Nur ein kleiner Kratzer

Jean-Philippe Toussaints Roman "Das Badezimmer" liegt endlich wieder vor, in neuer Übersetzung

Von ULRICH RÜDENAUER

In der klassischen Moderne wimmelt es von verstörten und verstörenden Figuren. Die Welt wird diesen Helden, die in den Büchern von Kafka oder Beckett durchs Leben taumeln, ein enigmatischer Raum, in dem es zwar entzifferbare Zeichen zu geben scheint, in dem die Deutungsmöglichkeiten aber mehr und mehr abhanden kommen. Und vielleicht auch die Wahrheit. Ihr irrationales Tun ist Reaktion auf vorgetäuschte Rationalität, ihre Subtilität und Zerbrechlichkeit Resultat einer das Individuum zugleich herausfordernden wie auch pathologisierenden Gesellschaft. Ihr Leben beschreibt eine Bewegung im allgemeinen Stillstand. Die Todesnähe und -sehnsucht ist ihnen ein vertrauter Erfahrungsraum, in dem man sich flüchtig und ein wenig panisch oder ganz stumm verborgen bewegt.

Der Ich-Erzähler in Jean-Philippe Toussaints Roman Das Badezimmerscheint sich diesen Phänomenen forcierter Seinsverlorenheit bewusst zu sein, begegnet diesen aber quasi mit Gleichgültigkeit und Galgenhumor. Er beschließt eines Tages, sich ins Badezimmer zurückzuziehen, die Badewanne zur Bettstatt zu machen - ein Sarg ohne Deckel - und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Er weiß sehr wohl, dass dieses Verhalten für einen Mann "von siebenundzwanzig, bald neunundzwanzig Jahren" nicht sehr gesund ist, und gleichwohl muss er das Wagnis eingehen, "die Seelenruhe meines abstrakten Lebens aufs Spiel zu setzen, um. Ich beendete meinen Satz nicht". Der Satz ist gar nicht zu beenden, denn er führt in Gegenden, für deren Beschreibung es keine Sprache, vielleicht noch nicht einmal ein Empfinden gibt. Der Erzähler, von dem wir nicht viel mehr wissen, als dass er Historiker ist, kann sich nicht mehr anders beikommen. Er ist eine jener Figuren, denen nicht zu helfen ist und deren Wahrnehmung stets auf das Ende zielt: "Zwei Arten gibt es, zu Hause, hinter einer Fensterscheibe, zu beobachten, wie der Regen fällt. Bei der ersten hält man den Blick auf einen beliebigen Punkt im Raum gerichtet und sieht dem unaufhörlichen Fallen des Regens an der ausgewählten Stelle zu; diese Art, so entspannend sie für den Geist ist, gibt keinen Aufschluss über das zielgerichtete Ende der Bewegung. Die zweite Art, die dem Sehvermögen einiges an Behendigkeit abverlangt, besteht darin, mit den Augen dem Fallen eines einzigen Tropfens zu folgen, von seinem Eintritt in das Sehfeld bis zu seinem Aufplatzen auf dem Boden. Auf diese Weise ist es möglich, sich vorzustellen, dass die Bewegung, so blitzartig sie auch dem Anschein nach ist, in ihrem Wesen zur Bewegungslosigkeit tendiert, und sie aus diesem Grund, so langsam sie manchmal auch scheinen mag, die Körper unaufhörlich in Richtung Tod zieht, in dem ich die Bewegungslosigkeit seh. Olé."

Absurd und komisch

Olé: Vor fast zwanzig Jahren debütierte der damals 28-jährige Belgier Jean-Philippe Toussaint mit dem Roman La Salle de bain, der kurz darauf unter dem Titel Das Badezimmer auf Deutsch erschien. Es handelt sich bei diesem Buch um einen wunderbaren, lange Zeit vergriffenen Erstling, der kaum etwas von seiner provozierend berechnenden Rätselhaftigkeit und sprachlichen Suggestionskraft verloren hat. Deshalb und weil man Toussaints Roman Sich lieben im letzten Jahr feierte, wurde Das Badezimmer jetzt wiederveröffentlicht, in angemessener Kühle (und Komik!) neu übersetzt von Verleger Joachim Unseld.

Das Badezimmer ist ein präzis gebauter Roman, ein fast schon absurd mathematisches, geometrisches Buch, das durchnummerierte Absätze und insgesamt drei Kapitel aufweist: "Im rechtwinkligen Dreieck ist das Hypotenusenquadrat gleich der Summe der Kathetenquadrate", wird gleich zu Beginn als Motto Pythagoras zitiert. Kapitel eins und drei tragen den Titel "Paris", Kapitel zwei heißt "Hypotenuse". Dass allerdings die Mathematik der Sinnlosigkeit des Lebens nicht beikommen kann und formale Strenge angesichts all dessen, was der Fall ist, grotesk wirkt, muss man rasch feststellen. Nicht umsonst gehört der philosophierende Mathematiker Blaise Pascal, der einmal meinte, das Unglück des Menschen rühre daher, dass er nicht in seinem Zimmer verharren könne, zum impliziten und auch zitierten Hausphilosophen des Ich-Erzählers. Die Ironie, die durch den be- und entfremdeten Blick des Erzählers aufs Alltägliche entsteht, ist allenthalben zu spüren und kann doch den Ernst der Situation nicht entkräften: Im ersten Teil lernen wir den Ich-Erzähler als Oblomov unserer Tage kennen. Seine Freundin Edmondsson, die in einer Galerie arbeitet, kümmert sich um den sinnierenden Müßiggänger. Es tauchen des weiteren zwei mittellose polnische Künstler zum Streichen der Küche in der Wohnung auf. Teil zwei beginnt mit einem überstürzten Aufbruch des Helden nach Venedig, wo er die meiste Zeit in seinem Hotelzimmer verbringt. Seine Langeweile bekämpft er mit einem Dartspiel. Edmondsson reist dem Ich-Erzähler schließlich hinterher, sie möchte ihn zur Umkehr bewegen, er aber weigert sich und reagiert genervt und plötzlich sogar impulsiv: "Mit aller Kraft warf ich einen Pfeil in ihre Richtung, der in ihrer Stirn steckenblieb. Sie sank zu Boden, fiel auf die Knie. Ich ging zu ihr, zog den Pfeil heraus (ich zitterte). Das ist nichts, sagte ich, nur ein Kratzer."

Edmondsson reist zurück nach Paris. Im dritten Teil erkrankt der Ich-Erzähler (zumindest möchte er krank sein), lässt sich in ein Krankenhaus einweisen, lernt einen jungen Arzt kennen, und mit diesem und dessen Frau spielt er Tennis. So ankündigungslos wie er nach Venedig gefahren war, kehrt er anschließend nach Paris in seine Badewanne zurück - um ganz am Ende den Entschluss zu fassen, das Badezimmer endlich zu verlassen. Das eine erscheint so folgenlos und unmotiviert wie das andere, obwohl man dem Helden gerne neuen Lebensmut unterstellen möchte. Allein, die Dinge des Lebens geschehen, und sie geschehen ganz ohne Kontur. Vielleicht aber hat der Erzähler eines begriffen: Auch wenn der Tod unaufhaltsam ist, mit der Bewegungslosigkeit geht man paradoxerweise mit viel zu entschiedenen Schritten auf ihn zu.

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