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Am klingenden Fließband

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Von: Stefan Michalzik

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1935 in einem französischen Aufnahmestudio.
1935 in einem französischen Aufnahmestudio. © afp

Ein konzentrierter wie materialreicher Band über die Geschichte der produzierten Musik: "Pop 16 - 100 Jahre produzierte Musik".

Als Priminstrument der Klezmermusik ist heute weithin die Klarinette gebräuchlich. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts indes hat meist das Tsimbel die zentrale Rolle im Klezmerensemble gespielt. Mit der frühen Aufnahmetechnik von Trichter, Schalldose, Nadel und Walze hat sich dieses sanft tönende Hackbrett nicht durchschlagend genug abbilden lassen. Deswegen ist es durch die schallkräftigere Klarinette ersetzt worden. Ein Beispiel für eine fundamentale Modifizierung von Musik unter den Bedingungen ihrer technischen Reproduzierbarkeit.

Es ist immer die verfügbare Technologie gewesen, die die Musik bestimmt, indem sie ihr den Rahmen vorgibt – Beispiel Drei-Minuten-Popsong. Derart lautet eine der zentralen Befunde in dem Band „Pop 16 – 100 Jahre produzierte Musik“, den die Publizisten Detlef Diederichsen und Florian Sievers herausgegeben haben. 100 Jahre? Tatsächlich lässt sich von produzierter Musik praktisch vom Aufkommen der Tonaufzeichnungstechnologie mit der Entwicklung des Phonographen durch Thomas Alva Edison, spätestens aber der Erfindung vom Grammophon und Schallplatte durch Emil Berliner zehn Jahre später an sprechen. Die runde Zahl erklärt sich also mitnichten aus einem faktischen Jubiläum, sie geht zurück auf den Zusammenhang des Projekts „100 Jahre Gegenwart“ am Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Ob ihrer Reproduzierbarkeit war die Musik warenförmig und damit zur Grundlage eines Big Business wie niemals zuvor in der Musikgeschichte geworden. Auf eine bis dato ungekannte Weise, so Detlef Diederichsen, hatte mit den neuen Technologien der Kapitalismus Einzug in die Musik gehalten. Für professionelle Musiker, zuvor in erster Linie auf den Typus des reisenden Virtuosen beschränkt, erschloss sich die Möglichkeit einer solideren ökonomischen Basis. In der New Yorker Tin Pan Alley saßen Komponisten, Texter und Arrangeure Tür an Tür, analog zur gleichzeitig aufkommenden Automobilindustrie entwickelte sich eine Fließbandproduktion.

Zugleich ist die Musik mit ihrer Konservierbarkeit in einer Art wie niemals zuvor zu einem globalen Phänomen geworden. Folgerichtig erscheint daher das Ansinnen eines Überblicks über die frühe Musikproduktion in anderen Erdteilen, dem mehr als die Hälfte des in die Abschnitte „Geist – Technik – Welt“ gegliederten Bandes gilt. Beiträge wie jener über Chinas frühe Jazzmoderne lassen viel über die Musik und die kolonial geprägte Dominanz westlicher Plattenfirmen wissen. Bedauerlich wenig indes erfährt man über Details der Produktionstätigkeit.

In einem ansonsten aufschlussreichen Essay geißelt der afroamerikanische Rootsmusiker Dom Flemons die bis heute prägende Erfindung einer Trennung in „schwarze“ und „weiße“ Musik im Zeichen des Marketings, obschon die Behauptung einer „Black Music“ durchaus auch die Manifestation eines schwarzen kulturellen Selbstbewusstseins zu behaupten vermag.

Naturgemäß vermag der handliche 173-Seiten-Band sein Thema nicht allumfassend abzuhandeln. Eine Geschichte der produzierten Musik ließe sich natürlich auch anhand eines anderen Strangs erzählen. Wer Eingehendes über den prägenden Einfluss von Produzentenlegenden von Sam Phillips über Phil Spector und Lee Perry bis Steve Albini und Rick Rubin erfahren möchte, wird zu anderen Büchern greifen müssen. Das freilich stellt keinen Mangel dar. Ungeachtet einiger Einwendungen lässt sich dieser konzentriert-materialreiche Band mit reichlich Gewinn lesen.

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