Arbeiter-Darsteller auf einem Marsch zum 1. Mai.
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Arbeiter-Darsteller auf einem Marsch zum 1. Mai.

Andrej Platonow "Die Baugrube"

Kommunismus noir

  • vonKatharina Granzin
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Andrej Platonows verstörender, visionärer Roman „Die Baugrube“ über die Zeit des ersten Fünfjahresplans in der Sowjetunion.

Es ist, einerseits, kein Wunder, dass dieses Werk zu Sowjetzeiten nicht erscheinen konnte, und andererseits ein Wunder, dass einer sich damals so zu schreiben traute. „Die Baugrube“, Ende der 20er Jahre entstanden, ist mindestens ebenso düster-visionär wie Andrej Platonows Hauptwerk, der dystopische Roman „Tschewengur“. Allerdings ist „Die Baugrube“ keine Dystopie, sondern in der sowjetischen Gegenwart der späten zwanziger Jahre verankert. Das macht ihren dunkel-phantasmagorischen Charakter umso eindrucksvoller.

Platonow war eine Ausnahmeerscheinung unter den sowjetischen Schriftstellern seiner Generation – nicht zuletzt durch seine Herkunft. Andrej Platonowitsch Klimentow, wie er eigentlich hieß, entstammte im Gegensatz zur überwältigenden Mehrheit seiner Kolleginnen und Kollegen (und im Gegensatz zu wohl allen, die ein Werk von bleibendem Wert hervorbrachten) tatsächlich dem Proletariat. 1899 als Sohn eines Metallarbeiters geboren, besuchte er nur sieben Jahre lang die Schule, konnte nach der Revolution jedoch studieren und wurde Ingenieur. Das ist gerade für „Die Baugrube“ von Bedeutung: Ihr Autor kannte die Welt des revolutionär gestimmten Aufbaus aus direktem, eigenem Erleben.

1928 hatte Stalin den ersten Fünfjahresplan verkündet. Hysterische Bestarbeiter-Statistiken gingen damit einher, Agitation zur Übererfüllung von Produktionsplänen griff um sich. Gleichzeitig unternahm man energische Schritte in Richtung Kollektivierung der Landwirtschaft. Dem „Kulakentum“ wurde der Kampf angesagt, bäuerliches Eigentum unter Zwang verstaatlicht.

Von all dem handelt „Die Baugrube“. An zwei Schauplätzen und mit einer Handvoll Protagonisten entfaltet Platonow ein tiefschwarzes Anti-Drama des sozialistischen Aufbaus. Der Arbeiter Woschtschew, ein sowjetischer Jedermann, wird zu Beginn von seinem Arbeitsplatz in der Produktion „entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit“, wie Gabriele Leupold sorgsam aus dem Russischen übertragen hat (und dafür beim Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert ist). In einem kenntnisreichen Nachwort erläutert die Übersetzerin, wie die unhandlichen sowjetischen Worthülsen in Platonows Prosa poetisches Eigenleben entwickeln.

Woschtschew findet eine neue Arbeit beim Bau – beziehungsweise bei einem Trupp, der dabei ist, eine riesige Grube auszuheben; unklar bleibt, wofür. Es handelt sich um eine überaus metaphorische Grube, mit der sich sowohl Massengrab als auch Mutterschoß assoziieren lässt, und in der die hochfliegenden sozialistischen Aufbaupläne in ihr Gegenteil, sozusagen ihr räumliches Negativ, verkehrt werden.

Das Erzählpersonal ist kaum weniger stellvertreterhaft besetzt. Da gibt es den Arbeiter, der nicht denken, sondern nur handeln kann und darum immer gleich zuschlägt. Den klassenbedingt einsamen, selbstmordgefährdeten Ingenieur. Den beinlosen Bürgerkriegsinvaliden, der von der Sowjetmacht nicht versorgt wird und sich durchschmarotzt. Den schwächlichen Karrieristen. Den Funktionär, der nur vorbeischaut, um eine Steigerung der Produktivität anzumahnen. – Und dann findet der Arbeiter Tschiklin in einem Keller eine sterbende „Bürgerliche“, die ihn vielleicht früher einmal geküsst hat, und daneben ein kleines Mädchen, eine Nastja, die hinfort zur „Sowjetina“ der Baugrube wird: zu einer leibhaftigen, kindlichen Allegorie auf die junge, unreflektierte, aber lebenshungrige Sowjetunion.

Obgleich „Die Baugrube“ im Grunde getreulich die Zeichen der Zeit(geschichte) spiegelt, also dicht an der sowjetischen Wirklichkeit operiert, scheint das Geschehen dieser Wirklichkeit gleichzeitig entrückt. Sprachlich hoch stilisiert und poetisiert, nehmen die oft drastischen Bilder, die Platonow schafft, rätselhaften, zeichenhaften Charakter an.

Keine Erzählerstimme erleichtert jemals das Verständnis des Geschehens, es gibt keine ordnende Instanz in der oft schwer durchschaubaren Polyphonie der Figurenperspektiven. Mit den Mitteln der Lyrik schafft der Autor eine Prosa, die zwar äußerlich aus den Materialien gemacht ist, die das Sowjetleben bereitstellt, und die dennoch kaum von dieser Welt scheint. Genau dorthin zieht es auch die Platonowschen Antihelden des ersten Fünfjahresplans: Ihr Sehnen richtet sich, wenn schon der Himmel nicht erreichbar ist, so doch wenigstens auf einen Platz tief unter der Erde: damit „niemals der Lebenslärm von der Erdoberfläche stören würde“. Dieser ist nur ein finsteres, menschengemachtes Chaos. Kein Kommunismus, nirgends.

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