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Rezension

Ein Kommissar geht um

Judith Kuckart schmiegt sich mit "Die Verdächtige" ans Krimigenre an.

Von ULRICH RÜDENAUER

Solche Polizisten hat die Welt noch nicht einmal im "Tatort" gesehen: 39 Jahre alt, gesegnet mit dem Aussehen eines George Clooney, sensibel noch dazu, auch ein bisschen einsam, mit einem Faible für Bob Dylans "Radio Theme Time Hour" und einem Hang zum philosophischen Sinnieren: "Nicht zum ersten Mal kam ihm da die Vorstellung, das Schönste an der Welt sei, dass man in ihr verschwinden könne."

Kann man natürlich nur selten, auch wenn es zu Beginn von Judith Kuckarts Roman, der sich ans Genre der Kriminalliteratur anschmiegt, den Anschein hat, als ließe sich so ein Verschwinden tatsächlich bewerkstelligen: Der Kommissar Robert versucht einen Mann zu finden, der auf der Kirmes in einer Geisterbahn verschollen ist. Dessen Freundin Marga Burg taucht bei Robert auf wie eine Sparvariante der Hollywooddiven, die einst Private Eye Bogart heimsuchten: schön, undurchsichtig, aber weniger glamourös. Sie gibt eine Vermisstenanzeige auf, und schon da wird klar, dass hier ein größeres Rätsel als nur ein Kriminalfall zu knacken ist - wenn Frauen einen Mann "blumenhaft" ansehen, immer wieder an ihrem "Rhabarberblattkragen" zupfen und mit sehr "feinen Kniekehlen unter den dünnen Strümpfen" aufwarten, dann ist Gefahr im Verzug. Die Fahndung beginnt, aber alle Spuren führen immer wieder zurück zu Marga, die beim Leser früher und ganz spät erst beim Kommissar von der Zeugin zur titelgebenden "Verdächtigen" aufsteigt. Robert und Marga kommen sich unweigerlich näher, und leider werden auch Lebensweisheiten ausgetauscht: ",Warum sind die Menschen eigentlich so einsam?', fragte sie plötzlich und sah Robert dabei nicht an. ‚Passiert, wenn man älter wird', sagte er."

Er hat den Arm, den sie braucht

Andere Frauen lassen sich von dieser grüblerischen Traurigkeit Roberts ebenfalls affizieren; sie alle scheinen dem von seiner Ehefrau verlassenen Kommissar über das Haar streicheln zu wollen und ihm dabei den Kopf zu verdrehen - und die Arme: "Er hatte seit Monaten seinen Arm frei, unter dessen Achsel eine Frau von ihrer Größe passte, und sie schien seit einer Ewigkeit so einen Arm zu brauchen."

Kein Wunder, dass die Ermittlungen da kompliziert werden. Zum Glück gibt es Kollegin Nico, die den Fall robust und sachlich angeht, obwohl auch sie eine lyrische Ader besitzt und dieser bei den "Polizeipoeten" nachspürt. Wir werfen nach der Lektüre der "Verdächtigen" all unsere Klischees über Polizisten über den Haufen und gehen fortan davon aus, dass es sich bei den meisten um Feingeister und verkappte Philosophiestudenten handelt.

Judith Kuckarts neuer Roman - nachdem sie zuletzt in "Kaiserstraße" den Fall Nitribitt aufrollte - bietet also zweierlei: Suspense und einen Mann in der Krise, der schließlich selbst noch ins Visier eines Mörders gerät. Wer Robert an den Kragen will und Geisterbahnfahrern den Anschluss ins Diesseits verweigert, sei selbstverständlich nicht verraten. Obwohl es um die Lösung gar nicht so sehr geht: Kuckart interessiert sich mehr als für den Verschwundenen für den existenziell irgendwie verlorenen Kommissar. So entsteht ein poetisch aufgeladenes Gemisch aus Kriminal- und Selbstfindungsroman, das nicht nur unter der Last der vielen Hilfskonstruktionen zur Verkomplizierung des Falls ächzt, sondern auch an einer eher simplen Charakterzeichnung krankt. Der Kommissar geht um und dreht sich dabei im Kreis. Ein Fall für den Polizeipsychologen.

Judith Kuckart:

Die Verdächtige.

Roman. DuMont Buchverlag, Köln 2008, 285 Seiten, 19,90 Euro.

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