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Richard Wagner im vergangenen Mai in seinem Garten in Berlin-Schöneberg.

Richard Wagner „Herr Parkinson“

Die kleine Angst, die große Angst

Der Schriftsteller Richard Wagner leidet seit Jahren an Parkinson. Der Krankheit hat er ein Buch abgerungen, in dem er erzählt, wie sich sein Leben seit der Diagnose verändert hat

Von Cornelia Geissler

Herr Wagner tanzt. Er steht in der Tür seiner Wohnung, das linke Bein befindet sich auf dem Boden, das rechte hüpft auf und ab und versetzt den Mann in Schwung. „Im Grunde war es mein rechtes Bein, das mich ins Unglück gestürzt hat“, beginnt sein neues Buch, „ohne dieses Bein wäre mein Leben anders verlaufen.“

Richard Wagner, 1952 im rumänischen Banat geboren und 1987 gemeinsam mit seiner Ehefrau, der späteren Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller nach West-Berlin ausgereist, hat früher geschrieben und schreibt immer noch Bücher. Insofern hat sich sein Leben nicht verändert.

Das jüngste Buch heißt „Herr Parkinson“. Es handelt von ihm und einem schlechten Bekannten. Seit nämlich Herr Parkinson Wagners ständiger Begleiter ist, tanzt er nicht nur zu unpassender Zeit. Er musste auf vieles verzichten.

Er setzt sich in einen Ledersessel. So groß und breit ist der, dass Richard Wagner verloren darin wirkt. Der Schriftsteller hat in seine Wohnung im sechsten Stock eines Hauses in Berlin-Schöneberg eingeladen, das sich von anderen Wohnhäusern nur dadurch unterscheidet, dass im Fahrstuhl ein Speiseplan aushängt.

Bei Richard Wagner baumelt neben dem Lichtschalter eine rote Schnur mit einem Plastikwürfel am Ende. Das ist der Notrufknopf. Den kann er auch im Bad, in der Küche und im Schlafzimmer bedienen.

Richard Wagner spricht ruhig, aber der Körper hält nicht still. Er wackelt mit dem Kopf anders als mit dem Bein. Das sind die Überbewegungen, erklärt er als Experte in eigener Sache. „Es gibt Krankheiten, über die in zehn Minuten alles gesagt ist, und es gibt Krankheiten, die nicht zu fassen sind, mit Worten kaum zu beschreiben, wie es heißt.“ Dieser Satz aus dem Buch klingt wie ein Diktum.

Richard Wagner nimmt sich jedoch die Sprache dafür, dieser Krankheit zu Leibe zu rücken. Ihm war klar, dass er eines Tages über sie schreiben würde, sagt er. Aber er dachte, er müsse sie besser kennen. Als sein Verleger das Thema vorschlug, schien es ihm immer noch abwegig. Doch das war der Anstoß.

Tatsächlich sind die Erfahrungsberichte von Betroffenen meist in einer relativ frühen Phase der Krankheit entstanden. „Über Parkinson gibt es nur schlechte Bücher“, sagt Richard Wagner. Er ist nicht diplomatisch in dieser Sache. „Man hört so oft: Ich habe so viel erlebt, ich könnte einen Roman schreiben. Doch nicht die Erlebnisse sind der Roman, sondern die Form, wie man erzählt.“

Und so zeugt sein Buch von hohem Formbewusstsein. Die Sprache ist auf das Wesentliche verknappt, viele Sätze sind so verdichtete Beobachtung, dass sie sich beim Lesen einbohren. „Der Parkinson ist eine Krankheit für Einzelgänger.“

Wagner nähert sich dem mysteriösen Herrn in drei Teilen. „Taumel“ ist der erste überschrieben, da sucht der Erzähler Ärzte auf, die aus den Zeichen des Körpers die Diagnose stellen. Da gibt es auch noch eine Frau, „meine Liebe“ genannt, sie wird im Laufe des Buches kapitulieren. In diesem Teil erweitert sich das Vokabular des Erzählers: „Der Tremor, der Rigor, das Freezing, die Dyskinesien.“

Der Tremor, das Zittern, ist das bekannteste Symptom. Den Kabarettisten Ottfried Fischer veranlasste er zur Aussage, er machte keine Schüttelreime. Der Rigor, die Versteifung bestimmter Muskelpartien, findet sich auch in dem alten deutschen Wort für die Krankheit: „Schüttellähmung“.

Freezing bezeichnet das plötzliche Erstarren, was den Betroffenen auf der Stelle festhält. Die Dyskinesien schließlich sind die Überbewegungen, die Richard Wagner tanzen lassen, wenn ihm nicht danach zumute ist.

„Honeymoon“ heißt der zweite Teil des Bandes. Hier glaubt der Erzähler, sich arrangieren zu können. Er hat ein Medikament. „Vor dieser Flitterwochenzeit und ihrer Überbewertung kann ich nur warnen.“ Teil drei trägt denselben Titel wie das Buch: „Herr Parkinson“. Da ist klar, wer gewonnen hat. „Herr Parkinson verwirrt den Körper und lässt den Kopf zuschauen.“

Die prominenten Betroffenen

Ottfried Fischer versuchte es mit Witzen über die Krankheit. Stefan Berg, Redakteur des „Spiegel“, schrieb nach der Diagnose eine Erzählung mit dem Titel „Zitterpartie“. Der Schauspieler Michael J. Fox setzt sich für die Forschung ein. Gunther von Hagens, der Körperwelten-Plastinierer, zeigt im Fernsehen seinen Hirnschrittmacher. Diese prominenten Betroffenen kommen bei Richard Wagner vor, auch Papst Johannes Paul II. und Wilhelm von Humboldt.

Im Grunde sei es ein autobiografisches Buch, sagt Richard Wagner, aber keine Autobiografie. War das schwerer zu schreiben als die anderen Bücher? Wagner antwortet gern in Etappen. Er wirft erst eine einfache Lösung hin und wartet deren Wirkung ab. „Ich gehe an so ein Buch heran wie an alle anderen, ich überlege mir vorher, wie ich das mache. Ich bin Berufsschriftsteller. Das ist meine Arbeit.“

Geduld beim Zuhören wird belohnt mit einem Zweifel: „Aber in den Details ist es hier natürlich etwas anderes. Ich war am Ende nicht sehr froh, aber zufrieden.“

Richard Wagner sitzt jetzt ruhig in seinem Sessel, man könnte sein Leiden übersehen, wenn nicht sein Kopf etwas schiefer auf den Schultern säße als bei anderen. „Ich bin der Ansicht, wenn man so ein Buch schreibt, muss man bereit sein, in alle Winkel der Seele zu gehen und das auch zu erzählen. Die Kunst besteht darin, diese schlimmen Sachen zu benennen, ohne den Leuten einen Schreck einzujagen. Es hat keinen Sinn, das aufzuschreiben, wenn man nicht klarmacht, wohin das führt.“

Mehrmals gebraucht er im Buch das Wort „unheilbar“, das weniger deutliche „chronisch“ lässt er weg.

Wie schreibt jemand, dessen Hände mal hierhin, mal dorthin springen? Richard Wagner hatte es mit einem Sprachprozessor versucht, doch er scheiterte an den vorgegebenen Bausteinen. Ein Schriftsteller kann mit der automatischen Vervollständigung von Sätzen nichts anfangen.

Eine Herausforderung: die Tastatur richtig zu treffen

Seine jüngsten drei Bücher habe er wieder am Laptop getippt: Eine Anthologie mit hundert deutschen Gedichten, seine historisch-literarische „Habsburg“-Erkundung und nun dieses. Die Tastatur richtig zu treffen, sei eine Herausforderung. „Ich springe beim Schreiben, da geht mal das Bein hierhin und die Hand trifft dorthin. Aber ich bin ja allein hier, ich kann turnen so viel ich will.“ Der Laptop steht auf einem Tisch drei Schritte vom Sessel entfernt. Wagner zeigt, wie er die Platte ausklappt. Manchmal ist es besser, wenn der Tisch größer ist.

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„Wer Parkinson sagt, muss als nächstes Fragen beantworten“, schreibt er. Der Name der Krankheit ist geläufiger als ihre Auswirkungen. Für die meisten Leute sehe er aus, als wäre er betrunken. Kinder hätten Angst vor ihm, „so wie sie sich früher vor dem Dorfnarr fürchteten“. Halbstarke Jugendliche motzten ihn an.

Eine Frau im Bus, die hinter ihm saß, beklagte sich lautstark bei ihrem Mann über den Zappler. „Eine Zeit lang bin ich auf die Leute zugegangen und habe es gesagt. Das ging manchmal gut, aber manchmal auch nicht.“ Rund 300 000 Menschen leben in Deutschland mit Parkinson, viele verstecken sich irgendwann.

Er reiste noch, mischte sich weiter ein

Richard Wagner ist auch nach seiner Diagnose noch gereist, hat sich eingemischt. Doch als sich ein Streit um den rumänischen Geheimdienst Securitate zuspitzte, fehlte ihm schon die Kraft, so beharrlich zu sein, wie er es wollte. Im April 2011 musste er in München vor Gericht aussagen, er verlor den Prozess. Richard Wagner spricht mit Verbitterung davon. Dass die Richter in München keine Ahnung vom Osten gehabt hätten, regt ihn auf. „Ich hätte nach Bukarest fahren müssen, um mir die Akten anzusehen. Das konnte ich nicht.“ Ist darüber die Beziehung zu seiner früheren Frau zerbrochen? Da wählt er wieder eine Stufen-Antwort: „Jeder ist frei zu entscheiden, ob er jemanden weiterhin sehen will oder nicht. Ich kann das Herta Müller nicht verübeln.“ Getrennt haben sie sich schon 1990. Sie stelle die Dinge, die in Rumänien waren, etwas zugespitzt dar, sagt er. Und: „Sie mag es nicht, wie ich darüber schreibe.“

Seit zwölf Jahren lebt Richard Wagner mit seiner Krankheit. Mit Parkinson in diesem Stadium kann man nicht vor einer Schulklasse stehen, kann keine Maschine bedienen, nicht einmal eine Supermarktkasse. Man kann nicht täglich pünktlich irgendwo zur Arbeit erscheinen. Man wird krankgeschrieben, erhält Erwerbsminderungsrente, wird schließlich Rentner. „So etwas wie mich sehen die Sozialstaatsregelungen gar nicht vor“, sagt er, „dass ich als freier Autor versuche, weiterzuarbeiten wie immer.“

Was das Schlimmste an seiner Situation sei? „Solch ein Ranking habe ich nicht.“ Richard Wagner sagt, er traue sich kaum noch allein auf die Straße, seit er einmal mitten auf dem Damm stehengeblieben ist. Die Ampel sprang auf Rot, aber er kam nicht vom Fleck. Und wie zur Illustration klingelt während unseres Gesprächs das Telefon. Richard Wagner springt aus dem Sessel auf, aber dann geht er mit winzigen Trippelschritten auf der Stelle. Plötzlich löst sich die Bewegung wieder, die Schritte werden größer. Er kommt trotzdem zu spät zum Apparat.

Nein, er gehe nicht mehr gern raus. Aber er darf auch nicht steif werden. Vor der Wohnungstür steht ein Rollstuhl, für den Notfall. Schwierig sei auch das Schlafen. Man könne sich nicht im Schlaf umdrehen. Und das so wichtige Dopamin, das als Medikament zugeführt wird, bewirkt auch Halluzinationen oder Albträume. „Es gibt Sachen, die einem große Angst machen und Sachen, die einem eine kleine Angst machen“, sagt er. „Dann versucht man, sich nur mit denen zu beschäftigen, die nur die kleine Angst machen.“

Richard Wagner stockt. Über die Krankheit zu sprechen ist etwas anderes, als darüber zu schreiben. Solange er arbeiten könne und seine Bücher habe, gehe es ihm gut, sagt er. Seine Wohnung liegt in einem Haus für betreutes Wohnen, der Hausarzt hat seine Praxis gegenüber, die Physiotherapeutin kommt zweimal die Woche, eine Putzfrau auch, die Wäsche wird gewaschen. Mittags geht er runter zum Essen.

Was ist das Schlimmste?

Was ist das Schlimmste, wenn fast nichts mehr so ist wie gewohnt? Man kann es sich aussuchen. Er ist immer zur Berlinale gegangen, betritt aber heute kein Kino mehr, keinen Konzertsaal, kein Theater. „Ich störe da nur.“ Die Leute kämen ja nicht, um ihn zu hören, wie er mit dem rechten Bein den Takt schlage. Der Kulturbetrieb aber beruhe auf Anwesenheit. „Wenn man als Autor nicht präsent ist, wird man vergessen.“

Er ist nicht vergessen. Ende Oktober hat Richard Wagner das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten, für sein „bedeutendes literarisches Lebenswerk wie für sein mutiges Engagement in der rumänischen Opposition“.

Anfangs seien noch mehr Kollegen zu Besuch gekommen. Die Freunde seien weniger geworden. „Ich habe volles Verständnis für die, die aus meinem Leben verschwunden sind“, sagt er und spricht wieder als Experte: „Es ändert sich alles, die Körperlichkeit. Der Parkinsonkranke hat die Tendenz, sich sehr auf sich selbst zu beziehen, sein Ego auszuleben, man bekommt sogar ein verstärktes Selbstbewusstsein durch die Medikamente, man überschätzt sich, obwohl die Behinderung wächst.“

Er müsse aufpassen, seine verbliebenen Freunde nicht zu sehr auszunutzen. Einer kaufe ein für ihn, einer helfe ihm bei den Formularen, die für alles Mögliche auszufüllen seien.

Und einer leiht ihm, wenn es sein muss, die Stimme. Wie an dem Tag, als „Herr Parkinson“ im Grünen Salon der Volksbühne vorgestellt wird. Erst erlischt das Licht und Nancy Sinatra singt: „These Boots Are Made For Walkin’“. Dann geht der Autor nach vorn, begleitet von seinem Freund Helmuth Frauendorfer, auch aus Rumänien gekommen, und der Schriftstellerin Felicitas Hoppe.

Wagner liest die ersten Sätze aus seinem Buch. Er wackelt nach rechts, er wackelt nach links. Die Stimme kämpft sich aus dem unruhigen Körper hin zum Publikum. Es ist seine erste Lesung seit drei Jahren. Helmuth Frauendorfer übernimmt, liest mit großer Ruhe und demselben osteuropäisch-harten R auf der Zunge weiter.

Etwa fünfzig Leute sind gekommen. Der Grüne Salon ist auch so etwas wie ein Club. An diesem Abend ist das Durchschnittsalter vermutlich über sechzig. Man sieht Gehhilfen, die an Sesseln lehnen. Manch einer hat sich unter Mühen die Treppe hochgequält.

Felicitas Hoppe sagt, sie habe sich Sätze angestrichen in dem Buch und irgendwann gemerkt, dass auf jeder Seite Unterstreichungen waren, kaum noch Zeilen ohne. Richard Wagner weiß, welche Kraft es ihn gekostet hat, so weit zu kommen. Er erzählt von den vielen Arbeitsgängen, die bei ihm ein Manuskript durchläuft.

Von diesem 144-Seiten-Buch hat er etwa tausend Seiten Manuskript zu Hause, wieder und wieder überarbeitet, verdichtet, verkürzt. „Kurz heißt nämlich nicht, nicht lang zu sein“, sagt er, „sondern kurz heißt, nicht langweilig zu sein.“

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