Sowjetische und US-Soldaten 1946.
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Sowjetische und US-Soldaten 1946.

"Ikarien" von Uwe Timm

Wie Kommunisten die Rassentheorie entwickelten

  • Harald Jähner
    vonHarald Jähner
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Uwe Timms Roman "Ikarien" erzählt von der Geburt der sogenannten Rassenhygiene aus dem Kommunismus - und über das Menschliche nach dem Herrenmenschen-Mief der Nazis.

Bayern 1945. Lieutenant Michael Hansen schiebt eine ruhige Kugel. Er hat eine Villa am See beschlagnahmt und ein schönes kleines Motorboot dazu. Damit er gediegen umherfahren kann im besetzten Land, hat er einem Apotheker die schicke Limousine unterm Hintern wegrequiriert, einen Adler Trumpf.

Während andernorts in Deutschland noch gekämpft wird, ist Hansens Einheit schon dabei, die Nazi-Elite zu verhören. Und auch in diesem Rahmen hat es Hansen gut getroffen. Wo seine Kameraden „tief durch die braune Scheiße waten“, wie sie das nennen, und die widerwärtigen Verbrechen aufklären müssen, die im Namen der medizinischen Forschung in Konzentrationslagern verübt wurden, ist Michael Hansens Job vergleichsweise beschaulich: Er soll sich um einen Rassetheoretiker kümmern, der bereits 1940 verstorben ist, aber die theoretischen Grundlagen für das Morden legte.

Seine Dienststelle will wissen, was es mit diesem Alfred Ploetz auf sich hat, zumal er geheimbündlerische Verbindungen in die USA unterhalten haben soll.

Um mehr über Ploetz herauszubekommen, führt der amerikanische Lieutenant deutscher Herkunft eine Reihe von ausführlichen Gesprächen mit einem Weggefährten des Wissenschaftlers, einem gewissen Karl Wagner, einst Referent der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion und Redenschreiber August Bebels.

Beide, Wagner wie Ploetz, gehörten in ihrer Jugend zu einem Kreis schwärmerischer Kommunisten, die die Begeisterung für den utopischen Roman „Die Reise nach Ikarien“ von Etienne Cabet zusammengeführt hatte. Cabet hatte in den USA 1848 eine kommunistische Idealgemeinde gegründet: Ikarien.

Wagner erzählt, wie er und Ploetz vierzig Jahre später hoffnungsvoll dorthin aufbrechen. Was sie finden, ist ein Elendsnest. Ikarien ist zu einer spießigen, übellaunigen, dazu noch hässlichen Gemeinschaft geraten, was den schönheitsvernarrten Alfred Ploetz besonders enttäuscht. Ploetz kommt zu dem Schluss, dass es keine Gleichheit geben könne, solange die Natur die Menschen ungleich ausstatte. Die Grundlage sozialer Gleichheit müsse erst durch Züchtung vorbereitet werden: „Wo kein Gott ist, muss der Mensch eben seine Arbeit übernehmen.“ Die Arbeit am Herrenmenschen beginnt – vorerst mit Tierversuchen.

Diesen Ploetz hat es wirklich gegeben, er war der Großvater der Frau des Autors, eine Verwandtschaft, die schwer auf der Seele liegt. Jahrzehnte hat Uwe Timm nach einem Kniff gesucht, den Stoff darstellen zu können. Jetzt hat er ihn gefunden: In vierzehn Verhören, die eigentlich trauten Gesprächen ähneln, wiedergegeben als lange Monologe, erzählt Wagner dem US-Soldaten Hansen, wie aus der spätpubertären „Rasselbande des Größenwahns“ sich allmählich der „Rassenhygieniker“ Alfred Ploetz entwickelte, der mit unmenschlichen Methoden die Vervollkommnung des Menschen betreiben wollte.

Der alte Mann macht ein weites Panorama deutscher Weltverbesserungsgeschichte auf: Glühende Sozialisten, nordische Geheimbündler, sonderbare Inflationsheilige und Yetiverehrer scharen sich um Ploetz, der mit kuriosen Ideen nicht spart, zum Beispiel mit einem Pazifismus aus darwinistischen Gründen. Weil er die Tüchtigen und Tapferen ausmerze und die Schwachen und Feigen leben lasse, bewirke der Krieg eine Degenerierung des Menschen – für diese These hätte er 1936 beinahe den Friedensnobelpreis erhalten.

Die Versuche des braven alten Sozialdemokraten Wagner, dem staunenden Amerikaner die Geburt der Rassenhygiene aus dem Geist des Kommunismus so zu erläutern, dass dabei der Sozialismus nicht allzu viel Schaden nimmt, strapaziert die Geduld allerdings ziemlich. Sie lassen einen die gesamte deutsche Protestgeschichte von rechts bis links bald zum Teufel wünschen.

Der Clou: Die Bodenständigkeit des jungen Soldaten

Der Clou des Buches besteht in der gelassenen Bodenständigkeit des jungen US-Soldaten, der sich den aufgeblasenen Weltanschauungstinnef anhören muss. Michael Hansen hat zwar deutsche Wurzeln, ist aber als Musterexemplar eines entspannten Amerikaners in das Land seiner Herkunft zurückgekehrt. Er ist das Gegenteil eines hackenschlagenden, pflichtergebenen Kommisskopfs. Ein lässiger, nachdenklicher Mann, der das zerschossene Land des besiegten Gegners neugierig mustert, die schönen Frauen inbegriffen. Eine Art Mentalitätsantipode zu den Nazis, die vom Herrenmenschen träumten und aus Katzbucklern bestanden. Hansen dagegen ist das Ideal eines Zivilisten in Uniform. Er führt den Krieg als eine Art Acht-Stunden-Tag und das noch ziemlich nachlässig. Und in der Tat: Staunend sahen damals die Deutschen, wer sie da besiegt hatte: Die standen ja nicht mal auf, wenn ein Vorgesetzter hereinkam!

Die Hälfte des Buches gehört Hansen und seinen Begegnungen mit den Menschen im zertrümmerten Land. Ruinenexistenzen, die ihm immer noch seltsam arrogant erscheinen, die schroff die Schokolade- und Kaffeegaben von ihm einfordern, ihm Ritterkreuze als Souvenirs andrehen wollen und ihre zerschossenen Wohnungen adrett mit Blumensträußchen schmücken. Und überall knistert’s. Im Chaos der Nachkriegsmonate fällt der Sex leicht, weil niemand über den nächsten Moment hinausdenken mag und alle etwas Trost nötig haben.

Doch so würdevoll, wie die hübsche Deutsche Molly Stetten ihn ausnimmt, bleibt es für Hansens Gemüt nicht folgenlos. Er vernarrt sich in den illusionslosen Pragmatismus, mit dem sie sich hingibt und ihn schließlich gegen einen höher gestellten Colonel austauscht. Sie tut das mit aufrichtigem Bedauern, ja fast gegen einen jähen Liebesschmerz. Hier hat Fassbinders Maria Braun eine ebenbürtige Rivalin gefunden und das Buch ein bescheiden menschliches Maß, von dem aus das Herrenmenschentum als das erscheint, was es ist: ein einziger Mief.

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