Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Kleine Nachtmusik der Ambulanzen

Souverän, taktvoll: Jan Wagners neue Gedichte schweben zwischen den Zeilen der Tradition

Von ALEXANDER VON BORMANN

Probebohrung im Himmel hatte Jan Wagner, Jahrgang 1971, seinen ersten Gedichtband genannt, und an die poetische Seite der Physik erinnert auch der neue Titel. Otto von Guericke, Magdeburger Ratsherr und bedeutender Physiker, ist der Erfinder der Vakuumpumpe, welche er auf dem Regensburger Reichstag von 1654 vorführte. Zwei gläserne Halbkugeln wurden um einen Sperling geschlossen, an welchem man das Abpumpen der Luft verfolgen konnte: eine Demonstration, die dem Tierchen nicht bekam. Wagners Pointe ist genau und weitreichend: "dieser tote sperling", flüstert einer,/ "wird noch durch einen leeren himmel fliegen". Der Sturz der Metaphysik war durch die frühen Naturwissenschaften zwar vorbereitet, vollendet aber erst durch Kant und Nietzsche, deshalb das Futur. Schön, dass der Sperling nun ein Grab in den Lüften erhielt, so fliegt er immer noch, verewigt in der Poesie. So lange jedenfalls, wie Jan Wagners Gedichte halten. Einige davon haben eine gute Chance.

Jan Wagner schreibt gepflegte Jamben, man könnte das Leipziger Literaturinstitut als Hintergrund vermuten, er war aber nicht dort. Gleich das Eingangsgedicht zollt gekonnt der gegenwärtig angesagten Rückkehr zum hohen Stil seinen Tribut. Es nimmt den Ton aus Stefan Georges "Jahr der Seele" auf, und einige Zeilen lang denkt man: ein geschicktes Remake. Doch dann folgt die dekonstruktive Geste: Zum Rückgriff auf diesen Ton und sein Ambiente gehört auch die Erfahrung des Vorbei - "aristokratisch fahl wie wachs". Und das Gewächshaus ("seine weißen rippen") erscheint wie "walskelette", nun in Museen aufgehängt, Ungetüme aus Urzeittiefen, "erstickt an ihrem eigenen gewicht". Genauer wurde selten über die Aussichten des Neoklassizismus gesprochen, und gleich im ersten Gedicht verabschiedet Jan Wagner also den möglichen Verdacht, er könnte auf diesen Zeittrend einschwenken.

Jahreszeiten, Erwartungen-Enttäuschungen-Erfüllungen, Reisen und Landschaften, Kunsterfahrungen und historische Reminiszenzen und immer wieder überraschende Bildeinfälle bestimmen diese Gedichte. Manchmal kann es fast schon etwas zu viel des Guten werden: "an den hängen fielen die spatzen als flauschige salven/ über die kirschbäume her und ihre winzigen bojen". Während man noch zu tun hat, Salven und Bojen zusammen zu bringen, geht es höchst konzentriert weiter, Satz um Satz, Bild um Bild: "ohne unterlass buchstabierte das meer seine bläue./ möwen glitten auf ihrem gelächter an uns vorüber,/ kiesel rollten die augen unter der brandung - wir füllten / unsere sommertaschen mit ihren geschliffenen blicken."

Wagners Verse buchstabieren uns sozusagen auch ihre Entstehung vor. Das Bildarchiv des Zitats ist nur allzu bekannt, ein Ferienklischee, doch höchst gekonnt wird jeder Bezug auf Schlagerseligkeit vermieden. Fast unmerklich sind die Verfremdungen: Der altgriechische Hexameter trägt kulturell die Naturbilder (es gibt sie als Wirklichkeit und als Erinnerungswissen) und entspricht zugleich dem Rollen der Brandung. Die Natur wird mehrfach als Subjekt berufen (Meer, Möwen, Kiesel), bevor auch das Wir als solches hervortritt. Doch es tritt nicht herrscherlich auf, sondern mit metaphorischen Gesten, die das Handeln auf Mimesis, auf das Muster Natur einstellen, also taktvoll dialogisch bleiben.

Die Zeiten der Parlando-Lyrik, der weitgehend ungeformten Herzensergießungen, scheinen endgültig vorbei. Formwissen ist wieder in, und es ist erfreulich, wie souverän und taktvoll die jüngeren Autoren damit umzugehen wissen. Die sapphische Ode kommt vor, ebenso die Terzine, das Haiku, natürlich der freie Vers und (un)gereimte Strophen, und Jan Wagner bietet uns auch einen veritablen Sonettenkranz, der zu den schwierigsten Formen gehört und hier erscheint, um einen Besuch in Görlitz historisch tiefgestaffelt in Bild und Vers zu bringen.

Wagners Bilder sind immer wieder überraschend, und er scheut auch nicht vor starken Akzenten zurück. Frühherbst, das war nicht nur für Rilke eine bedrohende Jahreszeit. Der jugendliche Wagner greift stark in die Tasten: "der wachsende abgrund unter deinen sohlen", so beginnt das Gedicht "Miniatur im Frühherbst", ein Bild, das man fast nur mit van Gogh verstehen kann, dessen Bildgründe am Schluss überwiegend tiefblau, abgründig und nicht eben verlässlich waren. Die Schlusszeile kündigt Zukunft auf: "der tag, der seine kreide nimmt und geht", da wird nichts mehr angeschrieben. Und es ist schon erstaunlich, wie es aufs neue gelingt, Herbstgefühle zu bebildern, ohne dass je ein déjà-vu-Gefühl aufkommt: "die bäume liefern ihre früchte aus./ die kinderspiele, von den straßen gefegt,/ und alle häuser in geordneter flucht". Bei den Reisegedichten gibt Wagner nirgends dem Modell Touristenlyrik nach. Er versucht auch in der Fremde, "die stumme sprache der dinge" zu vernehmen, oder in Berlin-Neukölln den Sirenenlärm als "kleine nachtmusik der ambulanzen" zu kodieren, indes der Herbstregen in Wendisch-Rietz ihm eine schöne Ghasele wert ist.

Es ist eine Lyrik, in der Form, Ton und Gegenstand einander geistvoll informieren. Die Gedichte sprechen Kopf und Sinne zugleich an und sind nicht schnell ausgelesen, nicht so bald ausbuchstabiert. Die Leser werden sich finden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare