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All die Bücher, es kann einem rasch über den Kopf wachsen. 

Roman

Knud Romer „Die Kartographie der Hölle“: Die Lust am Niedergang

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Ein neuer, schillernd deprimierender, autobiografischer Roman von Knud Romer.

Knud Romer setzt in einem zweiten Roman „Die Kartographie der Hölle“ seine Lebenserzählung fort, die er 2007 mit „Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod“ begonnen hat. Der 1970 geborene Autor ist wie sein Protagonist als Sprössling einer deutsch-dänischen Familie auf der Insel Falster aufgewachsen. Dort, wo die Nächte so dunkel sind, „als hätte man dir die Augen ausgestochen“.

Im Grunde ist Romers Schreiben ein Heraustasten aus dieser Dunkelheit und ein Sehnen nach ihr. Der Einzelgänger studiert Literaturwissenschaft, erkennt bald, dass es sich um ein Missverständnis handelt, wollte er doch mit kunstreligiöser Hingabe in Dichtung hineintauchen, anstatt sie zu reflektieren und in tote Begrifflichkeiten einzusargen.

Statt das Studium zu schmeißen, quält er sich damit herum, setzt sich unter Druck mit unerfüllbarem Ansprüchen an sich selbst, die sich aus einer schwindelerregenden Arroganz gegenüber anderen speist. Er reißt jede Deadline und versagt bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Alkohol und Drogen füllen und höhlen die Leere immer aufs Neue aus. Das politische Studentenleben nimmt er nur aus den Augenwinkeln eines Snobs wahr.

Es ist ein Trauerspiel mit verkorksten Sozialkontakten, Schulden, Verwahrlosung und mit einer Selbsterniedrigung, die fast zu so etwas wie einem sarkastischen Running Gag wird, wenn er wieder den Vater um die Begleichung der Schulden bitten muss oder dann sogar bei den Eltern einzieht, um sich in seinem Jugendzimmer mit seiner unendlichen Abschlussarbeit zu foltern. Sein eigentliches Daseinsziel ist auf ein Erscheinen im Insel Verlag fixiert, dort also, wo Romer nun tatsächlich veröffentlicht wird.

Knud Romer: Die Kartographie der Hölle. Roman. Insel Verlag, Berlin 2020. 555 Seiten, 25 Euro.

Die sprachliche Originalität und fast schon zynische Formulierungsfreude, mit der Romer seinen Niedergang bezeugt, bereiten so manche kleine Freude, würden gegen eine Ermattung beim Lesen von mehr als 500 Seiten aber nicht ankommen. Die eingestreuten Exkurse über bizarre Themen der Literaturgeschichte tragen eher zu weiterer Ungeduld bei, auch wenn sie für sich genommen durchaus interessant sind: zum Beispiel der über den Schimpfwortkundler Dr. Reinhold Aman, der in seinem Forschungsgegenstand so aufgegangen ist, dass er den Staatsanwalt noch aus dem Knast als „Heinrich Himmlers Hurenkind“ oder „strafgeiles Gestapo-Schwein“ tituliert.

Gefangen in den quälenden Routinen seines freudlosen Alltags tut der Erzähler, was ein Student der Literaturwissenschaften tut: Er geht in die Bibliothek, kommt von der verzweifelten Introspektion über das Stichwort Zwangshandlung zu „Der Tic, sein Wesen und seine Behandlung“ von Henry Meige und Eugene Feindel. Für ihn ist das Lehrbuch über das Tourette-Syndrom eine Entdeckung: „Ich hatte ein unbekanntes Meisterwerk gefunden! In einem neuen Genre, genau so war es! Ich wollte die Literaturgeschichte der Spasmen schreiben, mit den unfreiwilligen und mechanischen Handlungen als Motiv. Wenn eine Magisterprüfung über Tics keine Goldmedaille wert war und Aufsehen erregte, wüsste ich auch nicht weiter.“

Als Gegenstand eines verlotternden, depressiven Dauerstudenten mit ungezügelter Geltungssucht geht aber sogar solchen Themen schnell die Luft aus. Drucken will diese Aufsätze in dem Buch niemand.

Literarisch interessant wird der Text vor allem dadurch, dass sich der Erzähler in seiner Einsamkeit einen Freund erfindet. M. ist Sohn einer Russin und eines CIA-Agenten. Er kommt schon als Kind in Wirklichkeit und Zeitgeschichte herum, gelangt früh zu Reife, bleibt aber bei allem die fiktionale Ausgeburt eines weltabgewandten Narzissten. Dieser Erzählstrang ist ein Roman im eigentlichen Sinn, mit Identifikationsangeboten, überraschenden Wendungen und Spielorten, Reflexionen auf das Zustandekommen von Sinn und seine Auflösung. M. ist in dem Buch die Figur, der man mit größerer Zuneigung und vor allem mit größerem Interesse folgt als dem, der sie sich ausgedacht hat, um nicht allein zu sein. Wobei sich die Interaktion mit dem selbst gebauten Freund auf ein, zwei Besuche und Briefschach begrenzt.

Vielleicht ist es M. zu verdanken, dass der Erzähler, als ihm der Zufall einen Job in der Werbebranche vermittelt, nicht gleich die Flucht ergreift. Er ist so wacker, dass er sein Talent für aufmerksamkeitsheischende Kampagnen entdeckt und – weiter seinem Selbsthass frönend – ausbeuten kann. Die Übersichtlichkeit der dänischen Kreativszene will es so, dass ausgerechnet der berühmte Dogma-Filmemacher Lars von Trier anruft und Romer für seinen Film „Idioten“ castet.

Es folgen soziale Verwirrungen, Drogen, Machtrausch und der schale Glamour von Cannes. Da muss dann der Leser auch noch durch.

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