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Liebe und Hass im ukrainischen Charkiw.
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Liebe und Hass im ukrainischen Charkiw.

Serhij Zhadan „Mesopotamien“

Die komischen Grundlagen des Krieges

  • Harald Jähner
    VonHarald Jähner
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„Mesopotamien“ – Serhij Zhadans liebevolles und aberwitziges Porträt seiner ostukrainischen Heimatstadt Charkiw ist verblüffend unpolitisch. Dahinter steckt aber manches, was hilft, den Konflikt im Land besser zu verstehen.

Das Besondere an Mesopotamien ist die dort einst heimische Nachsicht. In das babylonische Zweistromland zog Einwandererstrom um Einwandererstrom, aber aus keiner seiner vielen frühhistorischen Epochen sind abfällige Äußerungen über die vorgefundenen Bewohner oder die Neuzuwanderer bekannt – eine echte Rarität in der Geschichte. Das Mesopotamien des vorliegenden Buches ist Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine und von zwei Flüssen durchzogen – genau wie das Zweistromland der Antike. Damit hat es sich aber auch schon mit den Analogien. Wenn jemand heute Charkiw Mesopotamien nennt, dann kann es sich angesichts des Hasses, der dort tobt, nur um einen verwegenen Wunschtraum handeln.

Allenfalls könnte das wodkadurch-tränkte Charkiw dieses Buches es noch an Legendendichte mit Mesopotamien aufnehmen. Der Roman „Mesopotamien“ ist eine wild entschlossene Liebeserklärung an die im Osten der Ukraine gelegene Stadt, in der ihr Autor, der 1974 geborene Serhij Zhadan, daheim ist, soweit man daheim sein kann in einer Stadt, in der der Bürgerkrieg herrscht.

„Mesopotamien“ erschien im ukrainischen Original im Frühjahr 2014. Da war die Krim schon von russischen Soldaten besetzt, in den restlichen ostukrainischen Gebieten hatten die Ausschreitungen aber gerade erst begonnen. Im April 2014 berichtete Zhadan, in der Ukraine nicht nur als Autor, sondern auch als Gastsänger der Punk-Ska-Band Sobaki v Kosmose (Hunde im Weltall) bekannt, in Zeitungstexten über regelrechte Pogrome, die von prorussischen Schlägertrupps gegen vermeintliche „Banderiwzi“ aus der Westukraine verübt wurden. Zhadan selbst wurde bei einem brutalen Überfall der Separatisten auf Maidan-Aktivisten in Charkiw so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Ein pralles Panorama

Im Nachhinein verblüfft, wie unpolitisch im landläufigen Sinne dieses Stadtporträt geraten ist. Es stellt ein pralles Panorama von Trunkenbolden, Boxern, Bankrotteuren, Fantasten, Prostituierten und verpeilten Lebenskünstlern vor, die allerhand Händel miteinander auszufechten haben. Aber von ihrer jeweiligen Haltung zu Kiew, zum Westen oder zu Russland ist nicht einmal in Andeutungen die Rede. Zwar wird in einer der vielen reichlich delirierenden Visionen, mit denen die Charkiwer hier ihre Stadt überziehen, auch mal davon gesprochen, dass auf der Straße wieder geschossen werde und der Krieg weitergehe, „solange wir lieben“, aber in diesem Monolog einer einsamen Mutter ist eben auch der Mond vor den Fenstern aus Ton und Gras modelliert, in den Straßenbahndepots atmen eiserne Drachen, und die Ertrunkenen und Erhängten kommen durch die Flüsse geschwommen, „sie dringen über die Bahnhöfe ein und verbessern die demographische Gesamtsituation“.

Andererseits ist die Tatsache, dass der in Luhansk ganz im Osten der Ukraine geborene Autor seit der Orangenen Revolution auf Ukrainisch und nicht auf Russisch schreibt, selbst schon ein politisches Statement. Und dass der gespenstische Streit um nationale und ethnische Zugehörigkeit fast völlig fehlt, ist es auch. Solche Typen wie in seinen Büchern gebe es auf beiden Seiten der Barrikaden, sagte Zhadan einmal in einem Interview. Sein Charkiw der schrägen Vögel ist gewissermaßen das wahre Charkiw, während das reale ein vom Nationalismus und Kriegswahnsinn entstelltes ist. Das heißt nun nicht, dass sein poetisches, oft ziemlich pasolinihaftes Charkiw gewaltfrei sei, im Gegenteil. Der Boxer Marat zum Beispiel, der in der ersten von neun raffiniert miteinander verwobenen Episoden von Freunden und Verwandten beweint und zu Grabe getragen wird, hatte auch außerhalb des Boxrings gern mal die Fäuste in anderer Leute Magengruben, so zum Beispiel in der eines feinen, älteren Herrn, dem er die hübsche Begleitung missgönnt– ein Verhalten, das der Autor durch die Stimmen der versammelten Kumpane als „liebeshungrig“ schildert – und beschönigt.

„Liebeshungrig“ sind die mesopotamischen Charkiwer fast alle. Das nervt ein bisschen, so sehr einem diese Emotionsbündel beim Lesen auch durchaus ans Herz wachsen. In der Nestwärme dieses romantischen Prekariats riechen „Frauen auf den Straßen nach Schlaf und Liebe“, sinnieren irgendwelche Inflationsheilige gern: „Wir haben unsere Liebe, aber nutzen sie nicht immer“, und predigen weise alte Männer: „Das einzige, was wirklich Gewicht hat, ist unsere Verliebtheit, die Liebe, die wir in uns tragen.“

Wo so viel Liebe mit sich herumgetragen wird, ist wohl auch viel Hass zu schleppen, und so mag in dem dauernden Verlangen, seine Liebe loszuwerden, auch ein Keim dessen liegen, was derzeit die Ukrainer erleben. Insofern hilft Zhadans Roman, die explosive Lage zu verstehen. Die von traurigen Suff-Reden begleitete Trauerfeier für den jungen Boxer, bei der man sich in Pantoffeln und Trainingsanzügen der Trauer hingibt, wird aus der Perspektive eines Freundes geschildert, der sich daran erinnert, wie er zu dieser Freundschaft gekommen ist: „Was fällt dir ein, mir nicht zu glauben? Du bist doch mein Freund“, habe Marat ihm einmal gesagt. „Seit wann das denn?“, entgegnet der Erzähler. – „Ich habe dir das Boxen beigebracht“, erinnert Marat. – „Ach was, du hast mich einfach nur zweimal verprügelt“.

Zhadans Mesopotamier sind, von Westeuropa aus gesehen, ziemlich übergriffig. Das macht natürlich Spaß zu lesen. Bierernst gestimmt könnte man diese Logik auch als eine Vorstufe des Bürgerkriegs begreifen. Aber wer will schon Spaßverderber sein bei dem herrlichen elan vital, der auch die Sprache des Buches befeuert. Überall Lebensgier. Erleuchtete Fenster leuchten nicht einfach, sie „fressen sich in die Nacht“. Aus den Häusern fallen „gelbe Lichtflecken“ und reißen „die Schmetterlinge aus den Umarmungen der Dunkelheit“. Und einer „hätte sich gern erhängt, am liebsten in ihrem Zimmer, am liebsten nur kurz“.

Eine besonders komische Figur ist Koschkin, der von seinem Vater nach Philadelphia geschickt wird, um nach dessen Verwandten zu schauen, die dort seit den Neunzigern „festsitzen“. Koschkin fährt tatsächlich los, traktiert seine Verwandten mit ungeschickten sexuellen Annäherungen, vor allem aber mit seinem Hang zum halbgaren Soziologeln und Politilogeln, mit dem er von den „historischen Kataklysmen“ in der Heimat berichtet. Den Zusammenbruch der alten sozialistischen Regime fasst er im schönen Bild von den nunmehr „unbeaufsichtigen sozialen Fahrstühlen“ zusammen.

An die Lieben daheim berichtet er per Post von seinen Eindrücken: „Amerika erscheint mir wirklich als das Land der Chancengleichheit. Die Grundlage für die Gleichheit bilden aus meiner Sicht gültige Verfassungsnormen und solide demokratische Prinzipien. Ich glaube an die Überlebensfähigkeit und Elastizität des amerikanischen liberalen Systems (....) Das einzige, was mich bedenklich stimmt, nein, nicht nur bedenklich: das einzige, was mich hier wirklich ankotzt, das sind die vielen Neger.“

So viel zur Reife der ukrainischen Demokratie, widergespiegelt, wie Bob Koschkin über sich selbst sagen würde, in einem ihrer treuesten, wenngleich chancenlosen Vertreter.

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