Niedere Familieninstinkte

Die Knete von Oma

Tanguy Viel beobachtet in seinem Roman „Paris – Brest“ niedere Familieninstinkte - und betreibt ein Spiel mit Versatzstücken.

Von Thomas Laux

"Paris–Brest“ des 37-jährigen Tanguy Viel ist einer der kuriosesten Familienromane der letzten Zeit, im Grunde ein genuiner Antifamilienroman. Man denkt unwillkürlich an Flaubert, dem einst der berühmte – und von Sartre gerne zitierte – Satz „Familles, je vous haïs!“ („Familien, ich hasse euch“) entfuhr. Und auch hier wirkt die Ausgangslage gleich ziemlich angespannt.

Louis, der Erzähler, hat es nicht leicht. Die Eltern lassen ihm, der noch nicht volljährig ist, eines Tages nur die doppelt unattraktive Entscheidung, entweder bei der Großmutter in Brest zu bleiben oder sie ins (von ihm gehasste) Languedoc zu begleiten, wo die Mutter einen Postkartenladen in strategisch beziehungsweise touristisch schlechter Lage unterhält. Doch dieses Angebot kommt für ihn schon gar nicht in Frage: Louis bleibt bei der Großmutter, eine Etage tiefer im Haus.

Als die alte Dame den 88-jährigen Albert kennenlernt und der wiederum ihr bei seinem Tod die erkleckliche Summe von 18 Millionen Francs hinterlässt, wachsen allüberall die Fantasien und Begehrlichkeiten – zumal Louis’ Vater in seiner Funktion als Vizepräsident aus der Kasse des örtlichen Fußballclubs mehrere Millionen entnommen hat und verklagt worden ist.

Lust am Kriminalistischen

Das sind die Grundstränge, aus denen Taguy Viel eine hintersinnige Geschichte spinnt. Bereits in seinen Romanen zuvor (insbesondere in „Das absolut perfekte Verbrechen“) hatte der bretonische Romancier sein kriminalistisches Gespür unter Beweis gestellt, wobei er dem Ganzen immerzu auch eine ironische Note mitgab. So auch hier.

Gerne betreibt er ein Spiel mit Versatzstücken, zielt auf das Überschreiten von Genregrenzen, überspannt den Bogen bisweilen ins B-Moviehafte. Im vorliegenden Falle befinden wir uns in den Niederungen einer auf pure Vorteilsnahme konzentrierten Sippe. Das innerfamiliär unterdrückte Misstrauen bricht sich plötzlich Bahn, es gibt sogar Handgreiflichkeiten, bis die Ambulanz kommt. Es ist Louis’ Kumpel Kermeur, der an einer Stelle die entscheidende, alles beschleunigende Frage aufwirft: Was will die Alte eigentlich mit der ganzen Knete? Und so brechen die beiden Freunde kurzerhand in ihre Wohnung ein, um eine Stange Geld mitgehen zu lassen. Die Komplikationen nehmen damit freilich nur ihren Anfang.

Zur Aufweichung des klassischen Familienkonzepts gehört hier, dass der Roman mit einem schönen Kunstgriff aufwartet, dem Spiegel-im-Spiegel-Topos beziehungsweise der im Fachjargon so bezeichneten „mise en abyme“. Denn Louis, mittlerweile in Paris wohnend, lässt die vorgetragene Geschichte gleichzeitig in einen von ihm verfassten, 175 Seiten starken Familienroman münden. Die Hoffnung der Großmutter bei Bekanntwerden des Projekts („Ich hoffe, du redest gut von uns“) demonstriert das Ausmaß kompletter Ahnungslosigkeit; und es ist die Mutter, die das Manuskript verbrennen will, um Schlimmeres zu vermeiden, selbstredend weiß sie nichts von Dateienspeicherung und Kopiermöglichkeiten…

Tanguy Viel ist ein Schelm, den Prinzipien des traditionellen Familienromans hat er hier einen ordentlichen Tritt verpasst. Aber das nur zur Freude des Lesers.

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