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Die Autorin Gertrud Höhler macht das Objekt ihrer Wut nicht zum Gegenstand einer Analyse.
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Die Autorin Gertrud Höhler macht das Objekt ihrer Wut nicht zum Gegenstand einer Analyse.

Höhler-Buch

Knapp vorbei ist auch daneben

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Gertrud Höhler hat die Chance verspielt, mit ihrem Buch „Die Patin“ glaubwürdig aufzuklären und aufzurütteln. Die Autorin macht das Objekt ihrer Wut nicht zum Gegenstand ihrer Analyse.

Im Jargon der politischen Publizistik gibt es einen Spruch, der häufig auf innerparteiliche Konflikte angewendet wird: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde. Gertrud Höhler (CDU) hat uns mit ihrem Buch über Angela Merkel (CDU) gezeigt, dass das Diktum auch umgekehrt gilt: Wer solche Feinde hat, braucht keine Freunde.

Höhlers 270 Seiten versuchen in unendlichen Wiederholungsschleifen, die regierende „Patin“ und ihr Machtsystem zu entlarven. Doch je wütender, je fundamentaler die Angriffe werden, desto weiter zielen sie am Anspruch des Buches vorbei, die Gefährlichkeit dieses Systems zu ergründen und zu erklären. Nie war es leichter für die Vasallinnen und Vasallen, ihre Kanzlerin zu verteidigen. Wer die soapreif dargestellte Empörung einer Ursula von der Leyen bei Günther Jauch gesehen hat, weiß, was gemeint ist.

Das ist um so bedauerlicher, als Gertrud Höhler, werblich verstärkt durch den historisch nicht belegten Titel einer ehemals Kohl’schen „Kanzlerberaterin“, die Risikopunkte im System Merkel durchaus erkennt. Ausgehend vom nicht ganz neuen Vorwurf reiner Machtgetriebenheit – „Merkels Machtwille wird nicht gebremst durch irgendein Credo... Merkels Machtwille IST ihr Credo“ – entwickelt Höhler eine weithin nachvollziehbare Kritik am Merkel’schen Verfahren.

Dass die CDU-Vorsitzende mit werte-orientierten Debatten nichts anfangen kann; dass sie den Wettbewerb der Ideen durch Beutezüge bei den Inhalten anderer Parteien einebnet, ohne die „eroberten“ Inhalte auch konsequent umzusetzen (siehe Energiewende, siehe Mindestlohn); dass sie die europäische Krise nutzt, um Verträge und parlamentarische Rechte zu eigenen Gunsten zu schmälern, ihre eigene Macht also zu entdemokratisieren – all das ist nicht neu, hätte es aber durchaus verdient, von einer Autorin mit Bestseller-Potenzial noch einmal wirksam durchdekliniert zu werden.

Aber Gertrud Höhler hat die Chance, glaubwürdig aufzuklären und aufzurütteln, kläglich verspielt. Nicht unbedingt der Wiederholungen wegen, obwohl sie dazu führen, dass man sich gelegentlich fühlt wie im Gehirnwaschgang. Auch nicht wegen des radikal wirtschaftsliberalen Weltbildes, das in allen ihren Beobachtungen mitschwingt. Auch aus dieser Perspektive ließen sich Erkenntnisse gewinnen, die den Phantomschmerz des reaktionären CDU-Flügels über den Verlust ideologischer Leitplanken an Originalität überträfen.

Ein Trivialroman

Nein, verspielt hat dieses Buch seine Chance, weil Gertrud Höhler das Objekt ihrer Wut nicht zum Gegenstand einer Analyse macht, sondern zur Schurkin eines Trivialromans stilisiert. Sie löst das Problem des Merkel’schen Machtgebrauchs aus jedem Zusammenhang, abgesehen von der Biografie der Protagonistin. Sie personalisiert und wird dabei so persönlich, dass auch der schärfste Merkel-Kritiker Einspruch einlegen müsste. Schon deshalb, weil das politische Problem hinter der Person zu verschwinden droht.

Immer wieder zieht Gertrud Höhler eine allzu gerade Linie von der Diktatur-Erfahrung der heutigen Kanzlerin in der DDR zu ihrem Verhalten heute. Zum Beispiel immer dann, wenn es um Merkels wortkargen Umgang mit eigenen Zielen geht: „Das Schweigen der Kanzlerin ist eine der unvergesslichen Lektionen aus ihrer ersten Lehrzeit, jener in der Diktatur, wo Sich-unkenntlich-Machen, schwer lesbar sein, am besten ein unbeschriebenes Blatt, die beste Strategie war.“

Natürlich ist es nicht von vornherein illegitim, persönliche, biografische Erfahrungen in die politische Bewertung einzubeziehen. Aber Gertrud Höhler tut nichts als das. Sie scheut nicht einmal die kaum verhohlene Unterstellung, dass die heutige Kanzlerin sich vom SED-Regime nicht unterscheide: „In der DDR hat sie studiert, dass die Selbstinszenierung der Macht jede Qualifikation überdeckt und ersetzt.“ Oder: „Sie hat den Erfolg von angemaßter Autorität gesehen...“.

So geht verloren, was der Sinn einer Merkel-Exegese wäre: mit und in der Kanzlerin die Verhältnisse zu sehen, die ihre ins Autoritäre driftende Regentschaft erst ermöglichen. Und zwar nicht (nur) die persönlich-biografischen Verhältnisse, so interessant es wäre, den Einfluss einer Sozialisation jenseits demokratischer Debatten zu studieren. Vor allem ginge es um die politischen Verhältnisse, die Angela Merkel und andere Demokraten mit beschränkter Haltung begünstigen.

Dass es zu kurz gegriffen ist, hier nur in der DDR-Geschichte zu suchen, liegt auf der Hand – Silvio Berlusconi stammt bekanntlich nicht von dort. Aller Mühen wert wäre es vielmehr, einen genauen Blick auf die postideologische Beliebigkeit des Politikbetriebs zu werfen, für die wahrlich nicht nur Angela Merkel steht.

Im Gegenteil: Vielleicht ist es, um noch einmal beim Biografischen zu bleiben, bei niemandem verständlicher als bei ehemaligen DDR-Bürgern, wenn sie ans „Ende der Ideologien“ glaubten. Sie waren es, die die Rechts-Links-Diskussionen, die Debatten um das Verhältnis zwischen Freiheit und Gerechtigkeit, die internationalen Konflikte immer wieder nur in Form normierter Dogmen serviert bekamen. Ihnen ist, so skrupellos Merkel im Speziellen auch agiert, ein Überdruss an Grundsatz- und Wertedebatten am wenigsten zu verübeln.

Ideologie des Pragmatismus

Die wahren Apologeten der angeblichen „Entideologisierung“, die in Wahrheit Entpolitisierung ist, sitzen schon immer im Westen. Merkels Rechtfertigung, zu ihrem Tun gebe es „keine Alternative“, hat sie nicht selbst erfunden, da waren Margaret Thatcher („There is no alternative“, kurz „Tina“) und Gerhard Schröder schneller.

Die Einebnung von Unterschieden in den politischen Entwürfen konkurrierender Parteien; die zumindest vorübergehende Kapitulation der deutschen und europäischen Sozialdemokratie vor den vom Marktliberalismus diktierten „Zwängen“; die Verengung des politischen Spektrums auf den ideen- und erneuerungsfeindlichen Raum der „Mitte“ – all das hat auch, aber weder ausschließlich noch vorrangig mit der Befindlichkeit realsozialistisch sozialisierter Osteuropäer zu tun.

Was nicht nur Gertrud Höhler gern vergisst: Es waren ihre eigenen, konservativ-wirtschaftsliberalen Gesinnungsgenossen, die im Fall der Mauer die Chance zur Überwindung des sozial gebändigten, „rheinischen“ Kapitalismus sahen. Das Ende des „ideologischen Zeitalters“ riefen jene aus, die jetzt den ungestörten Siegeszug des Marktes witterten. Und es gehörte nicht zu ihren dümmsten Ideen, die Suche nach Alternativen mit Verweis auf den autoritären „Sozialismus“ unter Ideologieverdacht zu stellen. Was ja, mit williger Hilfe auch vieler Medien, leider ganz gut gelang.

Zumindest bis zur Banken- und Eurokrise schien es, als sei der nur scheinbar „unideologischen“ Ideologie des wirtschaftskonformen Pragmatismus die Herrschaft im öffentlichen Diskurs kaum noch zu nehmen. Und – was für ein Glücksfall – da war eine deutsche Kanzlerin, die die Verderbtheit des „Anderen“ aus eigener Erfahrung bezeugen konnte! Wenn sie die Widerstandskraft ihrer an Alternativkonzepten ohnehin armen Gegner durch ein wenig Mindestlohn zusätzlich schwächte – war das wirklich so schlimm?

Angela Merkel ist ein Geschöpf der jüngsten Geschichte, natürlich. Man sollte ihr gerade deshalb zugestehen, dass sie die Freiheit des Westens ehrlich genießt und schätzt. Dass sie diese Freiheit, dass sie die demokratische Substanz dennoch zu gefährden droht, entspricht den Tatsachen. Aber die gerade Linie vom SED-Staat zur heutigen Kanzlerin, die Gertrud Höhler zieht, erklärt davon so gut wie nichts. Dass Höhler den ideologischen Siegeszug der Marktherrschaft ignoriert, entspringt ihrer eigenen Ideologie.

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