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Der französische Philosoph Roland Barthes.

Laurent Binet

Ein Kommissar unter lauter Philosophen

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In dem Kriminalroman "Die siebte Sprachfunktion" begibt sich Laurent Binet mit viel Spott ins Milieu der Strukturalisten.

Les neiges d’antan – angesichts des französischen Wahlergebnisses mag mancher den Schnee von einst wieder suchen. Und lässt sich von Laurent Binet in seinem Roman „Die siebte Sprachfunktion“ gerne zurück ins Jahr 1980 entführen, als der Sozialist Mitterrand die Präsidentschaftswahlen gewann und die Pariser auf den Straßen tanzten. Binets Werk ist zwar ein astreiner Whodunnit-Krimi mit einem spannenden Plot, zugleich aber auch ein 500 Seiten starker Roman, der die Intellektuellen-Szene und die politische Lage der Grande Nation in den Achtzigern schildert – und das mit reichlich Ironie und Spott.

Ausgangspunkt ist der Tod des Strukturalisten Roland Barthes, der am 25. Februar 1980 in einen Unfall mit einem Kleintransporter verwickelt wurde, an dessen Folgen er einen Monat darauf in einem Pariser Krankenhaus starb. Soweit die historische Wahrheit. Aber was ist Wahrheit? Hängt sie nicht von der jeweiligen Wahrnehmung ab? Diese, von den Philosophen und Sprachwissenschaftlern seinerzeit immer wieder postulierte Frage wird zum Ausgangspunkt für Binets tollkühnen Plot. Barthes’ Unfall sieht er als Mord und spinnt ein Netz aus bulgarischen Spitzeln, der italienischen Camorra und einem weltweit agierenden Philosophenclub, dessen blutige Methoden im krassen Gegensatz zur feingeistigen Beschäftigung stehen.

Der Reiz der drei Welten

All dem muss ein biederer Kommissar namens Bayard auf die Spur kommen, der bei seinen Ermittlungen an der Universität von Vincennes zunächst mal nur Bahnhof versteht und sich deswegen den Doktoranden Simon Herzog als Übersetzer und Assistenten holt. Aus der Diskrepanz von Bayards bodenständigen Lebensperspektive und den hochtrabenden Reden der Philosophen entsteht der Reiz der zwei Welten – bereichert noch von einer dritten, in der Wahlkampfstrategen nüchtern und reichlich respektlos Mitterrands Chancen auf einen Sieg abwägen. Kann die siebte Sprachfunktion, die Barthes offensichtlich entdeckt hatte, Politikern helfen, Rededuelle im Fernsehen zu gewinnen?

Der Leser begegnet Philosophen wie Gilles Deleuze, Umberto Eco, Louis Althusser und Michel Foucault, Binet schildert sie als geschwätzige Narzissten. Einige von ihnen kommen auf groteske Weise ums Leben, womit sich der Autor endgültig in die Fiktion begibt. Atemlos folgen ihm die Leser von Paris nach Ithaka, von Bologna zum US-Städtchen Cornell, wo ein Kongress stattfindet, und schließlich nach Venedig. Sie lernen dabei nicht nur die Geschichte der Linguistik, sondern auch die bizarre Schwulenszene kennen, in der jede Menge LSD und Koks konsumiert wird.

Der Erzähler tritt hin und wieder aus seinem Roman heraus und wendet sich an die Leser, ihnen immer wieder bewusst machend, dass die Geschichte sich so, aber auch anders zutragen haben könnte. Auf die Spitze getrieben wird das, wenn der junge Assistent darüber nachdenkt, ob er nun real existiere oder eine Romanfigur sei. Alles eine Frage der Wahrnehmung eben.

Solche Wechsel der Perspektive, deftige Sexszenen und philosophische Diskurse summieren sich zu einem furiosen Erzählwerk, in dem alle, die sich mit Philosophie und Sprachwissenschaften eingehend beschäftigt haben, mit Vergnügen Anspielungen entdecken werden. Für die anderen aber sind die seitenlangen Abhandlungen über Linguistik und Semiotik eher ermüdend. Sie müssen Geduld haben, bis mitten bei den Feiern zu Mitterrands grandiosem Wahlsieg der Fall Roland Barthes doch noch gelöst wird.

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