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Komm doch nach Arizona

Ob Jungsein genügt? Larissa Boehnings Erzählungen schwelgen in ereignisarmer Tristesse

Von OLIVER FINK

Manche geben ihrer Schwalbe sogar einen Namen. Und selbstverständlich hat man auf diesem Kult-Moped made in GDR auch zu zweit Platz: einfach die Fußstützen ausklappen und los geht's. In Larissa Boehnings Erzählung "Zaungäste" sitzen Uli und Marie auf so einem Ding, brausen durch ein eher tristes Sommer-Berlin der neunziger Jahre und kommen sich näher. Allerdings nicht zu sehr: "Das Mädchen kommt nur, wenn es was will", klagt Uli. Zum Beispiel, wenn ihre Schwalbe kaputt ist. Vieles bleibt daher unausgesprochen zwischen den beiden, vor allem Sehnsüchte, die sie immerhin haben. "Warte nie auf die Schwalben, sie kommen immer erst, wenn man sie nicht mehr erwartet", erinnert sich Marie an den ornithologischen Ratschlag ihres Vaters. Doch nichts passiert.

Unspektakuläres Aneinander-Vorbeileben, Augenblicke der Unentschlossenheit, der Unsicherheit, Melancholie, Trägheit, Tristesse - das sind die Hauptzutaten, mit denen Larissa Boehning, Jahrgang 1971, in ihrem Debütband Schwalbensommer hantiert. Ein bisschen Judith-Hermann-Style ist unverkennbar, wobei man Boehning zugute halten muss, dass sie ihr sprachliches Handwerkszeug etwas besser unter Kontrolle hat als ihre erfolgreiche Kollegin. Ruckartig zieht sie den Leser hinein in ihre Geschichten, deren Vorher und Nachher weitgehend ausgespart werden: Momentaufnahmen sind das, Lebensausschnitte, gespickt mit Leerstellen. Da fliegt eine junge Frau in die USA, um einen Amerikaner zu besuchen, den sie zuvor in Stuttgart kennengelernt hat. "Wenn du willst, komm nach Tucson, Arizona", hatte der in einem Brief geschrieben. Doch stellt sich bald heraus, dass das nicht wörtlich gemeint war. Die Enttäuschte trägt das Unwillkommensein mit Fassung, doch hinter ihrer Fassade bebt es. In einer anderen Erzählung treffen sich Frau und Mann nach zehn Jahren zufällig wieder und unternehmen einen Ausflug auf die Nordseeinsel Amrum - Annäherung und Abstoßung halten sich, wie damals, die Waage.

Boehning lässt ihre Leser zwar tief blicken (es dominiert die Ich-Perspektive), doch erleichtert das keineswegs die Orientierung. Es sieht so aus, als ob sie mögliche Zusammenhänge, Ursachen für bestimmte Handlungen gezielt vernebeln möchte. Vielleicht, weil Erklärungen für diese durchweg komplizierten Beziehungen ohnehin nicht zu finden sind.

Die Geschichten sind gar nicht schlecht erzählt. Boehning bedient sich einer schnörkellosen Sprache mit Gespür für Rhythmus, Innenwelt kontrastiert mit Außenwelt, Erinnerung verschränkt sich mit Gegenwart, ein ausgesprochener Sinn für Komposition ist auch zu erkennen. Dennoch stellt sich ein gewisses Unbehagen ein, das einem ausgerechnet bei der Lektüre der gelungensten Erzählung bewusst wird: "Streichholzkathedralen" handelt von zwei älteren Männern, Jott und Wilhelm, die gemeinsam in einer kleinen Datsche leben. Jott, exzentrisch, baut Streichholzmodelle, Wilhelm sitzt meist einfach herum und sinniert vor allem über seine verstorbene Frau Amelie, zugleich die Schwester von Jott. Ausgangspunkt von Wilhelms Ausflügen in die Vergangenheit ist eine rätselhafte Narbe, die seine Frau am Hals trug und mit der offenbar Jott etwas zu tun hatte. Geklärt wird das nicht und auch nicht, wer das Mädchen ist, das plötzlich im Garten vor der Datsche auftaucht und die beiden Männer in ihrem Trott für einen Augenblick aufschreckt.

Hier, in "Streichholzkathedralen", scheint die Trägheit und Tristesse, gepaart mit Ereignisarmut, bestens aufgehoben, und die Skurrilität des Ganzen sorgt sogar für ein paar komische Momente, die diesem Erzählungsband ansonsten abgehen. Oft allzu ernst geben und nehmen sich die sensiblen Um-die-30-Jährigen, die in diesen Erzählungen hauptsächlich vorgeführt werden. Und vielleicht wird ja das Unbehagen noch dadurch verstärkt, dass sich die Autorin im Klappentext so ausdrücklich generationsbewusst gibt ("kurzfristig Teil eines Aufschwungs geworden zu sein") und der Verlag die Vorlage aufnimmt, indem er das Buch als Dokument der "enttäuschten Kinder der Start-up-Generation" anpreist. Dass es also einfach nur der Börsencrash gewesen sein soll, der hier für gemischte Gefühle sorgt? So wollen wir aber die Leerstellen nicht besetzt sehen.

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