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Islands Wetter spielt mit bei Fred Vargas.
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Islands Wetter spielt mit bei Fred Vargas.

Fred Vargas „Das barmherzige Fallbeil“

Der Kommissar, der sich kratzt

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Fred Vargas’ famoser neuer Kriminalroman „Das barmherzige Fallbeil“ bringt den isländischen Nebel mit den Intrigen und Bluttaten der Französischen Revolution zusammen.

Wenn es ihn juckt, kratzt er sich notfalls unter Missachtung aller Vorschriften. Denn Kommissar Adamsbergs metaphorisches „Jucken“ wird stets von einem – noch sich zurückhaltenden – Gedanken, einem leisen Verdacht hervorgerufen, und ohne entschlossenes „Kratzen“ würde er seine Fälle womöglich nicht lösen. Nach Kanada hat die Französin Fred Vargas ihren Kommissar schon zum spektakulären Kratzen geschickt in einem früheren ihrer Romane („Der vierzehnte Stein“). Diesmal reist Adamsberg in Begleitung zweier seiner Leute nach Island.

Dort sind vor zehn Jahren zwei Mitglieder einer Touristengruppe angeblich erfroren, als diese auf einer kleinen Insel vor dem – falls man das so sagen kann – isländischen Festland einige Tage von Nebel eingeschlossen war. Angeblich hat man die beiden im Meer „bestattet“. Nein, Adamsberg ist nicht strafversetzt worden, um alte Fälle zu bearbeiten; an der offiziellen Island-Geschichte ist natürlich etwas faul, und es könnte sein, dass deswegen im heutigen Paris Menschen ermordet werden, eine alte, kranke Lehrerin, ein Schlossherr.

Fred Vargas – eigentlich Frédérique Audoin-Rouzeau, geboren 1957 – ist eine so singuläre Krimiautorin, wie ihr Jean-Baptiste Adamsberg ein seltsamer Ermittler ist. Er wirkt manchmal geradezu verpeilt, sonderbar auf jeden Fall, auch wenn er gerade keine Fliege aus einem Glas Portwein rettet und auf seinem Finger trocknen lässt. Sie, gelernte Archäologin mit Schwerpunkt Archäozoologie, weiß das penibelst Recherchierte mit dem geradezu Märchenhaften zu verbinden. Sie knüpft die größten Unwahrscheinlichkeiten, die wildesten Geschichten zusammen. Sie formuliert das so charmant, ja zauberhaft, dass man ihr als Leser gleichsam aus der Hand frisst. Jedenfalls tut es diese Leserin bei Roman um Roman.

„Temps glaciaires“, so der französische Originaltitel, handelt von zwei eisigen Zeiten: Den tödlichen Tagen auf Island (fast auch tödlich für Adamsberg und seine beiden Polizisten) wie der grausam wütenden Französischen Revolution. Auf eine mysteriöse Robespierre-Gesellschaft stoßen die Ermittler, ihre Mitglieder treffen sich regelmäßig, um Sitzungen dieser „verstörenden, blutigen Tage“ in Kostüm und verteilten Rollen nachzuspielen, zu ver-körpern. Unter den Spielern sind auch Nachfahren der damals Beteiligten, etwa des trotz Guillotine überlasteten Henkers.

Geradezu lehrreich sind Vargas’ wie nebenbei eingefügte Charakterzeichnungen diverser Revolutionäre: Danton, Desmoulins, Fouché, Robespierre. Man könnte „Das barmherzige Fallbeil“, so der deutsche Titel, in den Schulunterricht integrieren.

Auch wenn auf der anderen Seite, der des Märchenhaften, ein Wildschwein eine entscheidende Rolle spielt. Auch wenn ein fieser isländischer Geist, ein Afturganga, womöglich in die Handlung eingreift. Auch wenn die magischen Eigenschaften von Rabenkot beschworen werden und Adamsberg nicht nur weinselige Fliegen trocknet, sondern auch froh Kletten sammelt an seinen Hosenbeinen und zwecks Nachdenkens wieder abzupft. In der Erfindung herrlicher Spleens wie auch versponnener Wendungen kann kaum ein Autor Fred Vargas das Wasser reichen. Sie schickt einen in einen tiefen, dunklen, wunderbar spannenden Wald, wo hinterm Baum Danton ebenso hervorspringen kann wie ein Eber namens Marc.

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