Kokeln und mogeln für Buddha

Eva Demski wiegt sich in dem Roman "Das siamesische Dorf" im Takt einer glänzenden Jahrmarktskulisse

Von UTA BEIKÜFNER

Eva Demski hat in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen davon gesprochen, als Schriftstellerin "das Lesen mit dem Trojanischen Pferd des Schreibens zu retten". Schreiben heißt zu fesseln, Lesen bedeutet, gefesselt zu werden. Das sind hohe Absichten, die leicht mithilfe von unterhaltsamen Gattungen erfüllt werden, Wirkung statt Wahrheit ist ihr Credo. Für heiße Ohren sorgt auch Eva Demskis neuer Roman Das siamesische Dorf. Durch Spannung bannt die kolportagehafte Handlung hier den Leser, Mord und Totschlag verfehlen ihre Wirkung nicht.

Eine Gruppe deutscher Touristen trifft in einem paradiesischen Feriendomizil an der Küste Thailands ein, unter ihnen Glücksjäger und Unglücksraben, Individualisten und Buddhisten, Päderasten und Esoteriker. Da gibt es einen "Einsamkeitserschnüffler", der einen "nachgemachten griechischen Akzent" "über seine Berliner Schnauze gezogen hat", eine moribunde Bauunternehmerwitwe, eine alternde "Krüppelin", einen schläfrigen Gastwirt nebst munterer Gattin, ein dauerbeischlafendes Ehepaar und einen zwielichtigen Geschäftsmann. Ihr Begehren legt hier niemand an die Kette, sexuelle Verirrungen finden Erfüllung und religiöse Verwirrungen einen Inhalt. Unter den Reisenden sind auch eine Journalistin und ein Photograph, die über das Feriendomizil berichten wollen. Während sich die anderen den Sinnesfreuden hingeben, fährt ihnen schnell der Schrecken ins Gebein.

Denn dem Garten Eden kommen Mitreisende auf seltsame Art abhanden, es werden Körperteile eingegraben und die dazugehörige Leiche im Verlauf der Handlung Stück für Stück wieder ausgegraben. Doch nicht die Aufklärung der mörderischen Tat treibt das Geschehen voran, sondern Erotik und Exotik. Der Roman ist mit abgetrennten Gliedmaßen nur hübsch garniert: Hummer werden mit den Nieren eines Menschen gemästet und Ameisen nagen innerhalb von Stunden eine Hand bis auf die Knochen ab. Für die beiden Sensationsjäger ist das ein gefundenes Fressen, den anderen verdirbt es langsam den Genuss an den unmäßigen Sonnenuntergängen.

Eva Demskis Roman lebt von Einflüsterungen und Ausflüchten: Schon am ersten Tag wollen geheime Wünsche erfüllt werden, am zweiten Tag hocken den Touristen die Dämonen einer fremden Religion auf den Schultern, am dritten Tag klopfen die scheinbar zu Haus gelassenen Sünden an ihre Tür. Was diese Menschen suchen, ist nicht die Verwandlung, die aus ihnen selber kommt, wenn sie eine Reise machen. Es sind jene Wunder und Geheimnisse, für die sie nur mit Geld bezahlen müssen. So ist Das siamesische Dorf vor allem ein Abgesang auf die Fremde: Es gibt kein unentdecktes Land mehr, das von der Seele noch gefunden werden kann.

Doch nicht nur der Eingang zum fernöstlichen Paradies ist von kulturellen Klischees verstellt, auch der zur westlichen Welt wird von Vorurteilen verschlossen. Wie hier Europäer mit Asiaten umgehen und Asiaten mit Europäern ist ein Possenspiel, und possierlich ist, wie der eine im Blick des anderen zum Tier wird: "Ich habe den Eindruck, sie halten uns für eine Art nicht eben hübscher Nutztiere. Nicht sie dienen uns, das ist nämlich ein ganz mieser Trick, dass sie so tun - wir dienen ihnen. Wir sind große fette Tiere, die sie füttern und denen sie das Blut abzapfen." Und andersherum: "Ihre Frauen haben Stimmen wie Männer und riesige Brüste. Virikit muss lachen, wenn sie sie auf ihren Liegen am Strand sieht oder beim Muschelsuchen.

Da bücken sie sich mühsam, ihre großen Sackbusen schaukeln, und wenn sie eine Muschel finden, schreien sie wie dumme Kinder." Die von hüben sind so schlecht wie die von drüben, die Päderasten so böse wie die, die ihre Kinder an sie verkaufen, um zu Geld zu kommen. Im Heimatland der Reisenden ist Gott längst tot, in Fernost schlafen die Götter. Keiner, weder hier noch dort, der mit übernatürlicher Gewalt richtet, rechtet und schlichtet. Im Roman steht der blaue Elefant, der im Buddhismus ein Symbol für himmlische Erleuchtung ist, für eine asienweite Vereinigung organisierter Kriminalität. In seinem Zeichen wird gemogelt, gemordet und gekokelt.

Eva Demski überzeichnet ihre Figuren, um sie in jenen Strichen, die ihre Umrisse über- oder untertreiben, deutlich erkennbar werden zu lassen. Mit Ironie hält sich ihr Erzähler die Bösen vom Leibe und spöttisch verfolgt er, wie auch die scheinbar Guten ihre charakterlichen Bürden durch die Gegend schleppen.

Diese Autorin hat ein Händchen für Dialoge, dafür, die Schwächen ihrer Figuren bildreich zu verzieren und so als Wortbukett auszustellen, was als Seelenmüll lieber weggeschlossen werden will. Heiter folgt sie ihren sprachlichen Einfällen, die mitunter zu Ausfällen in der Handlung führen. Sinn wird zugunsten von Sinnlichkeit geopfert. In den Geschehnissen, die Demski dem Leser vorsetzt, ist wenig Kausalität. Sie ist eine geschickte Strippenzieherin, die ihre Figuren an den Strand und in den Dschungel dirigiert. Sie schleppt sie in Höhlen und steckt sie in heilige Seen, erweckt sie mit einem Fingerschnipsen und schläfert sie mit einem tiefen Blick wieder ein.

Ihre Charaktere folgen ihr und nicht der Logik der Handlung. Wie die Journalistin und der Fotograf versucht auch der Leser, sich auf Touristen und Einheimische einen Reim zu machen. Doch ist das dort vergeblich, wo niemand Herr über seine Entschlüsse ist. Am Ende gibt es keinerlei Gewissheit, und wer nichts weiß, kann nichts verstehen: "Es ist immer wieder spannend, neue Fäden in die Hand zu bekommen und zu schauen, was man ... alles aus ihnen zusammenspinnen kann." Geist bevölkert in der Form von Geistern den Roman. Was sich über viele Seiten zusammenzieht, ist ein Gewitter, das Regen, aber keine Klärung bringt.

Die Haltung, die Eva Demski dem Leser abverlangt, ist kein genussvolles Denken, sondern hingebungsvolles Anschauen. Ihre Stärke liegt im pittoresken Detail, nicht im Großen und Ganzen. Da wird eine Zahnreihe gefunden, die in keinen Mund mehr eingepasst werden wird, da wird von Ermordeten gesprochen, für die es keinen Mörder gegeben haben wird. Weil in den Tropen alles verdächtig ist, gibt es noch nicht einmal einen konkreten Verdacht. Wenn nichts ist, wie es scheint, sind Vorurteile ("Magie muss alt und dreckig sein, sonst hilft sie nichts") wichtiger als Urteile. In einer orientierungslosen Zeit wiegen sie den, der sie hat, in Sicherheit, auch wenn die falsch ist. Zwar führt die Autorin den Leser an der Nase seiner Vorurteile herum, doch wird er durch dieses Herumführen nur dumm und nicht irre daran. Von einer Kolportage erwartet der Leser Schießbudenfiguren und Schießbudenromantik, Wörter müssen treffen, und die Handlung muss ans Herz gehen. Vor dieser glitzernden Jahrmarktskulisse lässt Eva Demski die Puppen nicht nur tanzen, sondern wiegt sich selbst im Takt dazu. Ihr gelingen Sätze, die zu kostbar für dieses billige Ambiente sind.

Dem Leser haucht sie Töne in die Ohren, durch seine Finger rieselt Sand. Mit Spannung fesselt sie ihn, mit Sinnlichkeit verführt sie ihn. Tiefsinnig ist das nicht, doch weil Neugier schon manches Paradies versaut hat, ist am Ende des Romans dieser fernöstliche Garten Eden trotzdem verloren und steht auch ziemlich verlogen da. Wie wahr.

Eva Demski: "Das siamesische Dorf." Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, 382 Seiten, 19,80 Euro.

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