Kleines Operl

H. C. Artmanns nachgelassenes Libretto "der herr norrrdwind"

Von SVEN HANUSCHEK

Als H. C. Artmann im Jahr 2000 starb, wenige Jahre nachdem er den Büchner-Preis doch noch bekommen hatte, hinterließ er das abgeschlossene Libretto der herr norrrdwind. Eine Auftragsarbeit, ein "kleines operl", eine Märchenoper (für den Residenz Verlag angemessen ruppig von Herbert Brandl illustriert). Die Uraufführung soll dieses Jahr im Zürcher Opernhaus stattfinden, unter der Leitung des Komponisten Heinz Karl Gruber, der sich analog zum H. C. auch nur noch HK Gruber nennt. Es ist die zweite große Gemeinschaftsarbeit der beiden nach Frankenstein!!, einem "Pandämonium" für Bariton und Orchester aus den siebziger Jahren. Spielt das frühere Werk mit Horrorfiguren in lustvoller Schein-Simplizität, erzählt das vorliegende Werk ein Märchen im eleganten Artmann-Ton, mit grobianischen Brüchen, die dem Werk einen Reiz verleihen.

Der arme Bauersmann Geppone, seine Frau Anna und seine Kinder wohnen auf dem Grundstück eines geistlichen Herrn und leiden unter "der strengen faust des herrn norrrdwind", der alljährlich die Ernte vernichtet. Geppone bettelt beim eisigen Norrrdwind und dessen sonnenumglänzter, sanfter Frau Holla um Barmherzigkeit; er bekommt ein silbernes Kästchen-Deck-Dich und die mehrfache Warnung, man dürfe es nur benutzen, wenn man wirklich Hunger habe. Der Ortsgeistliche nimmt Geppones Frau das Kästchen ab, im kommenden Winter gibt es die märchenübliche Wiederholung: Die Familie ist wieder am Verhungern, die freundlichen Elementargeister stiften nun ein goldenes Kästchen. Diesmal konfisziert der Prior höchstselbst das Hexenwerk. Im Finale wollen die Schwarzröcke ihren Bischof aus den Kästchen bewirten. Nachdem die Kleriker aber sprichwörtlich vollgefressen sind, entsteigen den Kästchen keine Speisen, sondern vier Rugbyspieler; sie verprügeln die illustre Gesellschaft mit ihren Keulen, nur einen dürren verhungerten Kaplan lassen sie in Frieden. "die amerikanischen nationalsportler kennen keine gnade. gekreisch, wehgeschrei erfüllen den saal, die von den vier rabiaten assen verursacht werden." Geppone kann die Kästchen wieder einstecken, eines wird er Norrrdwind zurückgeben für Arme, die es nötiger haben.

Artmann hat ein Operl mit fast kindlicher Wunscherfüllung geschrieben, übermütig mit Märchenmotiven und Geschlechterrollen spielend, voll derber, geradezu kasperltheaterhaft klassenkämpferischer Klerikerschmähungen. Er übersetzt die drei großen K neu, in Kichernde Kirchen Kritik: "ihr prasst in euren klostern,/ freßt jeden tag wie ostern,/ ihr kennt nichts als schlampampen / für euren fetten wampen,/ ihr schlaft in seidnen betten,/ derweilen wir uns fretten". Die Elementargeister, die sich in den letzten Dingen auskennen, werden zwischendurch einmal grundsätzlich und klären Geppone auf: "ist dir noch nicht bewußt,/ daß schwarzröck/ mit viel list und lust/ leichtgläubige seelen/ mit aberglauben quälen/ und sie dann/ frech bestehlen."

Wenn er Stücke schreibe, meinte Artmann, sei das nur eine andere Form, ein Gedicht zu schreiben - erweiterte Gedichte. Seine Virtuosität im Übersetzen aus Sprachen, die er spricht oder auch nicht, die er manchmal auch erfunden hat, zeigt sich hier ein letztes Mal; Artmanns Dompfaffen sprechen zur Bauernblendung so schöne lateinische Sätze wie "lirum larum dominarum" oder "creutz tibi dominee".

Und die Elementargeister, Norrrdwind und auch seine nur scheinbar sanfte Holde, können zwar Deutsch, sie sprechen aber lieber eine Sprache wie aus alten eisländischen Mythen. Man muss sie laut sprechen oder eben singen, um die Eiszapfen hängen zu sehen, um das Getöse des Orkans, den eisigen Frost zu hören: "scalka ec fra thott fülki / falli sialf til vallar / geng sem guth vill ungom / grams erfingiom kverfa / skinna sol asünni / sniallrath en tha batha".

H. C. Artmann: "der herr norrrdwind. ein opernlibretto." Mit Zeichnungen von Herbert Brandl. Residenz Verlag, St. Pölten, Wien, Salzburg 2005, 95 Seiten, 14,90 Euro.

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