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Schriftsteller Jürgen Becker bedankt sich für den Georg-Büchner-Preis.

Georg-Büchner-Preis

Nie kommt das Erinnerte wie gerufen

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Jürgen Becker erhält den Georg-Büchner-Preis unter bedrängenden Umständen.

Der Krieg, der vielerlei bewirkt, verstellt auch den Blick. Darüber wird vieles verzerrt – sowie geradewegs vergessen, dass es der Krieg war, der den Urknall der abendländischen Erzählkunst ausgelöst hat. Was aber heißt das, bedeutet die Dankbarkeit gegenüber den Epen Homers etwa die Verbundenheit mit dem Krieg? Das war Jahrhunderte lang zweifellos Gesetz.

„Erzähl mir nichts vom Krieg“, so lautete 1977 der Titel des Gedichtbandes, den der damals 45-jährige Jürgen Becker veröffentlichte, für den es kein Davonkommen gab aus der Augenzeugenschaft des Krieges, kein Entkommen als Zeitzeuge: „Geschichte hört ja nie auf; sie hat die Situation, in der ich mich jeweils befinde, vorbereitet, und sie fängt schon an mit der Minute, die soeben vergangen ist.“ Mit diesem Satz stand der 82-jährige Becker am Samstag als Büchner-Preisträger auf der Bühne des Hessischen Staatstheaters. Denn in dieser Minute herrschte Krieg.

Herrschte? Wie weit trägt das Präteritum als Medium der Vergegenwärtigung? „Vom Krieg erzählen“, mit dem Motto war nicht nur die Ehrung Jürgen Beckers mit dem Georg-Büchner-Preis überschrieben, das galt auch für den Sigmund-Freund-Preis für wissenschaftliche Prosa an den Historiker Jürgen Osterhammel sowie den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay an Carolin Emcke. Von ihr gilt der Satz: „Mit Begriffen wie „archaisch“ und „barbarisch“ meinen wir, die größtmögliche Distanz zwischen uns und die anderen einzuziehen.“

Der Preisverleihung vorangegangen war traditionell die Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Ohne auf der Herbstunterredung Augenzeuge geworden zu sein, kann man sich doch vorstellen, dass mit dem Thema eine schreckensweltzugewandte Konferenz stattgefunden haben muss. „Erzähl mir nichts vom Krieg“ – damit griff Beckers Lyrik(band) 1977 eine (auch) für Nachkriegsdeutschland zentrale Floskel auf. Eine Tirade, mit der die Kriegsgeneration auf Deutungshoheit beharrte, aggressiv oder resigniert. Es war eine Redensart, die sich der Schrecken des Krieges bewusst war. Zugleich aber auch eine, die sich der entsetzlichen Erinnerungen entledigen wollte, die verbissen jede Vergegenwärtigung verweigerte. Hinter der Phrase stand die hohle Deklamation pathetischer Verdrängung ebenso wie der simple Gedanke, an der Besinnung auf das Unvorstellbare irre werden zu können.

Mit den großen Verwerfungen und grundstürzenden Neuerungen beschäftigt ist auf seine Weise Jürgen Osterhammel als „Welthistoriker“, wie ihn sein Laudator Lutz Raphael nannte. Osterhammels Gesamtschau etwa des 19. Jahrhunderts im besonderen wie überhaupt seine globale, nicht allein auf Europa und den Westen konzentrierte (fixierte) Perspektive verbinde die „synthetisierende Zusammenschau“ mit der „existentiellen Leidenschaft“ für eine „Wirklichkeitswissenschaft“ (Max Weber).

Dieser Enthusiasmus für die Wirklichkeit sei, so Raphael, eine Stilfrage, eine sprachliche ebenso wie eine intellektuelle, eine emotionale und ethische allerdings obendrein. „Klarheit, Eleganz und Geschmeidigkeit“ vereinigte er gewissermaßen zu einer Stilkunstsynthese – was denn Osterhammel fast schon aufgekratzt und ein wenig unwirsch, in jedem Fall temperamentvoll bestätigte in einer Dankesrede über Tonlagen und Erzählperspektiven der Geschichtsschreibung.

Der Historiker als Stilist: Osterhammels Erkundung der Potenziale seiner Profession mündete in einen Katalog der „ersten Sätze“ berühmter Geschichtswerke – in eine Verspottung der „historiographischen Startschüsse“, die er so abrupt wie souverän abbrach. Angesichts der geballten Ironie konnte man glatt vergessen, dass Raphael in Osterhammels durchtriebenem Stilwillen ein „umfassenderes Vernunftunternehmen“ freigelegt hatte, eine „wachsame Empathie für die Vielen, die den Lauf der Geschichte mehr ertrugen als gestalteten.“

Nicht von ungefähr als eine „Schule der Empathie“ bezeichnet der Urkundentext des Merck-Preises die Reportagen und Essays Carolin Emckes, und was ihre „rigorose Neugier“, ihre „große moralische Ernsthaftigkeit“ (Valentin Groebner als Laudator) auszurichten vermag, bekam das Publikum wahrhaftig zu spüren. Emcke, so kann man vielleicht sagen, übertrug ihre Tugend der „Langzeitbeobachtungen“ (Groebner) auf ein Zeitlupenverfahren, indem sie das Video, die vier Minuten und 40 Sekunden, die die Hinrichtung James Foleys durch den IS zeigen, minutiös rekonstruierte. Ausgehend von einer von Herta Müller wiedergebenen lapidaren Bemerkung ihrer Großmutter, entfaltete Emcke die „Modalitäten des Weg-Schauens oder Weg-Denkens“ ebenso wie diejenigen des „Hin-Denkens und Hin-Schauens“.

Hinschauen, wie Emcke es tat, stellvertretend auch (und sie erwartete es nicht vom Publikum, uns, mir), habe mit einem „ethischen Bewusstsein“ zu tun – denn schon „für Platon war das Auge das Organ des Gewissens.“ Zum Vorgehen des IS gehöre, dass das Vierminutenvierzigvideo auch mit der Phantasie des Zuschauers spiele, die Perfidie mit der entsetzlichen Ohnmacht des Opfers, die perfekte Regie mit dem „gesamten Repertoire hypermoderner Technik“ sei vertraut mit dem „kulturellen Wissen westlicher Ästhetik und Ängste“. Zum Hinschauen, so Emcke, gehört auch: „Was folgt, mochte ich nur mit dem Finger auf der Stopp-Taste schauen, um jederzeit abbrechen zu können, sollte ich die schier endlos dauernde Sägerei, die euphemistisch „Enthauptung“ genannt wird, nicht ertragen können.“

Was ist zu ertragen? Aus Büchners „Dantons Tod“, dem Drama über den Furor der Revolution, dem Drama über den Tugendterror, las der Büchner-Preisträger Jürgen Becker Passagen schauderhafter Gleichgültigkeit gegenüber der Unversehrtheit des Lebens vor. Auf der Bühne des Darmstädter Staatstheaters, vor einem himmelblauen Prospekt, fokussierte Becker auf eine Gewaltgeschichte, die im Namen der Ideen vorging: „Was eine Idee darf, danach hat noch kein Glaubenskämpfer, kein Rassekrieger, keine Klassenkämpfer gefragt, und die Rhetorik der Gewalt (...) ist nicht Büchners Theatersprache geblieben, sondern bis auf den Tag globaler Jargon.“

Becker, Jahrgang 1932, gehört zu den sogenannten „weißen Jahrgängen“, die keine Weltkriegswaffe mehr in die Hand nahmen, allerdings ist er zum Augenzeugen der Schrecken des Zweiten Weltkriegs geworden. Diese Erfahrungen und Erlebnisse haben den jungen Autor, nach einer Phase des „Weltschmerzes ohne politisches Bewusstsein“, „ohne die Last der Historie“ (Becker), zutiefst geprägt, und zutiefst heißt ja: Wort für Wort.

Beckers Schreibweisen, seine gebundene Prosarede und lyrische Erzählprosa „lege Orte“, wie Lutz Seiler mit einem alten Wort, weiland vertraut, in seiner Laudatio meinte. Prosa und Gedicht seien so etwas wie Gründungsakte, womit „vor Ort die Zeit-Ordnung aufgehoben (werde) im Nebeneinander von Erinnertem und Sichtbarem.“

Dieser Verschränkung, wahrscheinlich undenkbar ohne das Ohr des Hörspielmanns, der er jahrzehntelang als Deutschlandfunkredakteur war, hat sich Becker verschrieben: „Die Vergegenwärtigung des Vergangenen und zugleich die Wahrnehmung dessen, was in meiner Umgebung augenblicklich geschieht: so würde ich Büchners Anweisungen ins Zeitgenössische übersetzen, in die Erfahrungsweise einer Wirklichkeit, durch die sich die Gleichzeitigkeit des Gestern und Heute zieht.“

Schon zuvor hatte Lutz Seiler in seiner wunderbaren Laudatio Beckers Kosmos als „ein konkretes literarisches Verzeichnis der aussterbenden Anlässe, sich zu erinnern“ bezeichnet. Aufmerksam hatte er auf Beckers „gelockertes Narrativ“ gemacht, dessen offene Schreibweise, „mit ruhigem Ton, beiläufig, nahezu lässig“. Becker mag im Laufe der letzten mehr als 50 Jahre die Tonlagen und Stile geändert haben, verloren gegangen ist auch das Vertrauen in das „deregulierte“ Schreiben nach den Regeln der experimentellen Poesie. So fing es an. Doch Bestand hat, dass Beckers Textwelt stets das Vorläufige festgehalten hat im Idiom, im Augenblick, als „vorläufige deutsche Nachkriegs-Topografie“.

Nichts darin bleibt, so wie es mal war. Zum „gelockerten Narrativ“ gehört die Vergegenwärtigung des Unvermuteten. Liest man Beckers großen Roman, seinen radikalen Wende-Roman „Aus der Geschichte der Trennungen“, dann nimmt man wahr, wie es Jörn ergeht, einer Becker-Figur: „Indem er sich erinnerte, versuchte er das Erinnerte als Gegenwart aufzunehmen, nur kam es nie wie gerufen.“

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