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Vier von zwölf im Frankfurter Verlagshaus: Oliver Schlecht, Annika Hohl, Annette Reschke und Thomas Maagh (von links),

Verlag der Autoren

Die Kommune scheut Netflix nicht

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50 Jahre Verlag der Autoren: ein Besuch in Frankfurts Bahnhofsviertel und ein Rückblick auf turbulente Anfänge und eine erfolgreiche Geschichte.

Es geht tief ins Frankfurter Bahnhofsviertel hinein, dorthin, wo Immobilienkaufleute noch nicht alles „aufgewertet“ und poliert haben, noch nicht jedes Gründerzeithaus in teures Wohneigentum umgewandelt haben. Hier findet sich der indische Lebensmittelhändler neben dem persischen Barbier, hier hocken Drogenkranke vor einem Treff aufgereiht auf dem Bürgersteig. Hier, hinter einer massiven Stahltür, öffnet sich der Treppenaufgang zu einem Unternehmen, das seinesgleichen sucht in Deutschland, dem Verlag der Autoren.

Das ist kein leeres Versprechen. Denn hier gehört auf 360 Quadratmetern tatsächlich alles den Autorinnen und Autoren des Hauses und den zwölf Beschäftigten. Eine Vollversammlung von 151 Gesellschaftern tritt einmal im Jahr zusammen. Dieses einmalige Modell der Selbstbestimmung feiert am heutigen Freitag im Frankfurter Schauspielhaus sein 50-jähriges Bestehen. Deswegen werden viele erwartet, darunter einige, die von Anfang an dabei waren, der 86-jährige Mitbegründer Karlheinz Braun natürlich, der Regisseur Wim Wenders oder die Schriftsteller Gert Loschütz und Ursula Krechel.

Wie bei allen Umbrüchen, die nachwirken, gibt es zahlreiche Wurzeln. Sie reichen zurück bis 1968, in das Jahr der Revolte. Damals im Herbst probten neun von zehn Lektorinnen und Lektoren des wichtigsten deutschen Verlagshauses, von Suhrkamp, den Aufstand. Sie widersetzten sich der Alleinherrschaft des Verlegers Siegfried Unseld und bündelten ihre Forderungen in einem höflichen Brief, der mit den Worten „Lieber Herr Unseld“ begann.

Schauspiel Frankfurt:

Buchpremiere „Fundus. Das Buch vom Verlag der Autoren“, Freitag, 14. Juni, 19.30 Uhr.

Dessen Inhalt es aber in sich hatte. Künftig sollte eine Lektoratsversammlung bei Suhrkamp das Sagen haben, wollte über das Programm ebenso entscheiden wie über die Aufnahme neuer Autoren oder den Start neuer Reihen. Unseld wäre in seinem eigenen Haus entmachtet, womöglich gar entmündigt gewesen, doch noch heute beteuert der damalige Suhrkamp-Lektor Braun, es habe sich lediglich um „eine Bitte um Mitbestimmung“ gehandelt.

Doch Unseld weigerte sich energisch, es begann ein monatelanges Ringen, in dem der Verleger versuchte, Prominente auf seine Seite zu ziehen, die bei ihm veröffentlichten. Einer sagte sofort Unterstützung zu: der Philosoph Theodor W. Adorno. Am Ende mussten die Lektoren einsehen, dass Unseld nicht gewillt war, an den Verhältnissen tatsächlich etwas zu ändern. Walter Boehlich, Peter Urban, Klaus Reichert, Urs Widmer und bald darauf auch Braun kündigten. Am 8. Februar 1969 trafen sich alle wieder im Wohnzimmer von Braun – und gründeten den Verlag der Autoren. Ein für alle Mal sollte Schluss sein mit der Macht der kapitalistischen Verlags-Patriarchen.

Im Haus Schloßstraße 125 in Frankfurt am Main kamen namhafte deutschsprachige (Theater-)Autoren zusammen: darunter Bazon Brock, Wolfgang Deichsel, Tankred Dorst, Peter Handke, Hartmut Lange, Heiner Kipphardt, Gerlind Reinshagen, Erika Runge und Martin Sperr. Geschäftsführer der Neugründung wurden Braun und Wolfgang Wiens. Man zog im April 1969 ins Erdgeschoss einer Westend-Villa – aber welche Rechte hatte man zu verkaufen?

Doch siehe da: In das neue, selbstverwaltete Verlags-Modell drängte es viele. Ende 1969 zählte man bereits vierzig Autoren und Übersetzer von 80 Titeln, Theaterstücken, Hörspielen. Hans-Magnus Enzensberger mit seinem „Verhör von Habana“ stieß dazu, aus München ein junger Mann, der soeben seinen ersten langen Spielfilm gedreht hatte: Rainer Werner Fassbinder brachte sein Theaterstück „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ mit.

Etliche deutschsprachige Bühnen wurden damals in selbstverwaltete Kollektive umgewandelt: die Schaubühne in Berlin, das Theater am Turm in Frankfurt, das Theater am Neumarkt in Zürich. Während Zeitungen engagiert über den revolutionären Verlag in Frankfurt, die „Verlagskommune“, berichteten, weigerte sich der Verband Deutscher Bühnenverleger strikt, den „sozialistischen Verlag“ aufzunehmen.

Das Jahr der Revolte ist Geschichte, der Geist des Aufbruchs auch. An den Theatern gibt es wieder Hierarchien, wenn auch nicht mehr die allmächtigen Generalintendanten der 60er Jahre. Um den Tisch im Verlag der Autoren sitzen Annette Reschke, Annika Hohl, Thomas Maagh und Oliver Schlecht. Und der Verlagshund verfolgt wohlwollend die Diskussion.

Die Umbrüche seit 1969, die Unterschiede zur Gründungszeit könnten kaum größer sein. „Aber die Veränderung ist keine Bedrohung“, versichert Reschke, die seit 27 Jahren im Verlag arbeitet. Für die Stoffe, aus denen Filme entstehen, interessieren sich zwar immer noch zu 85 Prozent die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF. Längst gehören aber auch Streaming-Konzerne wie Netflix oder der Bezahlsender TNT zu den Abnehmern und Auftraggebern.

Gewiss, „das Geschäft wird schnelllebiger“, so Maagh. Stoffe würden nach einer Uraufführung „nicht mehr so viel nachgespielt“ wie früher. Erfolgreiche Stoffe des Verlages heute sind etwa „Der Junge muss an die frische Luft“, die Autobiografie von Hape Kerkeling, oder „Das Pubertier“, der Roman von Jan Weiler, den Leander Haußmann in die Kinos brachte.

Die Drehbücher von mehr als 100 ARD-Tatorten stammen von Autorinnen und Autoren des Hauses. Seit 2011 gibt es eine Literaturagentur als Teil des Verlages, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller betreut. Und natürlich besitzt noch immer das deutschsprachige Theater als Markt große Bedeutung – einige wenige Autoren des niederländischen Kindertheaters zählen auch zu den Gesellschaftern.

„Unser Geschäft ist das Netzwerken“, sagt Oliver Schlecht. Selbst Bücher auf den Markt zu bringen, gehörte nie zum wirtschaftlichen Kern des Verlages. Gegenwärtig erscheinen noch drei bis fünf Titel pro Jahr. Auf einen Bestseller immerhin kann die Runde verweisen: „Top Dogs“ von Urs Widmer. Die Geschichte von entlassenen Top-Managern, die verzweifelt versuchen, wieder einen Job zu finden, wurde 1996 am Theater Am Neumarkt in Zürich uraufgeführt. Und verkaufte sich als Buch immerhin 190 000 Mal.

Und der politische Anspruch der Aufbruchsjahre? Die Frage führt geradezu zu einem Stimmengewirr am Tisch. „Wir haben ein gesellschaftspolitisches Ideal – das sind unsere flachen Hierarchien“, sagt Reschke. Über die Aufnahme eines neuen Autors entscheide die jeweilige Abteilung, über die Produktion eines Buches stimmten alle ab. Sie verweist auch auf den Kampf für „gerechte Bezahlung“ der Stoffproduzenten. „Jeder Autor bekommt gleich viel Provision – das ist ein attraktives Modell gerade für junge Leute.“

Thomas Maagh nimmt für das Lektorat in Anspruch, dass man „enger dran“ sei an den Autoren als bei herkömmlichen Verlagen. „Wir sind nur für unseren Autor da, nicht für den Markt“, behauptet Oliver Schlecht. Und Maagh schiebt sofort nach, dass man „nicht auf Rendite spekuliert“. Auf die Gründerväter wie Karlheinz Braun sei man „sehr stolz“, erklärt Annika Hohl. Der Verlag, das sagen sie unisono, wolle nicht weiter wachsen, sondern besitze mit einem Dutzend Beschäftigten die ideale Größe. So brauche man auch wenig Eigenkapital: „Wir reisen mit leichtem Gepäck.“

Wolfgang Schopf, dem Leiter des Literaturarchives der Frankfurter Goethe-Universität, und Marion Victor, der langjährigen früheren Verlags-Geschäftsführerin, gebührt das Verdienst, die fünf Jahrzehnte des Hauses in einem Buch gebündelt zu haben. „Fundus“ heißt es schlicht und versammelt auf 300 Seiten nicht weniger als 2313 Quellentexte zur Geschichte des Verlages, in dem es jetzt auch erschienen ist.

Die Chronologie endet am 5. April 2019. An diesem Tag startet auf Netflix die Serie „Dogs of Berlin“. Es geht um „Berliner Großstadtdschungel mit Drogenclans, Neonazi-Terrorgruppen und korrupten Politikern“. Geschrieben von Jan Cronauer (Verlag der Autoren) und anderen.

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