Des Königs neue Kleider

Anregend: Philip Manow nimmt "Die politische Anatomie demokratischer Repräsentation" ins Visier

Von CHRISTINE PRIES

Im Vergleich zum monarchischen Pomp von Mittelalter und früher Neuzeit gilt die moderne Demokratie gemeinhin als ziemlich nüchterne Angelegenheit. Dass mit der Enthauptung des Königs in der Französischen Revolution aber nicht alle vormodernen Traditionsbestände erledigt worden sind, sondern weithin unbemerkt noch in den Parlamentarismus heutiger Verfassungsstaaten hineinregieren - diesen Beweis zu führen ist der Konstanzer Politikwissenschaftler Philip Manow mit seinem Buch "Im Schatten des Königs" angetreten.

Selbst wenn man nicht alle Schlussfolgerungen des Autors teilen mag, ist ein anregendes Buch dabei herausgekommen, das einen Großteil seiner Originalität aus seiner aparten Ausgangsfrage bezieht: Warum, fragt Manow in den beiden Kapiteln, die das Kernstück seines Buches bilden, sind die Sitzordnungen in den Parlamenten der modernen Demokratien so unterschiedlich?

Sitzordnungen regieren

In den beiden Grundmodellen des rechteckigen britischen Face-to-Face Modells, wie es von einem Großteil der Commonwealth-Staaten und früheren Kolonien übernommen wurde, und des (modifizierten) französischen Halbrunds, das sich in den meisten späten Demokratien (Deutschland, Österreich, Japan, aber auch in den USA) findet, sieht Manow weder Zufall noch Funktionalität am Werk, sondern Relikte der vormodernen Ordnung, die - je nach Zeithorizont - die Geschäfte des Deliberativismus bestimmen. Dabei gibt Manow Ernst Kantorowicz' These von den zwei Körpern des Königs eine eigenwillige Wendung:

Im britischen Parlament manifestiert sich schon früh die Vorstellung, Teil des politischen Körpers des Königs zu sein. Deshalb war es gar nicht nötig, dessen natürlichen Körper in Gestalt des realen Monarchen abzuschaffen. Das hat Folgen: Fragen der Immunität, Publizität, Proportionalität und Diskontinuität bleiben sozusagen vordemokratisch stärker auf den König rückbezogen, es wird ganz anders verfahren als in den jüngeren Demokratien, deren Parlamente sich nicht als ständisch inspiriertes "Adjunkt" des Königs, sondern als Vertreter des ganzen Volkes verstehen.

Dass die Französische Revolution mit dem Tode Ludwig XVI. sehr viel radikalere Fakten schuf als die Briten, weiß alle Welt. Dass sich das Problem der vollständigen Kappung monarchischer Inszenatorik bis in die Sitzordnung des Parlaments niederschlug, ist die eigentliche Entdeckung Manows. Seiner Interpretation nach geht das französische Halbrund nicht so eindeutig auf den griechischen Einfluss zurück, wie gemeinhin angenommen wird, sondern ist ritualisierter Ausdruck einer komplexen Neuerfindung beider Körper des Königs, dessen Insignien auf das Volk und daher auf das es direkt repräsentierende Parlament übergingen. Nur die Kreisform mit seinem verschiedenen Organen konnte die Einheit des Volkes darstellen, die zuvor vom König garantiert worden war. "Der verdrängte Königskörper kehrt in den Praktiken der Demokratie wieder."

Von hier aus führt der Weg Manow direkt in die Gegenwart: zu Monica Lewinskys Kleid und Silvio Berlusconis Haartransplantation - oder zu Nicolas Sarkozys Absätzen, wie sich ergänzen ließe. Die Anleihen beim vormodernen corpus politicus, wie sie Manows kleine Kulturgeschichte des Politischen herausarbeitet, scheinen heute wieder größer zu werden - so groß, dass sie womöglich auch mehr Eingang in die abstrakt gehaltenen modernen Demokratietheorien finden sollten.

Philip Manow: Im Schatten des Königs. Die politische Anatomie demokratischer Repräsentation. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008, 176 Seiten, 10 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion