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Die in Bulgarien geborene Albena Dimitrova.

Albena Dimitrova „Wiedersehen in Paris“

Was den Kommunismus hätte retten können

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„Wiedersehen in Paris“: Der Titel mag lapidar klingen, aber die in Bulgarien geborene Schriftstellerin Albena Dimitrova hat einen elegischen, satirischen, politischen und höchst originellen Liebesroman geschrieben.

Als herumkröpelndes, aber einflussreiches Gespenst verschafft sich der real existierende Sozialismus osteuropäischer Lesart gegenwärtig wieder Auftritte in der Literatur. Albena Dimitrovas Roman „Wiedersehen in Paris“ passt dabei etwa zu Dana Grigorceas ?Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit? (2015) – die auf Französisch schreibende, 1969 in Bulgarien zur Welt gekommene Autorin zur auf Deutsch schreibenden, 1979 in Rumänien geborenen.

Beide erzählen von der teils stillen, gedeckelten, geheimen, teils tosenden Chaoterie des Übergangs, beide aus der Sicht sehr junger Menschen – jeweils in ihrem eigenen Alter von damals, Ende der achtziger Jahre –, beide mit einem scharfen satirischen Blick auf die Details.

Albena Dimitrovas „Wiedersehen in Paris“ ist zugleich ein origineller Liebesroman, selten kommen sich das Elegische und das Nüchterne, das Maßlose und das Niedrigtemperierte so nahe. Es entspricht der Erzählerin, einer eingangs sehr jungen Frau, die überhaupt nur mit dem Namen auftritt, die ihr Geliebter ihr gibt (dem Namen der Autorin nahe verwandt).

Sie, Alba, ist 17, weiß nicht genau, was sie mit ihrem Leben anfangen soll und bildet eine vermutlich psychosomatische temporäre Beinlähmung aus. Er, Guéo, ist mindestens 55, Politbüromitglied und von ganz unten kommender Musterkommunist. Sie geraten in eine Amour fou, die das Menschenübliche klar übersteigt.

In Albas Leben ist daraufhin praktisch für nichts anderes mehr Platz. Guéo wirkt, sagen wir mal: fokussiert, bleibt aber auch ein Buch mit sieben Siegeln. Ebenso die Einzelheiten seiner dramatischen Verwicklung in einen späten Versuch, den Kommunismus noch zu retten.

Ein lebendes Nikotin-Patch für Leonid Breschnew

Als elfjährigen Waisen hat man ihn einst von der Straße aufgelesen, er hat eine steile Karriere gemacht, nicht zuletzt als „lebendes Patch“ für den sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew, dem er Rauch ins Gesicht bläst, als dieser wegen eines Mundhöhlenkrebses das Rauchen aufgeben muss. Dies ist einer jener Momente, in denen man (mäßig erfolgreich) zu googlen beginnt – ebenso wie nach dem Satz „Das Wort ,Zukunft‘ gibt es auf Bulgarisch nicht“ oder nach dem Hinweis, dass es dem Land nicht an exotischen Früchten mangelt, während Fidel Castro in eine einheimische Sängerin verliebt ist.

Die Erzählerin erweist sich derweil als scharfsinnige Beobachterin von Vergangenheit und Gegenwart. Im Krankenhaus nämlich hat sie Guéo kennengelernt, sein Einfluss bringt sie problemlos in ein Elitesanatorium, wo sie gefährliche Bonzen trifft, denen verängstigtes Personal dennoch das Rauchen und Trinken verbieten muss, von oben längst als „Volksfeind“ deklariert, aber freilich allenthalben weiterbetrieben.

Eine eigenartige Situation, denn: „Die Patienten des Sanatoriums waren dieselben, die sowohl für Dinge als auch für Personen entschieden, ob ,dieses‘ oder ,jenes‘, oder ,der hier‘ oder ,die dort‘ als ,Volksfeind etikettiert werden sollte.“ So können die Angestellten den Patienten lediglich drohen: „Die einzige Bewegungsfreiheit unserer Ernährungsberaterinnen im Sanatorium war die Freiheit der Angst.“

Jahre nach der Wende, längst ist Alba nach Frankreich gezogen, gibt es Warnhinweise aus allen Zigarettenpackungen. „,Rauchen tötet.‘ Man sollte dazuschreiben: ,Leben auch‘, und zwar aus statistischer Sicht noch zwingender. Auf einem seltsamen Schachbrett aus Leben und Risiken internalisiert der Staat die Gefahren, die dem Einzelnen über den Kopf wachsen. Der Einzelne verfolgt den Staat auf dem Rechtsweg, wenn er uns nicht gut genug vor uns selbst schützt. Und der Handel läuft weiter, jetzt aber geläutert.“

Alba ist manchmal brillant. Blind geht sie nie durch die Welt, wir erleben sie ja auch beim Älterwerden, und sie selbst staunt bald darüber, wie wenig sie früher verstanden hat. Guéo schützt sie wie ein Kind, selbst sein Wahnsinnseinfall, sie zur Tarnung mit seinem Sohn zu verheiraten, fügt sich in die unbedingte Suche nach Lösungen, wie man einfach möglichst oft, immer zusammen sein kann. Eine echte Tristan-und-Isolde-Konstellation.

Albas Konzentration auf Guéo ist absolut. Als die dramatische Trennung nicht mehr zu verhindern ist und das von langer Hand geplante „Wiedersehen in Paris“ nicht mehr möglich, zeichnet Dimitrova mit präzisem Strich das Bild einer abgründig Trauernden.

Gleichwohl entgeht Alba nicht das keckernde Einverständnis der auch im Kapitalismus bald wieder gut etablierten überlebenden Altvorderen. Wie sich überhaupt die Systeme gleichen, wenn es etwa darum geht, Mehrheiten zu beschaffen. „Am Ende fragt niemand mehr nach den ,Warum‘, das Einzige, was sie wissen wollen, ist: ,Sind wir dabei oder nicht.‘“

Dimitrova lässt Alba sprunghaft erzählen, Rück- und Vorblenden erwarten Aufmerksamkeit beim Lesen, die einzelnen Szenen sind intensiv und von hohem Reflexionsgrad. Albas Sprache wird von einer Hochgestimmtheit und einem bilderreichen, etwas sehr bilderreichen Pathos bestimmt, das einem in Nicola Denis’ farbenreicher Übersetzung chansonhaft Französisch vorkommt. „In einem Boot mit zerbrochenen Rudern waren wir weit hinausgefahren.“

Tatsächlich ist der bewusste, gut vorbereitete Sprachwechsel wesentlich in Albas (und wohl in Dimitrovas) Leben.

Das Beste aber hebt sich die Autorin für den Schluss auf: Guéos Papier, in dem er vor der Wende erläutert, wie man den Kommunismus retten könnte. Er hat das Schriftstück wohlweislich gut versteckt. Um es auch sprachlich so perfekt wiedergeben zu können, hört man, musste Dimitrova es auf Bulgarisch schreiben und dann ins Französische übersetzen. Inhaltlich ist es der Hammer.

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