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Zu klein, zu arm, zu schwarz

Die britische Journalistin Linda Melvern über die Mitschuld des Westens am ruandischen Genozid

Von GASPARD NGARAMBE

Mit einer Bilanz von einer Million Toten in knapp 100 Tagen ist der Genozid an Tutsi in Ruanda wohl eines der schrecklichsten Verbrechen im an Gräuel nicht armen 20. Jahrhundert, einem Jahrhundert der bewaffneten Konflikte, Kriege und Genozide. In ihrem neuen Buch Ruanda. Der Völkermord und die Beteiligung der westlichen Welt liefert Linda Melvern ein Zeugnis von dem Völkermord in Ruanda, das zugleich das Ergebnis investigativer Recherchen ist, die sich auf geheime UN-Archive und offizielle Quellen sowie auf Dutzende von Zeugenaussagen stützen.

Dieser Völkermord scheint viele überrascht zu haben, die nicht geglaubt hatten, dass sich nach dem Holocaust ein Genozid wiederholen könnte. Der Plan zur Auslöschung der Tutsi wurde aber von langer Hand vorbereitet und systematisch ausgeführt. Eine bittere Kenntnis, dass der Genozid machbar ist, auch im Zeitalter der Globalisierung und der modernen Kommunikationstechnologien! Obwohl nämlich die UN und der Westen gut informiert und gut beraten waren, ließen sie dieses vor laufenden Kameras begangene Menschenverbrechen zu. Sie ignorierten Warnungen, um den Völkermord zu verhindern; auch die Schreckensbilder in den Medien haben sie nicht bewegen können, ihn zu stoppen.

Überraschender ist aber vor allem das Verhalten der Vereinten Nationen vor, im und nach dem Genozid, jene Organisation, die eigentlich mit dem Ziel gegründet wurde, Völkermorde zu verhindern und der Umgang mit dem Genozid seitens des mächtigen Westens, der sich als zivilisierte Welt versteht, doch als erster diesen Genozid leugnete. Als die Vereinten Nationen endlich anerkannten, dass es sich um einen solchen handelte, war es zu spät, es war schon erledigt, der Plan war ausgeführt. Diese Verspätung war für Melvern ohne Zweifel politisch motiviert, denn eine frühzeitige Anerkennung hätte die Weltgemeinschaft verpflichtet einzugreifen. Genau das wollten diejenigen unter den Meinungsführern und mächtigen Industrienationen verhindern, die ihre Finger im Spiel - oder kein Interesse und nichts damit zu tun haben wollten.

Auch im Nachhinein will keiner die Verantwortung übernehmen. Selbst der durch die Vereinten Nationen in Arusha (Tanzania) eingerichtete internationale Strafgerichtshof für Ruanda (International Criminal Tribunal for Rwanda: ICTR) kommt nur noch widerstrebend unter politischem Druck, mit Manipulationen und Blockaden ihren Ansprüchen nach. So scheinen die Herstellung der Gerechtigkeit, die Bekämpfung der Gesetzlosigkeit und Unstrafbarkeit, die den Genozid begünstigten, nur noch Worthülsen zu sein. Eine Bestätigung dessen, worüber Martin Luther King sprach: "the bank of justice is bankrupt"?

Exotismus, Barbarismus

Im Gegensatz zu der weit verbreiteten Vorstellung, wonach der Genozid in Ruanda Folge eines jahrhundertealten und ethnischen Konflikts zwischen Hutu und Tutsi, eine periphere Erscheinung, ein afrikanischer Exotismus bzw. Barbarismus sei, mit dem der westliche Bürger nichts zu tun hat, zeichnet Melvern den Genozid materialreich nach, an dem sich die zivilisierte Welt beteiligt hat. Sie deckt die Rolle von Vertretern der UNO im Völkermord an Tutsi in Ruanda auf und klagt diese sowie die westlichen Staaten, Institutionen und NGO's der Gleichgültigkeit oder gar der Komplizenschaft und der Beteiligung an. In der Rangliste von Verantwortlichen und Mitverantwortlichen nehmen die damaligen hochrangigen Offiziellen der UNO einen wichtigen Platz ein; ebenso das US-Establishment, die französische, belgische, britische und deutsche Regierung.

Melvern kommt zu dem Schluss, dass Ruanda zu klein, zu arm und zu schwarz war, dass keiner in der UNO diesen "zerfallenen Staat" beachtete. Dort metzelten einfach nur ein paar Schwarze ein paar andere Schwarze ab, habe es hinter den Kulissen geheißen. Der Genozid in Ruanda ist in diesem Sinn zu erklären und verstehen als das Ergebnis der herrschenden Unordnung, die der neuen Welt- und UN-Ordnung gleicht. Die über eine Million Opfer des Genozids - Tote und Lebende - sind Opfer der Gleichgültigkeit der westlichen Länder gegenüber der Probleme in der sogenannten Dritten Welt, Opfer des institutionalisierten Rassismus in der UNO, in der alle Völker eigentlich gleich sein sollten. Außerdem gibt es Indizien, dass der Genozid in Ruanda ein Komplott war und von außen durch die Gier der westlichen weißen (und schwarzen) Brüder gesteuert wurde.

Melverns Buch ist sowohl für Fachleute als auch für Laien geeignet. Sein Verdienst liegt darin, dass die Journalistin und Menschenrechtlerin auf theoretische Darstellungen verzichtet, die statt den Genozid zu erklären, oft dazu dienen, ihn mit Hilfe von Klischees und Vorurteilen zu banalisieren. Gegen Leugnung und Revisionismus legt sie Argumente und Fakten vor. Dabei stellt sie sich gegen die Politik, die den Genozid ermöglichte und ihn heute noch missbraucht, und gegen alle, die ihn klein reden.

Angesichts des bitteren Kenntnis, dass der Genozid in der bestehenden Ordnung und zugleich in dem herrschenden Chaos wiederholbar bzw. machbar ist, bleibt nun die Frage offen, ob "Nie Wieder Genozid" in einer neuen Weltordnung und Friedensordnung trotzdem noch zu hoffen ist.

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