1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Kommunismus allein macht nicht glücklich

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Starkes Symbol, ausgefranst: US-Flagge an einem Strand des Stadtteils Queens, New York.
Starkes Symbol, ausgefranst: US-Flagge an einem Strand des Stadtteils Queens, New York. © Reuters

Er erzählt alles, er denunziert niemanden: Jonathan Lethems neuer Roman „Der Garten der Dissidenten“. Eine New Yorker Kommunistin verliebt sich 1955 in einen schwarzen Polizisten und wird dafür aus ihrer Partei ausgeschlossen. Mit Leseprobe.

Von Jens Balzer

So war das mit der Idee der universellen Gleichheit und Gleichwertigkeit aller Menschen nun aber auch nicht gemeint: Als die verdiente New Yorker Kommunistin Rose Angrush eine Affäre mit einem schwarzen Polizisten beginnt, ist die Verstimmung unter den Genossen im Kader erheblich. Da freundliche Ratschläge bezüglich moralisch korrekten Verhaltens nicht fruchten, wird Rose vor ein Tribunal der Partei zitiert und aus der selbigen ausgeschlossen – nicht ohne dass ihr der Chefankläger im Nebenzimmer vorab noch einmal keck auf die Brüste getatscht hätte; ihre vorletzte Affäre hatte Rose nämlich mit ihm.

Das passiert 1955. Acht Jahre zuvor, kurz nach dem Krieg, ist Roses deutschstämmiger Ehemann Albert auf Geheiß der amerikanischen Genossen in die DDR übergesiedelt, um sich dort zum Spion weiterzubilden; Rose ist mit der inzwischen 15-jährigen Tochter Miriam zurückgeblieben und führt seither ein Dasein als alleinerziehende Grande Dame des Kommunismus in Queens. Immerhin: Dass die Partei sich von ihr trennt, wird sich bald schon als Glücksfall erweisen. Als im folgenden Jahr mit der Geheimrede Chruschtschows das ganze Ausmaß der stalinistischen Verbrechen auch in den USA bekannt wird, ist der organisierte Kommunismus über Nacht das Letzte, wozu sich ein halbwegs denkender Mensch noch bekennt.

Und wenn die Utopie platzt, aber die Menschen nicht von ihr lassen können?

Aber was passiert dann? Was passiert, wenn die Utopie platzt, aber die Menschen von ihr nicht lassen können, weil ihr ganzes Leben bis dahin – ihr Selbstbild, ihre Ichwerdung im Kollektiv – vom Glauben an eine ideale Zukunft geformt wurde? Das sind die Fragen, mit denen sich Jonathan Lethem in seinem neuen Roman „Der Garten der Dissidenten“ befasst. Er handelt vom Ende der Heilserwartung. Und von den Menschen, die eben noch glaubten, dass ihnen die Zukunft gehört, und die von dieser toten Zukunft nun umklammert werden wie von einer Vergangenheit, die nicht vergeht.

Von den dreißiger Jahren bis in die Gegenwart entwirft Lethem einen verwickelten Familienroman, in dem Rose und ihre Tochter Miriam das widerstreitende Doppelzentrum bilden. Neben ihnen treten zum Beispiel auf: Miriams Vater Albert, der in einer Agentenkolonie in Leipzig – dem „Garten der Dissidenten“ – zum Anti-Amerikaner und linken Deutschnationalen mutiert; Miriams späterer Gatte Tommy Gogan, der eine Karriere als sozial-agitatorischer Folkmusiker anstrebt, aber erkennen muss, dass die einfache Landbevölkerung wenig Interesse am Agitiertwerden hegt; Roses Liebhaber Douglas Lookins, der als Polizist in den Ghettos erlebt, was wahrhaft proletarische Probleme sind; schließlich sein Sohn Cicero, den Rose zum Kommunismus zu bekehren versucht und Miriam zur Astrologie: ein Panoptikum aus tragischen Losern und tapferen Freaks und Menschen, die wider alle Erfolgsaussichten ein wahres Leben im falschen zu führen versuchen.

Die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse von „wahr“ und „falsch“, Wahn und Wahrhaftigkeit, Krankheit und „Normalität“ haben Jonathan Lethem zeit seiner schriftstellerischen Karriere beschäftigt. In dem Roman „Motherless Brooklyn“, mit dem ihm 1999 der Durchbruch gelang, beschrieb er seine Heimatstadt New York aus der Perspektive eines Tourette-Syndrom-Kranken; zuletzt verflocht er in „Chronic City“ (2011) psychedelische Science-Fiction-Visionen und Popgeschichte zu einem Vexierbild der Stadt. Im „Garten der Dissidenten“ ist der enttäuschte, aber unüberwindbare Glauben an den Kommunismus gewissermaßen das neue Tourette-Syndrom: ein Tick, von dem die Leute – auch wenn sie ihn als Tick erkannt haben – nicht lassen können; ein Wiederholungszwang, in dem die obsolet gewordene Hoffnung auf eine utopische Zukunft sich wie Beton um die Geister und Gemüter legt.

Der allgemeinmenschliche Kern in der Verkennung der Realität

Wie stets, ist Lethems literarischer Ton gleichermaßen kalt und empathisch, analytisch und anrührend zugleich. Er flicht hoch konstruierte allegorische Muster, in denen jede Figur einen klar definierten Symbolwert besitzt; zugleich füllt er seine symbolischen Platzhalter mit erstaunlichem Leben, blickt tief und verständnisvoll in ihren Alltag hinein. Vor allem aber – und das ist das Tollste daran – denunziert er sie an keinem Punkt. Er macht sich nicht lustig; er trauert aber auch nicht um die zerstobenen Illusionen; vielmehr sucht er gerade in der grundlegenden Verkennung der Realität eine Art allgemeinmenschlichen Kern. Ist nicht das Festhalten an „falschen“ Ideen für jede Art der Ichbildung konstitutiv? Man kann auch Fantasie dazu sagen.

Was nicht heißt, dass in diesem Buch nicht vor allem gescheitert würde. Als Miriams Mann, der folkmusizierende Tommy, endlich ein paar kleine Erfolge genießt, greift sein Vorbild Bob Dylan zur E-Gitarre – und mit dem Retro-Folk hat es sich endgültig erledigt, Tommys Karriere versandet sofort. Ersatzweise engagiert sich das Paar in einer New-Age-Kommune und reist Ende der siebziger Jahre nach Nicaragua, um das Land mit gewaltfreiem Widerstand zu befrieden – wenig überraschender Weise werden beide schon kurz nach der Ankunft erschossen. Ihren Sohn Sergius haben sie zuvor in die Obhut von Quäkern gegeben. Nach dem Tod der Eltern verbringt er seine gesamte Jugend bei diesen und arbeitet sich erst hinterher langsam aus den falschen Utopien der organisierten Religion zurück in die reale Welt. Am Ende des Buchs hat er auf einer Flughafentoilette Sex mit einer Occupy-Aktivistin.

So schlägt revolutionäres Tun unentwegt in Metaphysik um und Metaphysik in Revolte; selbst dem ausgebufftesten Marxisten wird der Kopf schwirren angesichts des rasenden Tempos, in dem das Schicksal der Menschen hier vom Kopf auf die Füße gestellt wird und dann wieder von den Füßen auf den Kopf.

Als einzig glückliche Figur in der gesamten Geschichte bleibt Cicero Lookins übrig, der Sohn des Polizisten, wegen dem Rose aus der Partei verbannt wurde. Gegen den Wunsch seines Vaters, aber von Rose unterstützt, arbeitet er sich aus kleinbürgerlichen Verhältnissen an die Universität voran und wird zum akademischen Star; ein schwergewichtiger homosexueller Professor; ein, wie er sich selber nennt, schwuler schwarzer Schwabbelarsch, der seine Studenten mit Foucault und Deleuze zu befreunden versucht und mit anderen Denkern, die den utopischen Gehalt des Marxismus in einer Philosophie des Körpers aufzuheben versuchen.

Wenn am Ende dieses anti-utopischen Buchs also doch wieder eine Utopie aufscheint, dann ist es diese: Dass es keine Befreiung der Menschen gibt ohne eine Befreiung der Körper, der Wünsche, eine Befreiung des Sex. Erst wenn die Menschen lieben dürfen, wen und auf welche Weise sie wollen, werden sie glücklich sein können; und eine Gesellschaft, die nicht aus glücklichen Menschen besteht, wird niemals eine befreite Gesellschaft sein.

Auch interessant

Kommentare