt zu sein, und die Einseitigkeit der Medien sei längst noch nicht so weit fortgeschritten, dass es keine kritischen Stimmen mehr gebe. In einer Art intellektueller Selbstverteidigung müsse jeder einzelne einen kritischen Umgang mit den Medien entwickeln. Allerdings sei dies nicht allein auf dem heimischen Sofa, sondern nur in einem kollektiven Aufklärungsprozess zu erreichen.

Zugegeben, Chomskys Theoriegerüst lässt viele Fragen offen. Es gibt weiter entwickelte Medientheorien, die sich mit der Frage beschäftigen, wie gesellschaftlicher Konsens entsteht, welche Rolle die Medien dabei spielen und welcher Platz den Rezipienten zugewiesen wird - als Stichworte mögen hier Cultural Studies oder Diskursanalyse genügen. Doch eine solche Kritik allein wird Chomsky nicht gerecht, denn in erster Linie ist er Medienpraktiker, der mehr Inhalts- denn Strukturanalyse betreibt. Fern von jeder abgehobenen Medienphilosophie begibt er sich auch in die Untiefen der Auseinandersetzung mit den konkreten Inhalten von politischem Journalismus.

So geht es in Media Control unter anderem um die Berichterstattung US-amerikanischer Medien über die Mittelamerika- und Nahostpolitik der Regierungen Carter, Reagan und Bush senior. Hier verlässt Chomsky die rein wissenschaftliche Ebene und wird selbst zum Verkünder "unterbliebener Nachrichten". Hunderte analysierte Zeitungsartikel und Fernsehsendungen verdeutlichen, wie unkritisch die Medien in den USA staatliche Politik nachbeten und wie wenig sie sich tatsächlich für die Situation in anderen Ländern interessieren. Analysen bundesdeutscher Medien würden sicherlich ähnliche Ergebnisse zeitigen.

Fraglich bleibt allerdings, was Chomsky von der Verbreitung unterdrückter Nachrichten erwartet: eine Art gesellschaftsverändernde Kettenreaktion? Der Konsum von Informationen an sich bleibt folgenlos, lautet eine der zentralen Erkenntnisse der Medientheorie, besteht nicht darüber hinaus die Möglichkeit gesellschaftsverändernden Handelns. Chomsky Ausführungen deshalb als bloße Enthüllungsgeschichten über Exzesse staatlicher Politik zu lesen führt ins Leere, seine Analysen indes als Plädoyer für einen Wandel von der Zuschauer- zur Beteiligungsdemokratie zu verstehen, ist weit mehr in seinem Sinn.

Man sieht, dass Chomskys Art der Kritik der Demokratie US-amerikanischer Prägung nicht das Geringste mit der wohlfeilen europäischen, kulturpessimistischen USA-Kritik zu tun hat, die derzeit wieder en vogue zu sein scheint. Das, wofür Chomsky letztendlich eintritt, die Selbstorganisation der Individuen, ist auch im "alten Europa" alles andere als gut angesehen.

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