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Der Held in Ingo Schulzes Schelmenroman ist in der Nachwendezeit ein Stehaufmännchen, das schon mal in Holz macht.

"Peter Holtz"

Der kommunistische Kapitalist

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Ingo Schulze begibt sich mit seinem furiosen Schelmenroman "Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" in die deutsche Geschichte der Jahre 1974 bis 1998 .

Peter Holtz ist eine Nervensäge und zugleich ein liebenswerter Kerl. Der aus dem Kinderheim „Käthe Kollwitz“ ausgebüxte Junge will seine persönlichen Belange unter die der Gesellschaft stellen. Wirklich für sich allein möchte er nur einen Föhn. Ein Föhn! Geld findet er nicht wichtig, im Kommunismus gibt es das eh nicht mehr. „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ kommt wie Grimmelshausens „Simplicissimus“ daher oder wie ein lehrreicher Roman von Erich Kästner: Jedes Kapitel beginnt mit zwei, drei Sätzen, die eine Einordnung der folgenden Handlung geben. 

Der zwölfjährige Ich-Erzähler ist zunächst auf der Suche nach dem verschwundenen Leiter seines Kinderheims, einem Antifaschisten, er erzählt von dessen Heldentaten. Da wirkt Peter noch wie ein Gefäß, vollgestopft mit allem, was man ihm eingetrichtert hat. Hebt man den Deckel, kommt es unverdaut heraus. Diese Karikatur einer sozialistischen Persönlichkeit zeigt komisch bis zur Schmerzgrenze, wie die Erziehung im vormundschaftlichen Staat im Ideal funktioniert hätte. 

Mit diesem neuen Roman, seinem ersten nach neun Jahren, begibt sich Ingo Schulze in die deutsche Geschichte der Jahre 1974 bis 1998. Sein Erzähler ist 1962 geboren wie er. Auch an Worten wie „Campingbeutel“, Verweisen wie auf das tausendfach reproduzierte Bild „Peter im Tierpark“, zeigt sich die Zeitzeugenschaft des Autors. Doch Schulze ist nicht Holtz. Der Autor nimmt mit dieser Figur eine Außenperspektive ein. 

Gesprächspassagen mit der Qualität von Minidramen

Holtz erzählt im Präsens, begegnet jeder neuen Situation offen und staunend, als käme er nicht aus dem Heim, sondern von einem anderen Stern. Und Schulze, der Autor von „33 Augenblicke des Glücks“, „Simple Storys“ und „Neue Leben“, beweist mit diesem Buch wieder, dass er ein kunstvoller, gewitzter Erzähler ist.

Der Roman behält im Verlauf zwar die brave Kapiteleinteilung, gestattet sich aber große Zeitsprünge nach vorn. Schulze reichert den naiven Ton des Anfangs immer weiter an. Ein Ehepaar adoptiert Peter, begegnet seinem Eifer mit fürsorglicher Gelassenheit. Peter wird älter und klüger, aber nie berechnend. Die Gesprächspassagen haben in manchen Kapiteln die Qualität von Minidramen: temporeich, konfrontativ, überraschend. 

Ingo Schulze bedient sich also der Mittel des Schelmenromans, wenn er Peter Holtz unbedarft in kirchliche und Oppositionskreise schickt und mit der Staatssicherheit in Kontakt bringt. Peter Holtz zieht große Ereignisse und wichtige Personen an, so wie sich im Märchen alle um die Goldene Gans des Dummlings scharen. Ein Dr. Gregor erinnert an Gregor Gysi, der CDU-Mann Joachim Lefèvre wirkt nach Lothar de Maizière erfunden, Manfred Stolpe taucht mit Klarnamen auf, wie „der BRD-Kanzler“ und der CDU-Generalsekretär Volker Rühe. 

Ingo Schulze weiß, dass im kollektiven Gedächtnis der Leser nicht nur die tatsächlichen Ereignisse liegen, sondern auch die Erzählungen darüber. Also schlittert sein Peter Holtz – anders als Thomas Brussigs Ich-Erzähler in „Helden wie wir“ – an einer tragenden Rolle beim Mauerfall vorbei. Er schreibt Leserbriefe „für unser Land“ und bekommt Unmengen von Reaktionen darauf. Am 9. November fürchtet er nur, die DDR könnte vom Westen überrannt werden. „Wir müssen Maßnahmen ergreifen“, flüstert er seinem Freund Lefèvre während einer Versammlung zu, „falls Verfolgte, Arme und Obdachlose zu uns kommen wollen!“ Als er gerade „die Revolution auf einem guten Weg sieht“, fällt er nach einem Unfall ins Koma, aber anders als die weibliche Hauptfigur im Film „Good Bye, Lenin!“ nur kurz. 

Ein Stehaufmännchen der neuen Gesellschaft

Peter Holtz ist ein Stehaufmännchen und gehorcht den Regeln der neuen Gesellschaft genauso wie vorher denen der alten. Im Nachwende-Berlin wird er immer dicker und mit Immobilien wie nebenbei immer reicher. Er baut „Holtz City“ als blühende Landschaft in Berlin, auf dem Gelände der alten Glühlampenfabrik. Er entwickelt das Galerieviertel um die Auguststraße und begegnet dem Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder, dem Künstlerfreund. Als seine totgeglaubte Mutter auftaucht, kommt rückwirkend die hässliche Ausreisepolitik der DDR in den Roman: dass Eltern ihre Kinder zurücklassen mussten. 

Im Frühjahr 2012 hielt Ingo Schulze in Dresden eine Rede, die auch in einem schmalen Buch erschienen ist: „Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte“. Im Kern griff er eine Formulierung Angela Merkels auf, die ankündigte, die parlamentarische Mitbestimmung so gestalten zu wollen, „dass sie trotzdem auch marktkonform ist“. Über diese Verformung der Demokratie schob Ingo Schulze Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ und legte dar, wie leicht man sich mit einer Täuschung abfindet, wenn man mitten in ihr steckt. Und er fragte, warum im Umgang mit Geld bei Banken andere Gesetze gelten als beim einzelnen Bürger. 

Den Roman nun mit dieser so deutlichen Rede zu vergleichen, hieße, den poetischen Gehalt des Buches an die Fakten zu verraten. Bei „Peter Holtz“ handelt es sich weder um einen Thesenroman noch um eine Polemik, es ist ein furioses Schelmenstück für unsere Zeit. Doch zieht sich die Rolle des Geldes für den Einzelnen und die Macht des Geldes in der Gesellschaft durch das Buch. Es beginnt mit der warmen Mahlzeit für den kleinen Ausreißer, es wird gewaltig hin- und hergeschoben zur Währungsunion 1990, es dient zur Bezahlung von Prostituierten und wird lachhaft gering investiert, als ehemals volkseigene Betriebe verkauft werden. „Es ist noch kein besseres Mittel als Geld erfunden worden, um Gerechtigkeit herzustellen“, wird dem naiven Neureichen erklärt. Der Autor verulkt den Kapitalismus, indem er es seinem Helden fast unmöglich macht, sein Geld wieder loszuwerden. Doch der Handwerker, Hausbesitzer, Galerist und Performancekünstler Holtz hat eine Idee. 

Im Märchen ruft Hans im Glück, der alles verloren hat, am Ende aus: So glücklich wie er sei kein Mensch unter der Sonne. Und Peter Holtz hat seine Utopie verwirklicht.

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