So könnte es gewesen sein

Vor 500 Jahren kam Cesare Borgia ums Leben: Uwe Neumahr hat sich in sein Leben eingefühlt - ein Biografie-Roman.

Von VOLKER REINHARDT

Streng genommen müsste vor dem Titel dieses Buches ein X stehen. Nicht für Röntgenstrahlen und noch weniger für Pornographie - Textvoyeure kommen hier, so wild es die Borgia auch getrieben haben mögen, nicht auf ihre Kosten. Das X steht für Hybridisierung: Wenn sich durch eine Laune der Natur aus zwei Arten der Gattung Ophrys eine mit ihren Merkmalen mitten zwischen den Eltern stehende neue Orchideenpflanze gebildet hat, dann setzt man vor das zweite Glied ihrer lateinischen Bezeichnung ein X. Es bedeutet pro hybrido und ist damit in der Regel unfruchtbar. Pro hybrido versteht sich auch die Besprechung dieses eigentümlichen Buches. Als nicht genormte Erscheinungsformen aus dem experimentellen Laboratorium der Natur sind Hybride schwer zu bestimmen. So regelmäßig derartige Kreuzungen auch zwischen dieselben Biotope besiedelnden und gleichzeitig blühenden Arten vorkommen mögen, das Resultat ist immer ein Unikat. Und sehr farbig. Wie dieses Buch.

In die Seele blicken

"Den Federkiel in der Hand, hielt Cesare plötzlich inne. Gedanken an seine toskanischen Jahre kamen in ihm auf." Wo solche Passagen herkommen, ist nicht schwer zu bestimmen. Der Autor lebt und webt in Kopf und Herz seines Helden. Er kennt dessen Innerstes, und zwar ganz. Mit großer Regelmäßigkeit graust, gelüstet, berührt, verletzt, ärgert oder verwundert etwas den Protagonisten, Cesare Borgia, den ältesten und wichtigsten Sohn Papst Alexanders VI. Borgia (1492 - 1503). In Anbetracht des ernüchternden Faktums, dass von Cesares Hand außer einigen Briefen, amtlichen Schriftstücken und ähnlichen Dokumenten keinerlei Selbstzeugnisse hinterlassen wurden, ist dieses In-die-Seele-Blicken natürlich Fiktion, Dichtung, Hinzufügung. History fiction überschwemmt heute bekanntlich alle Kanäle, vor allem den Zweiten, meistens mit (gut)menschelnder Tendenz, unter dem Plastik-Gütesiegel eines "Ich habe erlebt", das sich schnell als öde stereotypisierte Pseudo-Authentizität entpuppt.

Doch von der Machart "Hitlers Hunde" ist Uwe Neumahrs Cesare Borgia keineswegs. Serielle Fernseh-Formate wollen und sollen ja doch immer nur das längst Bekannte mit der üblichen Mischung aus Grausen und wollüstigem Kitzel bestätigen - dem anthropologischen Grundgesetz entsprechend, dass nichts mehr stört als das Neue, Unbekannte. Diese Biografie eines großen Unbekannten, der als "Mensch" mangels entsprechender Zeugnisse so gut wie ungreifbar ist, aber geht eher nach Art einfühlsamer Restauratoren vor.

Wenn von einer Statue nur bestimmte Gliedmaßen erhalten sind, lässt sich trefflich darüber spekulieren, wie sie ganz ausgesehen haben könnte. Will man sie vervollständigen, gilt es auszumessen: Winkel, Abstände, aber auch Textvorlagen, ähnliche Objekte etc. in Augenschein zu nehmen und zum Vergleich heranzuziehen. Genau so geht auch der "Ergänzer" Cesare Borgias vor. Immer dann, wenn sein Held ins Grübeln, Sinnen oder in Begehrlichkeiten gerät, sind die Umstände wohl erwogen und die Handlungsszenerien so getreu wie möglich arrangiert. Ja, man könnte fast immer die Nahtstelle markieren, an der sich die nüchtern einfühlsame Phantasie des Autors verselbstständigt, abhebt zu spekulativen Gedankenflügen, die doch immer im Bereich des Denkbaren und nicht selten des Plausiblen bleiben. Mit anderen Worten: Dieser Pegasus trägt solide Hufeisen.

Von allem das Beste

So hat der Cesare Borgia, der da hinter der erschreckend harten Sprache der Fakten - Skandale, Eroberungen, befohlene Mordtaten - als planendes, sehnendes und strategisch entscheidendes Individuum hervortritt, bei aller Virtualität dieses "Anstückungsmaterials" durchaus nicht wenig für sich: So könnte es gewesen sein. Aber natürlich auch anders.

Darf man das eigentlich? Auf diese Frage der Zunft kann sie selbst nur ein harsches "nein" folgen lassen. "Zitierfähig" ist dieses Buch gewiss nicht. Schon das Handwerkliche spricht dagegen. Dass es überwiegend aus der Verarbeitung von Sekundärliteratur "gemacht" ist, ergo nicht primär auf einer eigenständigen Bestandsaufnahme der Quellen beruht, wird nicht einmal zu verhüllen für nötig befunden. Anmerkungen haben denn auch nur den Zweck aufzuzeigen, auf welche fremden Gedankengänge man sich stützt. Und das sind gewiss nicht wenige. Allerdings sind sie sehr sorgsam und auf eine sehr individuelle Weise auch wiederum eigenständig. Entnommen nämlich wird dem sehr durchmischten Angebot der Literatur durchweg nur das Beste. Und aussortiert wird mit bemerkenswert klarem common sense; mit anderen Worten: In diesem so "unwissenschaftlichen" Text ist die Quellenkritik durchweg unanfechtbar.

Legende, Mythos, Plausibilität, Realität in allen Abstufungsgraden werden in der Regel sauber geschieden, was angesichts der Verwirrungsverhältnisse keine kleine wissenschaftliche Leistung darstellt. Gewiss, über das Gesamtbild lässt sich streiten. Ich würde Cesare maßstabsverkleinerter, überwiegend zum nachgeordneten Ausführer päpstlicher Strategien und Befehle reduziert sehen. Die klägliche Schrumpfung nach dessen Tod, die Machiavelli so anwidert, erklärt sich auf diese Weise am einfachsten. Und überhaupt, Machiavelli! Seine "Berichte" über Cesare sind Neumahrs Biografie verwandter, als diesem bewusst ist. Denn auch der Florentiner Politikketzer kreiert sich "seinen" Cesare: als Prototyp des perfekten Staatsmanns, bis fast zum Schluss. Bis dieser durch einen einzigen Fehler, nämlich den guten Worten Julius' II., seines Todfeindes, Glauben zu schenken, alles zunichte macht und als untaugliches Modell verworfen wird.

Cesares Ohnmacht

Doch um solche Einschätzungen geht es nicht primär. Eine Herausforderung ist dieser Biografie-Roman durch seine Grenzüberschreitungen. Der Text wird beredt, wo die strenge Wissenschaft zu schweigen hätte - allerdings zu ihrem Nachteil selten genug schweigt. Da nämlich, wo es um Innenleben, Individualität, Befindlichkeit geht. Was Geschichte als rigorose Wissenschaft des Faktischen hier einigermaßen sicher festzustellen vermag, sind Inszenierungen, Imagebildungen, Bilder, die andere sehen sollen. An das "Menschliche" rührt sie nie. Doch was wird nicht gerade in der sich als seriös verstehenden Forschung darüber an Worten verloren! Dann schon lieber die frei ausgreifende Spekulation der Hybridisierung! Neumahrs Cesare, soeben bei der halsbrecherischen Flucht aus dem spanischen Festungsturm abgestürzt und in Ohnmacht gefallen, ist wenigstens spannend. Er wird so ein Publikum erreichen, das der Zunft längst abhanden gekommen ist.

Auffassungen von Wissenschaftlichkeit sind stets im Fluss. Wenn diese Art der History fiction der Preis dafür ist, gelesen zu werden, ist es zumindest der Erwägung wert, ihn mit klarem Blick auf Kosten und Ertrag zu zahlen - dann, wenn es gilt, Erträge der Forschung für breitere Interessentenschichten so aufzubereiten, dass sie deren geheimen Sehnsüchten entgegenkommen. Vielleicht ist das nicht nur die Vermittlungsform der Zukunft. Manche Ophrys-Hybriden tragen jedenfalls kein X mehr im Namen. Sie haben sich als neue Arten stabilisiert. Und zeugen als solche munter fort.

Uwe Neumahr: Cesare Borgia. Der Fürstund die italienische Renaissance. Piper Verlag. München 2007, 356 Seiten, 19,90 Euro.

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